Daumen einer Frau über Smartphone
Immer öfter wenden sich Betrüger per Whatsapp an ihre Opfer und fordern Geld für vermeintlich nahe Angehörige. (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO / Panthermedia

Kriminalität Immense Schäden durch Whatsapp-Betrug in Thüringen: Wie die Täter vorgehen

18. Dezember 2022, 13:24 Uhr

Betrugsfälle übers Telefon oder Anwendungen auf dem Smartphone nehmen in Thüringen deutlich zu. Besonders über den Nachrichtendienst Whatsapp werden Menschen dazu gebracht, Geld an Kriminelle zu überweisen. Aber auch das Vortäuschen eines Anrufs als Behördenmitarbeiter ist beliebt.

  • In Thüringen nahm die Zahl der Betrugsfälle über Whatsapp und per Telefon um 74 Prozent zu.
  • Die Betrüger täuschen meist vor, nahe Angehörige oder Kinder hätten wegen einer Notlage eine neue Rufnummer - und verlangen dringend Geld. Der Schaden geht in die Hunderttausende.
  • Besonders ältere Menschen werden häufig Opfer von Betrügern am Telefon.

Trickbetrug über den Kurznachrichtendienst Whatsapp hat in Thüringen große Bedeutung gewonnen. Wie aus Zahlen des Landeskriminalamts hervorgeht, gab es allein in dieser Kategorie von Januar bis September in Thüringen 1.149 Fälle, in denen Trickbetrüger über Whatsapp Thüringer überredet haben, Geld zu überweisen.

Schaden im Schnitt bei etwa 680 Euro

Die Betrugsmasche ist nach Einschätzung der Landespolizei und des Landeskriminalamts eine abgewandelte Variante des sogenannten "Enkeltricks".

Von unbekannten Rufnummern aus wird vorgetäuscht, nahe Angehörige oder Kinder hätten wegen einer Notlage eine neue Rufnummer - und verlangen dringend Geld. Bei den knapp 1.150 erfassten Fällen lag der Schaden im Schnitt bei etwa 680 Euro.

Betrug über Whatsapp und Telefon nimmt zu

Insgesamt verbuchte die Thüringer Polizei von Januar bis September 2022 mit dem Schlagwort "Telefontrickbetrug" 3.701 Fälle - im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es noch 2.127 Fälle. Das entspricht in diesem Jahr einem Zuwachs von 74 Prozent. Unter anderem Fälle von Betrug über Whatsapp haben deutlich zugenommen.

Im vergangenen Jahr wurden diese Vergehen noch gar nicht separat erfasst, sagte eine Sprecherin des Landeskriminalamts. 2022 steht das Phänomen bei den Fallzahlen bereits ganz oben. Durch Trickbetrug insgesamt entstand bis September ein Schaden von fast 3,3 Millionen Euro, 780.000 Euro Schaden entstanden durch Whatsapp-Betrug.

Viele Taten sind abgewandelte Enkeltricks

Den größten Schaden pro Fall richteten 2022 falsche Bankmitarbeiter an. "Meist gelingt das durch Vortäuschung einer angeblich festgestellten unrechtmäßigen und hohen Überweisung vom Konto des Geschädigten", schreibt die Polizei auf Anfrage von MDR THÜRINGEN.

Die so ausgelöste Sorge der Betroffenen wird ausgenutzt. "Nach Prüfung der Anmeldedaten soll der Buchungsvorgang dann rückgängig gemacht werden.", schreiben die Betrüger. Dabei gelangen die falschen Bank-Mitarbeiter an persönliche Daten, mit denen dann tatsächlich Geld vom Konto der Geschädigten abgehoben wird. Der Schaden in den 135 dokumentierten Fällen liegt im Schnitt bei 4.840 Euro.

Seniorin schaut auf Smartphone
Vor allem ältere Menschen werden häufig Opfer von Betrügern am Telefon. (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO / PPE

Betrüger geben sich auch als Behördenmitarbeiter aus

950-mal versuchten es Betrüger als falsche Amtsperson. Sie gaben sich als Polizeibeamte aus, manchmal auch als Anwälte oder Gerichtsvollzieher. Meist wird behauptet, Wertgegenstände müssten wegen Gefahren gesichert werden. Mitunter sollen auch angebliche alte Schulden beglichen werden. Im Schnitt lag der Schaden hier bei knapp 700 Euro.

Auf Platz zwei der durchschnittlichen Schadenssumme findet sich der klassische Enkeltrick. Hier rufen angebliche Freunde oder Verwandte an und geben eine Notsituation vor oder eine dringende große Anschaffung. Bargeld oder Wertgegenstände werden dann unter Umständen auch persönlich abgeholt - allerdings nicht vom angeblichen Verwandten, sondern von Dritten.

