Klimawandel Gefahr für Wanderer im Wald: Immer mehr tote Buchen im Wartburgrevier

Auf der Suche nach Erholung oder Erlebnis zieht es immer mehr Menschen in die thüringischen Wälder. Doch mit dem Klimawandel wird es von Jahr zu Jahr gefährlicher: Immer mehr alte Bäume sterben, verlieren Äste oder stürzen gar um. Das ist auch im Wartburgrevier deutlich zu sehen.

Ein bemooster Stamm liegt in einem Buchenwald
Totholz hilft dem Wald bei der Regeneration. (Archivbild) Bildrechte: MDR/Simank-Film

Rot-weißes Flatterband versperrt den Wanderweg kurz hinter der Sängerwiese. Ein Schild warnt: "Lebensgefahr durch Totholz." Zu viele abgestorbene Rotbuchen säumen den Pfad - und es werden immer mehr. Deshalb hat das Forstamt Marksuhl in Westthüringen den Waldweg aus Sicherheitsgründen gesperrt. Erst wenn die Bäume von alleine umgefallen sind und so die Gefahr gebannt ist, kann der Weg wieder freigegeben werden.

Einfach Fällen kommt aus verschiedenen Gründen nicht infrage. "Zum einen ist es ein Naturschutzgebiet und teilweise ein sogenanntes Totalreservat. Die Flächen sind also schon recht lange aus der forstwirtschaftlichen Nutzung herausgenommen. Das andere ist, dass es dermaßen viele sind, dass es eigentlich nicht mehr zu bewältigen ist und teilweise sind die Bäume so gefährlich, dass man eigentlich auch einem Waldarbeiter nicht zumuten kann, diese Bäume zu fällen", sagt Förster Stefan Wichmann. Aus den gleichen Gründen musste noch ein zweiter Weg in seinem Revier gesperrt werden.

Liegengebliebenes Totholz dient dem Wald

Ein Stück weiter hinten in dem Wald kamen die Forstleute aber nicht mehr um Motorsäge und Axt herum. Einer der Hauptwege zwischen Sängerwiese und Wartburg war ebenfalls von toten Buchen umsäumt. Die Sicherheit der Waldbesucher war also besonders gefährdet, weswegen auch die Naturschutzbehörde um Baumfällungen gebeten hat. Nun stehen am Wegesrand einige Stümpfe, direkt daneben liegen die abgesägten Stämme. Anmutig ist das sicher nicht, aber das bleibt vorerst so: Denn in dem Totalreservat dienen die toten Buchen der natürlichen Waldwiederherstellung. In ein paar Jahren ist im wahrsten Sinne des Wortes Moos über die Sache gewachsen. Über die Gefahr im Wald allerdings nicht.

"Gefährliche" Bäume meist erkennbar

Sobald der Sterbeprozess eines Baumes beginnt, machen sich Pilze und Schädlinge breit und übernehmen den Rest. Dann wächst die Gefahr für Waldbesucher stetig an. Meist im Mai lassen sich tote Bäume deutlich erkennen: Während die lebenden blühen, hängt an den toten kein grünes Blatt oder keine Nadel mehr. Bereits vorher zeigen sich schon Spuren: So blättert zum Teil die Rinde ab und an den sterbenden Rotbuchen sind schwarze Flecken zu sehen, die durch Pilze entstehen. Aber nicht nur auf diese Anzeichen sollte geachtet werden.

Äste: Gefahrenbewusstsein nicht immer gegeben

"Auf einer meiner Runden durchs Revier habe ich zwei junge Frauen gesehen, die es sich für ein Picknick gemütlich gemacht haben. Leider haben sie vorher nicht nach oben geschaut: Da hing ein loser Ast, der jeden Moment hätte herunterfallen können und das wäre lebensgefährlich gewesen", erzählt Wichmann. Der Revierförster konnte das verhindern, indem er sie darauf aufmerksam machte und bat, sich einen anderen Platz zu suchen.

