Solidarität mit Freiberuflern Durch Corona in Not: Wie ein privater Fonds Selbstständigen in der Kultur hilft

Autorenbild Grit Hasselmann
Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Auch im zweiten Corona-Jahr sieht es schlecht aus für die Veranstaltungsbranche: Da aufgrund der Pandemie ein Festival nach dem anderen abgesagt wurde, müssen Stagehands, Lichttechniker, Bühnenbauer und Co. weiterhin starke Umsatzeinbußen hinnehmen. Ein privat organisierter Solidaritätsfonds hat inzwischen fast eine Million Euro gesammelt, um ihnen zu helfen.

Publikum steht vor einer blau ausgeleuchteten Bühne, auf der mehrere Musiker stehen. Im Hintergrund ist ein Olli Schulz-Schriftzug und eine Comic-Krabbe.
Ohne die Männer und Frauen im Hintergrund würden Bühnenshows wie diese bei der Kulturarena 2018 in Jena nicht funktionieren: Veranstaltungs- und Tontechniker, Roadies, Lichtgestalterinnen und viele andere Freiberufler wirken daran mit. Bildrechte: MDR/Holger John

Ohne sie gäbe es kein Konzert, keine Festivals, keine CDs. Und doch kennt sie kaum jemand: die Veranstaltungstechniker, Tonmeister, Lichtgestalter, Bühnenbauer, Ausstatter und viele mehr. Die meisten von ihnen arbeiten freiberuflich und deshalb hat die Corona-Pandemie sie besonders hart getroffen. Denn für viele Hilfsprogramme fehlten ihnen die Voraussetzungen.

Flascheetiketten
Als die Initiative gestartet ist, hat niemand eine solch große Spendenbereitschaft erwartet. Bildrechte: MDR/Frank Haverkamp

Aus Merkers nach Wien

Einer davon ist Georg Hühnerfuß aus Merkers. Ob im Komödienhaus Bad Liebenstein oder zur "Young Talents Night" in der Wandelhalle, ob beim jährlichen Brunnenfest oder in der Schilde-Halle in Bad Hersfeld - er hat dafür gesorgt, dass die richtigen Töne getroffen wurden und die Künstler ins "rechte Licht" gesetzt wurden.

Georg Hühnerfuss auf der Bühne.
Georg Hühnerfuß auf der Bühne -vor Corona, versteht sich. Bildrechte: MDR/Claudia Hühnerfuß

Früher lernte er in der Musikschule Wartburgkreis, absolvierte später beim NDR in Hamburg eine Ausbildung zum Veranstaltungstechniker. Auch dort hat er nebenbei immer gearbeitet, erzählt Georg Hühnerfuß: "In Hamburg gibt es die 'Kulturwerkstatt' von Alexander Grimm, der auch den Chor 'Hamburg Voices' leitet. Mit der Kulturwerkstatt und dem Chor durfte ich wunderbare Veranstaltungen betreuen." Und ganz nebenbei macht er auch noch selber Musik.

Neue Etappe beginnt trotz Corona

Jetzt ist er gerade nach Wien gezogen und hängt noch ein Studium zum Tonmeister dran. Und eigentlich wollte er im Festivalsommer das Geld dafür verdienen und auch in Wien Veranstaltungen betreuen. Doch diese Pläne hat Corona zunichte gemacht. "Ich habe damals (2020) gedacht, dass im Sommer wieder etwas gelockert wird und im Herbst Veranstaltungen möglich sind. Darauf habe ich damals gehofft. Aber das ist nicht passiert."

Georg Hühnerfuß im Studio 8 min
Bildrechte: MDR/Tom Niehaus

MDR THÜRINGEN - Das Radio Mi 02.06.2021 14:23Uhr 07:38 min

https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/west-thueringen/wartburgkreis/audio-1753152.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Umso mehr hat er sich gefreut, als ein Kollege von der Band "Saltatio Mortis" ihm von dem Nothilfefonds #handforahand erzählte. Schon kurze Zeit, nachdem er den Antrag abgeschickt hatte, bekam er eine finanzielle Unterstützung. Den ganzen Ablauf hat Georg Hühnerfuß als sehr angenehem, unbürokratisch und zugewandt erlebt.

Solidarität und Hilfe in der Not

Entstanden ist die Idee zu diesem Nothilfefonds schon 2019. Ziel ist es, diese so wichtige Berufsgruppe zu unterstützen. Das Team sammelt Spenden für einen privaten Solidaritätsfonds. Bisher sind das mehr als 970.000 Euro. Das Geld wird dann von einem unabhängigen Vergabegremium monatlich an die ausgezahlt, die es am meisten brauchen. 

Videokonferenz
So sehen momentan die Sitzungen des Vergabegremiums aus. Bildrechte: MDR/#handforahand

Die Unsicherheit wird noch lange, lange weitergehen, selbst, wenn wir jetzt im Herbst zu einem halbwegs normalen Betrieb zurückkehren können. Was ja auch noch nicht sicher ist.

Clara Ehrenwerth

Aus sechs Leuten besteht dieses Vergabegremium und eine davon ist Clara Ehrenwerth. Sie kommt aus Erfurt, arbeitet als Autorin und lebt mittlerweile in Leipzig. Sie ist schon von Anfang an bei #handforahand dabei, die Idee des Gründers Dorian Steinhoff hatte sie sofort begeistert.

Clara Ehrenwerth 6 min
Bildrechte: MDR/Paula Reissig

MDR THÜRINGEN - Das Radio Mi 02.06.2021 14:32Uhr 06:24 min

https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/west-thueringen/wartburgkreis/audio-1753156.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Resonanz war größer als erwartet

Geplant war dieser Fonds ursprünglich für drei Monate. Diesen Zeitplan hat zum einen die Pandemie geändert, zum anderen haben sich so viele Menschen beteiligt, sind so viele gute Ideen entstanden, dass das Team einfach auch weitergemacht hat.