Fast zwei Drittel der Fälle treffen Menschen über 60 Jahren

Besonders ältere Menschen werden in solchen Fällen ausgenutzt - der Begriff "Enkeltrick" suggeriert das bereits. 36 Prozent der Fälle passierten in diesem Jahr bis September Menschen unter 60 Jahren. 24 Prozent der Fälle betrafen 60- bis 69-Jährige. 20 Prozent waren bis zu 79 Jahre alt, 18 Prozent bis 89 Jahre und zwei Prozent 90 Jahre oder älter.

Was auffällt: Die Mehrheit der Betroffenen sind Frauen (63 Prozent). Ein Grund sei wohl ganz einfach, dass Frauen deutlich älter werden als Männer, sagte Patrick Martin von der Landespolizei Thüringen. Männer wurden im vergangenen Jahr im Schnitt 78,5 Jahre alt, Frauen hingegen 83,4 - sie werden also im Mittel fast fünf Jahre älter und können deswegen länger Opfer von Betrugsversuchen werden, die sich insbesondere gegen ältere Menschen richten. "Die Täter suchen ja auch gern einfach im Telefonbuch nach Namen, die älter klingen", so Martin.

Erpressung via Computer

Vereinzelt werden auch Mitarbeiter von Verkaufsstellen Opfer von Betrug. Täter rufen bei ihnen an und geben sich als Mitarbeiter von Zahlungs­dienstleistern an. Sie fordern dazu auf, Guthabenkarten auszudrucken und deren Codes telefonisch durchzugeben. Die 29 Fälle verursachten im Schnitt immerhin auch 777 Euro Schaden.

200 Fälle gab es, in denen Erpresser die Rechner von Bürgern sperren konnten - manchmal funktioniert das auch über ein Computervirus - und der Zugang zum PC nur gegen Zahlung von Geld wieder freigegeben wird. Beim Landeskriminalamt heißt das "Begehungsweise Microsoft" - wahrscheinlich, weil die meisten Computer mit Microsoft-Betriebssystem laufen.

MDR (gir/jw)

Mehr Hintergründe zu den Betrugsmaschen

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 18. Dezember 2022 | 08:00 Uhr

29 Kommentare

mattotaupa am 19.12.2022

ihre alternative kommt auf 11mio nutzer, das im artikel erwähnte whatsapp auf 1,5 mrd. nutzer weltweit. es geht aber im artikel gar nicht um datenschutz, sondern um kriminelles vorgehen beim nutzen von kommunikationsmitteln und ihre alternative ist wohl aufgrund der geringen verbreitung von nachrangigem interesse bei entsprechend veranlagten. eine größere sicherheit vor krimineller anwendung besteht dort nicht durch die plattform selbst, sondern nur durch die magere aussicht auf beute, da die anzahl der potentiellen opfer beschränkter ist. sie könnten auch brieftauben schicken oder lederriemen um stöcke wickeln, da wären sie noch sicherer vor kriminellen, wenn sie jedoch mit vielen leuten kommunizieren wollen/müssen, ist eine geringe verbreitung des kommunikationsmittels hinderlich.

Lyn am 19.12.2022

@martin: ich hatte zum Glück keinen Schaden, es ist bei dem Versuch geblieben.
Ich war nicht dumm genug, mein wertvolles Schmuckstück im mittelpreisigen Bereich ohne Vorabzahlung an die gewünschte Adresse zu schicken.
Ich war dann einfach der Auffassung, dass man an passender Stelle einen Hinweis gibt, damit in Zukunft keiner reinfällt, der Kriminelle auffliegt, ist offensichtlich nicht passiert.
Ich habe leider noch mehr Beispiele, das würde den Rahmen sprengen.
Mit ist irgendwo bewusst, dass die Polizei zuviel zu tun hat um sich effektiv um Derartiges zu kümmern.
Und alldieweil ich inzwischen das Gefühl habe dass es ohnehin für die Katz ist... Nun ja.

Trotz alledem wünsche ich Ihnen noch eine schöne Woche.

martin am 19.12.2022

@lyn: Ja, Schreiben von Staatsanwaltschaften, dass ein Ermittlungsverfahren mangels weiterer Ansätze eingestellt wird, habe ich auch schon bekommen. Wenn man dann auf dem Schaden sitzen bleibt, ist das noch ärgerlicher. Das wird mich aber nicht daran hindern, erneut Anzeige zu erstatten, wenn ich der Meinung bin, dass gegen mich eine Straftat begangen wurde.

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