Global Wind Day Windräder ohne Widerstand: Gemeinde Grabfeld öffnet sich für erneuerbare Energien

Mindestens zwölf Jahre lang hatte es in der Gemeinde Grabfeld heftigen Widerstand gegeben gegen drei bei Jüchsen geplante Windräder. Nun hat die Windfirma eine Baugenehmigung. In den 13 Ortsteilen dreht sich das Meinungsbild langsam. Eine Arbeitsgruppe des Gemeinderates arbeitet an Kriterien für den Umgang mit interessierten Investoren. Neutrale Beratung spielt dabei eine große Rolle.

Eine Wiese
Lange wehrten sich die Einwohner der Gemeinde Grabfeld erbittert gegen die Errichtung von Windrädern auf dieser Fläche. Bildrechte: MDR/Loréne Gensel

Der Beschluss des Gemeinderates der Gemeinde Grabfeld in Südthüringen vom 26. April 2022 füllt gerade mal eine halbe A4-Seite. "Die Gemeinde steht dem Ausbau erneuerbarer Energien grundsätzlich offen gegenüber", steht dort unter Punkt 1. Es gab nur eine Gegenstimme.

Unspektakulär wirkt das in diesen Zeiten. Für die Gemeinde Grabfeld in der Rhön - 13 Ortsteile, 120 Quadratkilometer, 5.600 Einwohner - ist es eine Sensation. Der Beschluss markiert den Eintritt in ein neues Zeitalter.

Hartnäckiger Widerstand gegen Vorranggebiet

Nicht mal ein Jahr zuvor war die Gemeinde vor dem Oberverwaltungsgericht Weimar mit einer Klage gescheitert. Der Bürgermeister von Grabfeld, Christian Seeber (CDU), lässt im Gespräch mit MDR THÜRINGEN eine Geschichte Revue passieren, die so in vielen anderen Regionen Thüringens hätte passiert sein können: Die regionale Planungsgemeinschaft setzt der Gemeinde ein Windvorranggebiet in ihre Gemeindegrenzen und die Bürger wehren sich.

Christian Seeber am Schreibtisch
Grabfelds Bürgermeister Christian Seeber (CDU) hat das Problem von seinem Vorgänger geerbt. Bildrechte: MDR/Loréne Gensel

Seit 2010, als der im Moment gültige Regionalplan gerade aufgestellt wurde, hatte es Debatten gegeben um den geplanten Windstandort am Schlotberg bei Jüchsen. Das Arolshausen genannte Areal ist eine 60 Hektar große Freifläche mit einem kleinen See, die von allen Seiten mit Wald umgeben ist. Nachdem das Windvorranggebiet W 11 beschlossene Sache war, plante die Firma Eno energy hier zwei Windräder. Doch die Jüchsener wollten das beliebte Naherholungsziel nicht hergeben.

Oberverwaltungsgericht wies Klage ab

Christian Seeber ist seit 2014 Bürgermeister von Grabfeld und hat das Thema geerbt. Er berichtet von Widerstand, der - auch ohne dass eine Bürgerinitiative entstand - ziemlich zäh war. Seeber wirkt wie ein Mann, der nüchtern Argumente abwägt und sich nicht unter allen Umständen gegen die Zeichen der Zeit wehrt. Doch sein Gemeinderat stellte sich immer wieder gegen die Planungen.

Als Konsequenz daraus verwehrte Grabfeld mehrfach das sogenannte gemeindliche Einvernehmen gegen eine Baugenehmigung für Eno energy. "Am Ende," so der Bürgermeister, "hat die Bauaufsicht des Landkreises Schmalkalden unser Einvernehmen ‚ersetzt‘, wie es in der Verwaltungssprache heißt und anstelle der Gemeinde zugestimmt." Der Widerspruch vor dem OVG Weimar sei das letzte Mittel gewesen, so Seeber. Das Gericht habe ihn am Ende aus formalen Gründen abgewiesen.

Alternative Fläche zu spät angeboten

Als sich die Fronten zwischen der Gemeinde und dem Windprojektierer Eno energy über die Jahre immer weiter verhärteten, wandte sich die Gemeinde an die Thüringer Servicestelle Windenergie. Die bei der Thüringer Energie- und Greentec-Agentur angesiedelte Fachberatung unterstützt Kommunen, Bürger, Unternehmen und andere Einrichtungen, die - in welche Weise auch immer - mit dem Ausbau der Windenergie umgehen müssen. Die Servicestelle berät neutral und hilft, Konflikte zu entschärfen.

Grabfeld bot der Windfirma dann eine Alternativfläche auf dem Mittelberg bei Vachdorf an, für deren Nutzung es in der Gemeinde Unterstützung gab. Doch der Streit hatte schon zu lange gedauert. "Eno energy wollte am Ende nicht, weil man bereits sehr viel in die Planung am Schlotberg investiert hatte", sagt der Bürgermeister. Die Baugenehmigung für inzwischen drei Windräder stehe, so Seeber.