Allerdings gibt es in Thüringen einige Fälle, die nicht so gut ausgingen. Deshalb appelliert Forstamtsleiter Ansgar Pape an alle Waldbesucher: "Besucher sollten wirklich mit offenen Augen durch den Wald gehen und insbesondere die Sperrungen beherzigen. Eine absolute Sicherheit wird es im Wald zwar nicht geben, aber jeder sollte Vorsicht walten lassen." Das bedeutet auch, die Gefahr toter Bäume nicht zu unterschätzen: Denn es kann sehr schnell gehen - ohne Vorwarnung. "Gerade eine tote Rotbuche kann bei 25 Grad im Schatten und Windstille einfach abbrechen", sagt Stefan Wichmann.

Waldbesuch auf eigene Gefahr

Grundsätzlich gilt im Wald: Betreten auf eigene Gefahr. Laut Gesetz ist niemand dazu verpflichtet, die Sicherheit im Waldbereich zu gewährleisten, "aber kein Förster oder Waldbesitzer möchte es erleben, dass ein herunterfallender Ast oder ein umstürzender Baum jemanden tödlich verletzt", sagt Ansgar Pape vom Forstamt Marksuhl. Doch viel können die Forstleute nicht tun, zumal die Prognosen nicht gut aussehen und für ein weiteres Baumsterben sprechen.

Gefällte Buchen 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR THÜRINGEN JOURNAL Di 11.05.2021 19:00Uhr 02:03 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Hitze setzt den Bäumen zu

Das Forstliche Forschungs- und Kompetenzzentrum Gotha sammelt in Thüringen Daten, um den Zustand des Waldes sowie des Waldbodens und die Auswirkungen von Witterungs-, Umwelt- und Klimaeinflüsse zu überprüfen. 15 Messstationen verteilen sich über den Freistaat - eine davon befindet sich im Wartburgrevier: die Waldstation Hohe Sonne. Auf der abgesperrten Fläche ragen zwischen den zahlreichen Buchen einige Plastikrohre empor. In ihnen befinden sich durchsichtige Kanister, die den Regen auffangen. Alle 14 Tage leeren Mitarbeiter die Kanister und prüfen die Niederschlagsmenge. Digitale Daten gibt es ebenfalls. Seit vergangenem Jahr steht ein elektrisches Messgerät in der Waldstation Hohe Sonne.

Es übermittelt täglich verschiedene Informationen an das Forschungs- und Kompetenzzentrum, das die Daten dann auswertet. Ein paar Meter entfernt simuliert eine Pumpe die Saugkraft der Baumwurzeln, um ein Bild von der Wasserversorgung der Buchen zu bekommen. "Die Daten der Waldstation zeigen, dass die Bodenfeuchte in diesem Gebiet in den letzten Jahren immer mehr abgenommen hat. Sie liegt vielleicht bei maximal 20 Prozent. Jeder kann sich vorstellen, wenn theoretisch 100 Milliliter reinpassen, aber nur 20 da sind, ist Trockenstress vorprogrammiert", sagt Ines Chmara, Leiterin der Waldzustandserhebung (WZE) Thüringen.

Buchen, die teilweise schon durch Trockenheit geschädigt und abgestorben sind, stehen in einem Waldstück.
Buchen, die teilweise schon durch Trockenheit geschädigt und abgestorben sind. (Archivbild) Bildrechte: dpa

Westthüringer Sandboden setzt Buchen zu

Eigentlich gingen die Forstleute davon aus, dass die Buche gut mit der Erwärmung klarkommt. Doch dem ist leider nicht so. Seit 2003 haben die Bäume immer wieder mit Wassermangel zu kämpfen. Nach einem regenreicheren August und September konnten die Buchen beispielsweise in Ostthüringen wieder etwas Kraft tanken.

