Thüringen Wildhaltung im Gehege

Landwirtschaftliche Wildhaltung? Damit kann nicht jeder etwas anfangen. Tatsächlich leben in Thüringen einige tausend Rehe und Hirsche in Gehegen. Zu DDR-Zeiten sollte das die Wildfleisch-Produktion vergrößern. Viele Gehege bestehen bis heute. Doch ihre Zahl sinkt. Der Branchenverband ist deshalb in Sorge. Doch wer Wild hält, tut das meist mit Leidenschaft

Sicher ist Volker Böttner nicht. "Es ist schon vorgekommen, dass wir kein Tier zu sehen kriegen", sagt er mit skeptischem Blick, als zwei einzelne Hirsche hinter dem Hügel verschwinden.

Zusammen mit seiner Frau Antje führt er einen Wildhof in Frömmstedt im Landkreis Sömmerda. Etwa 150 Tiere tummeln sich hier auf reichlich 30 Hektar Grünland. "Die stehen auf der Fläche fürs ganze Jahr. Zufüttern müssen wir von November bis März, da wächst ja nichts." Dann gibt es selbst gemachtes Heu für die Hirsche. "Letztes Jahr mussten wir schon im September zufüttern, weil es so trocken war", sagt er. Die landwirtschaftliche Wildhaltung ist eben kein Hobby wie jedes andere.

Früher wollten immer mal Hirsche hinein

Ein Stück weiter entlang dem sechs Kilometer langen Zaun kommen dann doch einige Tiere mit skeptischem Blick über den Hügel gelaufen. Autos machen ihnen nichts aus. Zum Beobachter halten sie trotzdem gebührenden Abstand. Auch das macht diese Art der Tierhaltung besonders: Richtig zutraulich werden die Tiere nicht, sie werden leicht aufgescheucht, wenn jemand zu nah kommt.

Der Gegensatz zu anderen Fleischlieferanten wie dem Hausschwein oder vielen Rindern: Es gibt keinen Stall, nur einen Zaun. Der muss regelmäßig inspiziert werden. "Seit die Autobahn hier ist, war es von außen ruhig. Aber ehe die Autobahn gebaut wurde, wollten immer mal Hirsche hinein." Das mag daran liegen, dass es nur wenige männliche Tiere und viele Hirschkühe gibt.

Volker und Antje Böttner
Volker und Antje Böttner beteiben den Wildhof in Frömmstedt nebenberuflich. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Tierschützer öffnen gelegentlich Tore

Antje Böttner berichtet, dass Tierschützer auch gelegentlich Tore öffneten. "Die wollten den Tieren wohl einen Gefallen tun." Ausgebüxt seien die aber nicht, wahrscheinlich ist das Gelände einfach zu weiträumig.

Die beiden Böttners arbeiten hauptberuflich anderswo – sie in der Finanzbuchhaltung, er in einem Betonwerk. "Im Winter, wenn wir zufüttern müssen, kommen schon mal 5 oder 6 Stunden täglich fürs Wild dazu", sagt er.

Wie die Böttners betreiben viele der 230 Betriebe dieser Art die Wildhaltung als Nebenerwerb, oft als Hobby, sagt Bernd Kästner vom Landesverband landwirtschaftlicher Wildhalter Thüringen.

Viele Betriebe ohne Nachfolger

An diesem Wochenende treffen sich Vertreter von mehr als 40 Betrieben in Posterstein zu einer Fachtagung. Die Wildhalter kämpfen zum Beispiel mit neuartigem Unkraut, das sich in den Gehegen ausbreitet. "Ein Problem, wenn es giftig ist", sagt Antje Böttner.

Viele Betriebe sorgen sich zudem darum, dass sich für die aktuellen Inhaber keine Nachfolger finden. "Oft fehlt der Elan von vor 30 Jahren", sagt Kästner. Damals sei die Zahl der Betriebe nach oben gegangen – seit zehn Jahren hat sich der Trend umgekehrt. Wichtig sei, dass man bei allen Problemen den Kopf nicht in den Sand stecke.