Krieg in der Ukraine sorgt für Umdenken

Parallel ist der Windpark-Betreiber Energiequelle jetzt in Grabfeld unterwegs. Etwa 1.000 Landeigentümer haben inzwischen Post aus Erfurt bekommen. Das Unternehmen interessiert sich für eine 400 Hektar große Fläche südlich der A71 zwischen den Ortsteilen Wolfmannshausen, Behrungen und Berkach. Bisher sei deren Nutzung nur eine Idee, sagt der Bürgermeister. Aber die Aktivitäten von Energiequelle würden Bewegung in die Debatte bringen.

Eine Wiese
Mittlerweile interessiert sich ein weiterer Windparkbetreiber für diese Fläche im Gemeindegebiet. Bildrechte: MDR/Loréne Gensel

"Viele, die von Energiequelle angeschrieben wurden, rufen bei uns in der Gemeinde an oder beim Landwirtschaftsbetrieb, der die Fläche bewirtschaftet. Und sie fragen dann: Was sagt ihr denn dazu?", schildert Seeber.

Bei diesen Telefonaten komme er mit den Bürgern ins Gespräch und spüre, wie die Diskussion sich dreht. Seit Beginn des Krieges in der Ukraine höre er immer wieder, dass man die Windkraft wohl doch brauche, damit der Strom nicht noch teurer wird. Und da sei es doch besser, wenn das Geld vor Ort bleibt und nicht zu den Ölfirmen fließt.

Flächen auch für Solarpark interessant

Auch an anderen Aktivitäten merken die Bürger von Grabfeld: Der Ausbau der Erneuerbaren macht an ihren Gemeindegrenzen nicht halt. Für den Mittelberg bei Vachdorf interessiere sich ein Investor, der Flächen für große Solarparks suche, erzählt Seeber von seinen Gesprächen. Da gehe es um Dimensionen von 300 Hektar und mehr.

Plötzlich konkurrieren unterschiedliche Interessenten um Flächen in Grabfeld und in der Gemeinde muss man sich für neue Entscheidungen wappnen: Windräder oder Paneele? Welche Art von Veränderung der heimatlichen Landschaft will man akzeptieren? Und um welchen Preis? Bei all den Flächen, die inzwischen im Gespräch seien, gehe es auch um richtig gute Böden. Da sei vor dem Hintergrund der Situation in der Ukraine und der wachsenden Knappheit von Getreide sehr genau abzuwägen.

Ein Dorf
Mindestens 1.500 Meter Abstand zu Wohnhäusern sollen Windräder haben - findet Grabfelds Bürgermeister Christian Seeber. Bildrechte: MDR/Loréne Gensel

Ausbau soll aktiv gesteuert werden

Der Gemeinderat von Grabfeld hat am 26. April eine Arbeitsgruppe Energie gegründet. Christian Seeber und seine Stellvertreter, weitere Gemeinderäte, Ortsteilbürgermeister und Vertreter der drei größten Landwirtschaftsbetriebe in der Gemarkung Grabfeld diskutieren und erarbeiten hier, wie sie den Ausbau der Erneuerbaren rund um ihre 13 Ortsteile nicht mehr verhindern, sondern aktiv steuern wollen.

Die ersten Grundsätze sind bereits niedergeschrieben: Die Belastung für alle, die in Grabfeld wohnen, soll so gering wie möglich ausfallen. Der Bürgermeister findet, dass bei Windrädern, die 250 Meter hoch sind, ein Abstand zu Wohnhäusern von anderthalb Kilometern angemessen ist. Und die Akzeptanz stärkt. Die derzeit im Erfurter Parteiengezänk diskutierten 1.000 Meter findet Seeber zu knapp bemessen.

Es geht nicht nur um Wind. Es gibt auch sehr viel Bewegung im Bereich der Freiflächen-Photovoltaik. Und hier entsteht eine Flächenkonkurrenz. Mit 120 Quadratkilometern hat Grabfeld sehr viel Fläche, überall melden sich jetzt Projektierer. Deshalb muss die Gemeinde hier Struktur reinbringen und sachliche, objektive Kriterien erarbeiten.

Christian Seeber (CDU) hauptamtlicher Bürgermeister der Gemeinde Grabfeld

Bürger und Gemeinde sollen profitieren

Bei weiteren Grundsätzen und Kriterien, die Grabfeld diskutiert, wird schnell klar: Die Servicestelle Wind der ThEGA hat ihre Arbeit hier gemacht. Zwischen den Eigentümern und Nutzern der anvisierten Flächen und der Gemeinde soll sich eng abgestimmt werden. Bürgermeister Seeber pocht darauf, dass mit den interessierten Betreibern von Anlagen Möglichkeiten gefunden werden, wie die Bürger sich finanziell beteiligen können. An den Investitionen und den Gewinnen. Genauso wie er und seine Gemeinderäte erwarten, dass Grabfeld eine finanzielle Entschädigung bekommt.