Im Wartburgkreis sieht es anders aus. Der Gesteins- und Sandboden nimmt schwerer Wasser auf und dann ist nicht jeder Regen hilfreich. Starkregen läuft beispielsweise die Hänge hinab, ohne tief in den Boden einzudringen. Auch zu leichter Niederschlag kommt meist nicht zu dem Wurzelwerk der alten Buchen durch. Da haben es die heranwachsenden jungen Buchen mit den dünnen Stämmen besser, denn ihre Wurzeln reichen noch keinen Meter in den Boden. Sie können also noch profitieren.

Steigende Temperaturen schlimmer als wenig Niederschlag

Allerdings spielt der fehlende Niederschlag in Sachen Wassermangel nur eine geringere Rolle. "Das größere Problem beim Klimawandel sind eigentlich die steigenden Temperaturen, die zu wesentlich mehr Verdunstung führen. So steht den Bäumen im Endeffekt nicht mehr so viel Wasser zur Verfügung, wie es bei niedrigeren Temperaturen möglich wäre und wie es nötig ist", sagt Forstdirektorin Chmara.

Eine Weile halten die Buchen den Trockenstress aus, aber je häufiger der vorkommt, umso kritischer wird es. "Der Natur macht das nichts aus, die wird sich umstellen und an die Bedingungen anpassen. Aber für uns Menschen ist das nicht so schön. Wenn man als Förster seit über 40 Jahren ein Revier betreut und pflegt, ist das schon traurig mitanzusehen, wie die Bäume wegsterben", so Chmara.

Hinzu komme die Gefahr für die Waldbesucher - und die geht nicht nur von den toten Buchen aus, sondern auch von anderen Bäumen. So verkraften beispielsweise Kiefern und Eichen ebenso wenig die Hitze und sterben immer häufiger.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 11. Mai 2021 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

W.Merseburger vor 19 Wochen

Ich möchte mich zu obigem Bericht, der sehr viele Ungereimtheiten und Vereinfachungen enthält, nicht äußern. Ich will aber einige offizielle Daten zu den Regenmengen in Thüringen hier anführen:
Der Durchschnitt der Regenmenge im heutigen Thüringen betrug für die Jahre 1961 bis 1990 als Refernzzeit 620,5 Liter/m².
Regenmenge 2016 = 635,8 Liter/m² = 102,5% der Referenz,
Regenmenge 2017 = 783,2 Liter/m² = 126,3%,
Regenmenge 2018 = 509,7 Liter/m² = 70,5%,
Regenmenge 2019 = 638,1 Liter/m² = 102,8%,
Regenmenge 2020 = 658,6 Liter/m² = 106,1%.
Meine Frage ist: wo kommt die Dürre her?
Meine Werte stammen von: wetterkontor.de. Dort kann man die Niederschlagsmengen aufgeschlüsselt auf die einzelnen Monate sehr einfach abgreifen, auch für einen längeren Zeitraum schon vor 2016. Unter dieser Adresse sind auch die Temperaturwerte und Sonnenscheindauer nachzulesen. Hier sieht man ein Ansteigen der Temperaturen und der Sonnenscheindauer im Vergleich zum Referenzzeitraum.

Gurg vor 19 Wochen

Die abgesägten Bäume am Weg im Totalreservat zwischen Wartburg und Sängerwiese hatten großenteils Blätter und es sind mehrere Eichen dabei. So ist der Weg eine öde und sonnige Forstautobahn. Thüringenforst ist da unglaubwürdig!

Mehr aus der Region Eisenach - Gotha - Bad Salzungen

Mehr aus Thüringen

LKW liefert überlanges Rohr mit mehreren Metern Durchmesser 1 min
Bildrechte: MDR THÜRINGEN

Für den unterirdischen Schwemmbachkanal in Erfurt, der unterhalb der Clara-Zetkin-Straße verläuft, sind neue Rohre fällig. Der erste Kunststoffersatz für die verschlissenen Betonrohre rollte am Dienstag an.

28.09.2021 | 19:32 Uhr

Di 28.09.2021 19:23Uhr 01:11 min

https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/mitte-thueringen/erfurt/video-rohre-unterirdischer-kanal-clara-zetkin-strasse-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video