Mehrere Rehe grasen aus eingezäunten Gelände
In Thüringen gibt es 230 Wildhaltungs-Betriebe. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

In Städten sind höhere Preise möglich

Reich wird mit der Wildhaltung niemand, das weiß auch Familie Böttner, die die Führung im Betrieb von Antje Böttners Eltern übernommen hat. "Die viele Arbeit sieht man in unseren Preisen nicht – aber inzwischen sind sie auf einem guten Stand angekommen." Schwierig ist eine hochpreisige Vermarktung allerdings im ländlichen Raum.

"Wenn wir irgendwo in der Nähe von Erfurt oder Jena wären, wäre das schon sehr vorteilhaft. Aber hier in der Provinz zahlen die Leute eben nicht so wie in der Stadt." Trotzdem befindet sich der Betrieb aber in der Übergangsphase zum Bio-Betrieb. Eigentlich werden die Regeln längst eingehalten, aber die Familie muss sich das zertifizieren lassen – dann ist eine Vermarktung mit Bio-Siegel möglich, die auch höhere Preise und damit bessere Kostendeckung zulässt.

Wildgehege in der DDR verbreitet

Die Wildgehege waren in der DDR recht verbreitet. Damals, so erzählt es Bernd Kästner, habe man so die Menge hochwertigen Fleischs erhöhen wollen. Die wirtschaftliche Bedeutung ist jedoch gering. Etwa 100 Tonnen Fleisch würden jährlich auf diese Weise erzeugt, sagt der Verbands-Vorstand.

Zum Vergleich: Allein 23.000 Tonnen Schweinefleisch wurden im vergangenen Jahr in Thüringen geschlachtet. Selbst die Jagd produziert im Jahr deutlich mehr: etwa 2500 Tonnen Wildfleisch, das meiste davon Wildschwein. Damit ist die landwirtschaftliche Wildhaltung eine echte Nische – und die Böttners gehören zu den größeren Betrieben.

Ferkel trinken bei ihrer Mutter, die auf der Seite liegt.
In Thüringen werden pro Jahr 23.000 Tonnen Schweinefleisch produziert. Die Wilgehege erwirtschaften etwa 100 Tonnen. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Hauptsaison im Winter

In Frömmstedt laufen indes die Vorbereitung für die Hauptsaison. "Wir gehen auf Weihnachten zu. Und dann denken die Leute an ihren Wildbraten", sagt die Hausherrin. Das Schießen falle immer wieder schwer. "Aber unsere Tiere hatten alle ein schönes Leben."

Noch bis Anfang November bleibt der Laden aber geschlossen, denn das zuletzt geschossene Wild sei bereits restlos verkauft. Auch so eine Besonderheit bei dieser Art der Haltung mit einem so kleinen Tierbestand: Wenn alle ist, ist alle.  

Quelle: MDR THÜRINGEN/nis

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 16. Oktober 2021 | 19:30 Uhr

2 Kommentare

part vor 5 Wochen

Eine Langzeitstudie im Yellowstone Nationalpark USA zur Ansiedlung von Wölfen als natürliche Dezimierer von Reh- und Hirschwild, hat ergeben, dass sich mit deren Ansiedlung der Waldbestand deutlich erhöht hat. Ich selbst als Anpflanzer von Obst- und Wildbäumen habe hunderte von Euro und viel Zeit und Mühe verloren durch Wildverbiss von Rehen. Der Klimawandel aber lässt sich durch Neuaufforstung aufhalten, dem stehen aber bestimmte Wildarten im Ungleichgewicht der Natur im Wege.

knarf2 vor 5 Wochen

part:Also hat der Mensch der für dieses Ungleichgewicht verantwortlich ist dafür zu sorgen das Gleichgewicht wieder herzustellen!

Mehr aus Thüringen