Direkt angesprochen auf die Arbeit der Servicestelle Wind sagte Seeber, er schätze deren Arbeit. Viele von deren Ratschlägen könnten Gemeinden vor Fehlern bewahren im Umgang mit dem Ausbau-Thema. Deshalb seien deren Mitarbeiter auch schon mehrfach als Berater in Diskussionen einbezogen worden. Sie würden die konkreten Probleme vor Ort sachlich und neutral in den Blick nehmen und so Erkenntnisprozesse befördern.

Interesse an Beratung spürbar gewachsen

Die Leiterin der Servicestelle Wind, Ramona Rothe, registriert in ganz Thüringen ein wachsendes Interesse an Beratung zum Ausbau der Windenergie. Seit Januar haben sie und ihre beiden Mitarbeiter mit 130 Kommunen, Bürgern, Unternehmen und anderen Einrichtungen Gespräche geführt und vor-Ort-Termine gemacht. Im ersten Halbjahr 2021 waren es 109, im gleichen Zeitraum des Jahre 2020 nur 91.

Rothe listet 18 Gemeinden und Landkreise auf, die allein seit Anfang 2022 immer wieder die Beratung der Servicestelle in Anspruch genommen haben. Die Anfragen drehen sich vielfach um den neuen Paragrafen 6 des gerade überarbeiteten Erneuerbare-Energien-Gesetzes. Der erlaubt, dass Windfirmen an vom Bau eines Windparks betroffene Gemeinden bis zu 0,2 Cent pro eingespeister Kilowattstunden Strom zahlen dürfen, ohne dass das kommunale Haushaltsrecht dem im Weg steht.

Es ist ganz deutlich spürbar, dass die Thüringer Kommunen in einem Umbruch sind. Das sehen wir in den Beratungen, die inzwischen viel intensiver und tiefgreifender sind, als sie es bisher waren. Hier haben der Ukrainekrieg und der Druck der Bundesregierung ein Umdenken bewirkt. Und wir dürfen diese Akzeptanz, die wir hier spüren, nicht sorglos verspielen.

Ramone Rothe Leiterin der Servicestelle Wind bei der Thüringer Energie- und Greentec-Agentur

Entlastung für kommunale Kassen

"Hier in Thüringen, wo viele Gemeinden um die Konsolidierung ihrer Haushalte kämpfen, ist es besonders wichtig, dass dieses Geld auch vor Ort ankommt", sagt Rothe. Es sei ein großer Fortschritt, dass Kommunen endlich ganz legal profitieren dürfen, wenn Firmen in ihrer Gemarkung Windräder betreiben. Sie und ihre Mitarbeiter würden deutlich spüren, dass der Druck der neuen Bundesregierung, den Ausbau deutlich zu beschleunigen und Energie preiswert und sicher zu erzeugen, bei Städten und Gemeinden ankommt.

Rothe und ihre Mitarbeiter wissen, dass künftig noch viel mehr Beratungsanfragen auf ihren Tischen landen werden. Doch Beschlüsse wie der des Gemeinderates von Grabfeld sollten ab jetzt keine Sensation mehr sein. Und da ist neutrale und sachliche Beratung unverzichtbar.

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MDR (nis)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit | 15. Juni 2022 | 18:00 Uhr

15 Kommentare

astrodon vor 8 Wochen

@Graf - Nachtrag: Nur mal zur Veranschaulichung: Südlich einer gedachten Linie Eisenach-Rudolstadt (oder auch B88) sind auf der Karte weniger als 40 (!) WKA gelistet ...

astrodon vor 9 Wochen

@Graf: Es wird höchste Zeit, dass auch die Südthüringer ihrrn Beitrag leisten - die weissen Flecken auf der Windkraftkarte müssen weg. Flächen für neue Anlagen gibts ja reichlich zwischen Dermbach und Eisfeld.

martin vor 9 Wochen

@gucker: Inwieweit man Physik als logische Wissenschaft einordnen kann, hängt davon ab, auf welchem Niveau man diese Wissenschaft betreibt und wie Logik definiert wird. Selbst die - im Vergleich zu den heutigen wissenschaftlichen Grenzen der Physik - vergleichsweise einfache spezielle Relativitätstheorie ist für normale Logik kaum nachvollziehbar. Selbst die Vorhersagbarkeit einfacher Systeme (klassisch: Das Pendel am Pendel) ist mit normaler Mathematik nicht möglich. Aber das nur am Rande.

Das Stromnetz funktioniert übrigens auch dann ganz wunderbar, wenn nicht für jede kWh EEG-Strom auch eine sog. konventionelle kWh hinterlegt wird. Wie beim täglichen Strombezug aus der Steckdose eigentlich recht einfach zu bemerken ist.

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