Festivalbändchen zur Aktion.
Alle Festival-Fans können mit diesen Bändchen die Aktion unterstützen. Bildrechte: MDR/RADIO BOB!

Beispielsweise hat ein Rock-Radio-Sender Festivalbändchen an jeden geschickt, der mindestens fünf Euro für den Fonds spendet. Sozusagen als Symbol für die ausgefallene Festivalsaison. Alleine durch diese Bändchen sind mehr als 500.000 Euro zusammengekommen.

Clara Ehrenwerth erzählt noch von einer anderen Aktion: "Eine kleine Privatbrauerei hat extra für uns ein Bier gebraut, von jeder verkauften Flasche bekommen wir eine Spende für den Fonds." Der Chef der Brauerei, Frank Haverkamp, begründet das so: "Gerade Deutschland steht für Kunst und Kultur in allen Facetten. Mir war es wichtig, diese Bereiche zu unterstützen und auch diejenigen, die dabei eher im Hintergrund stehen."

Die Branche hält zusammen

Auch viele Künstler, Musiker und Bands haben die Aktion unterstützt, "die Solidarität war insgesamt sehr groß", erzählt Clara Ehrenwerth, "und das hat auch kein bisschen nachgelassen bisher".

Gerade Deutschland steht für Kunst und Kultur in allen Facetten. Mir war es wichtig, diese Bereiche zu unterstützen und auch diejenigen, die dabei eher im Hintergrund stehen.

Bier-Brauer Frank Haverkamp

Bier in Glas und Flasche
Das Bier ist eine deutsch-englische Co-Produktion. Bildrechte: MDR/Frank Haverkamp

Geld kommt zügig beim Antragsteller an

Da das Team einmal im Monat tagt, vergehen vom Antrag bis zur Ausschüttung maximal sechs Wochen. Bisher konnten schon 600 Leute unterstützt werden, maximal 1.000 Euro kann der Einzelne beantragen. "Wir verstehen uns ja nicht als Projektförderung, sondern wirklich als Nothilfe", sagt Clara Ehrenwerth. Und deshalb soll alles möglichst schnell und unbürokratisch abgewickelt werden. Und sie ergänzt: "Wir untersützen wirklich nur Leute, die von woanders nichts bekommen."

Spendenstand
Inzwischen sind mehr als 970.000 Euro an Spenden eingegangen. Bildrechte: https://www.handforahand.de

Leider kein Ende in Sicht

Clara Ehrenwerth befürchtet, dass die Branche sich trotz der sinkenden Zahlen und Lockerungen nicht so schnell erholen wird: "Die Unsicherheit wird noch lange, lange weitergehen, selbst, wenn wir jetzt im Herbst zu einem halbwegs normalen Betrieb zurückkehren können. Was ja auch noch nicht sicher ist." Derzeit gibt es immer noch zwischen 70 und 100 Anfragen pro Monat. Darüber, wann die Aktion enden wird, hat das Team deshalb auch noch nicht gesprochen. Aber eins ist klar: Sollte am Ende noch Geld übrig sein, geht auch das an Leute, die es brauchen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 03. Juni 2021 | 05:00 Uhr

22 Kommentare

knarf2 vor 7 Wochen

Paule:Kann es sein daß Sie nicht merken wenn Sie provoziert werden?Bei den jetzigen Erfahrungen mit der Pandemie weiß doch jeder der seinen Kopf nicht nur zum Haare schneiden hat,daß es in einer derartigen Situation keinen krisensicheren Job gibt!

Paule vor 7 Wochen

@knarf: es gibt keinen krisensicheren Job! Weder im Angestelltenverhältnis, noch als selbstständiger Unternehmer! Auf was soll man also bei der Berufswahl achten? Das man sich nicht selbstständig macht und viel Geld in die eigene Firma investiert, Mitarbeiter einstellt, deren Gehalt, Kranken- und Rentenversicherung mit erwirtschaftet und man selbst am Ende alles aufgeben muss und vor dem Nichts steht, da man nicht arbeiten darf! Und was ist mit den Angestellten? Wie krisensicher war denn der Beruf eines Verkäufers? Fast alle Geschäfte waren zu! Wie sicher ist denn der Beruf eines Sportlehrers, wenn die Fitnessstudios nicht arbeiten dürfen? Wie sicher ist denn der Beruf des Kochs, wenn man das Lokal nicht öffnen darf?

Paule vor 7 Wochen

@knarf2: Warum verfehlt? Kann jeder Herzchirurg werden? Oder benötigt es dann da doch schon etwas mehr dazu? Genau so ist es mit einer ausgebildeten Musiker. Eine Stimme kann man nicht erlernen. Entweder man hat sie oder nicht! Man kann sie festigen und verfeinern, aber es ist eine Gabe und Talent. Genauso ist es mit Instrumentalisten. Die meisten haben bereits im Alter von 5-6 Jahren angefangen ihr Instrument zu erlernen und haben es über viele Jahre perfektioniert. Diese Menschen, die also ein einzigartiges Talent und eine einzigartige Gabe haben und ihr halbes Leben dafür gelernt und geübt habe, sollen also sich einen krisensicheren Job suchen? Was ist denn Krisensicher? Verkäufer? Bürofachkraft? Friseur? Sportlehrer? Koch? Alles eigentlich krisensichere Berufe und keiner von denen hätte gedacht, dass man auf Anordnung nicht mehr arbeiten darf! Nur mit dem Hintergrund, das die als Angestellte wenigstens Kurzarbeitergeld erhalten und der Selbstständige Hartz 4.

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