Ausbau der Windenergie Kriterien für Windvorrang-Gebiete in Thüringen sollen auf den Prüfstand

Kurz vor Weihnachten 2020 hat der Thüringer Landtag beschlossen: In Thüringen dürfen Windräder nicht in den Wald gebaut werden. Gleichzeitig will die rot-rot-grüne Regierung auf einem Prozent der Landesfläche Windenergie erzeugen. Wie dieses Ziel ohne Waldflächen erreicht werden kann, diskutieren Experten in einer neuen Vergleichsstudie.

Auf einer Fahrt durch Thüringen entsteht vielleicht ein anderer Eindruck. Aber im Moment stehen nur auf 0,33 Prozent der Fläche des Freistaates Windräder. Gigantisch hohe und klapprige niedrige. Einzelne Windparks dominieren an einzelnen Orten manchmal den gesamten Horizont. Aber vom Ziel der rot-rot-grünen Landesregierung, auf einem Prozent der Fläche Windenergie zu erzeugen, ist Thüringen noch weit entfernt.

Ein-Prozent-Ziel ist auch ohne Wald erreichbar

Größte Hürde auf dem Weg zu diesem Ziel ist die jüngste Änderung des Thüringer Waldgesetzes: Windräder im Wald sind seit Dezember 2020 verboten. Die Thüringer Umweltministerin hat das Ende 2019 bereits kommen sehen: Ihr Ministerium gab damals beim "Leipziger Institut für Energie GmbH" eine Vergleichsstudie in Auftrag. Die Fachleute sollten prüfen, unter welchen Voraussetzungen das Ein-Prozent-Ziel erreicht werden kann - mit und ohne Standorte im Wald.

Baustelle einer Windkraftanlage.
Windrad-Baustelle im Windpark Ebenheim-Weingarten im Landkreis Gotha Bildrechte: MDR/Loréne Gensel

Das Autorenteam der Studie hat alle Daten und Regelungen betrachtet, die seit 2010 zu Windflächen in Thüringen veröffentlicht wurden: Ältere Studien, Gutachten und Prognosen im Auftrag von Bund, Land und der Windbranche, Vorgaben des Freistaates für die Ausweisung von Windvorrang-Gebieten und die Regionalpläne der Planungsgemeinschaften. Das Ergebnis der Analyse: Flächen, auf denen sich Windräder gewinnbringend drehen können, gibt es in Thüringen genug. Land und Kommunen müssten dafür nur an einigen Stellschrauben drehen.

Geeignete Flächen in allen Regionen ausreichend vorhanden

Fast staunend schreiben die Autoren des Leipziger Instituts, dass in allen bisherigen Regionalplänen insgesamt nur 0,6 Prozent der Fläche von Thüringen als Vorranggebiete ausgewiesen sind, obwohl vorab sieben Prozent der Landesfläche als Prüfflächen ermittelt wurden. Prüfflächen bleiben übrig, wenn die für den Betrieb von Windrädern geeigneten Flächen einer Region reduziert werden um die harten und weichen Tabuzonen. Hart bedeutet hier: Gesetzliche Vorgaben (z.B. Naturschutzgebiete) oder faktische Hindernisse (Seen, Siedlungen, Gewerbe) schließen aus, dass hier Windräder stehen. Weich heißt: Die politisch Verantwortlichen in der Planungsregion wollen nicht, dass hier Windräder stehen, nachdem sie das zuvor abgewogen haben.

Zahl und Zuschnitt von Kriterien schränkt die Auswahl ein

Sieben Prozent - das ist mehr Platz als nötig. Wäre da nicht eine Liste von Kriterien: Mindestabstände zu Wohnhäusern und zu anderen Vorranggebieten, Mindestgrößen für die Windparks, Sichtschutz-Zonen rund um das Kulturerbe, Einschränkungen in Naturparks und Landschaftsschutzgebieten sowie eine lange Reihe von Einzelfall-Entscheidungen. Alle diese Kriterien bilden Konflikte ab, die beim Bau von Windrädern entstehen können. Auf deren Basis haben die Regionalplaner laut Studie in Mittelthüringen zwölf Vorranggebiete aus 73 Prüfflächen ausgewählt, in Ostthüringen 22 aus 92, in Südwestthüringen neun aus 66 und in Nordthüringen 24 aus 42.

Rotorblätter einer Windkraftanlage werden für die Montage vorbereitet.
Rotorblätter einer Windkraftanlage werden für die Montage vorbereitet. Bildrechte: MDR/Loréne Gensel

Nachdem der Wald nicht mehr zur Verfügung steht, müssen in Thüringen nach Berechnung der Autoren weitere 8.000 Hektar neu als Vorranggebiete ausgewiesen werden. Die Stellschrauben dafür werden klar benannt: Runter mit der Mindestgröße von 25 Hektar für Vorranggebiete. Gerade in Südwestthüringen könnte das Zuwachs bringen. Hier ist der Anteil an weitem Offenland klein. Die Autoren empfehlen, auch über Einzelstandorte nachzudenken. Eines ihrer Argumente: Ein modernes Windrad mit 4 MW Leistung, das allein steht, erzeuge mehr Strom als ein Windpark mit acht Anlagen, die 500 KW Leistung haben.

Abstände zu Wohnhäusern und Kulturgütern als Stellschrauben

Die Empfehlung zu den Mindestabständen zwischen Windrädern und Wohnhäusern greift die derzeitige Diskussion um 1000 Meter als Minimum auf. Die Autoren schreiben, der in Mittelthüringen vorgeschriebene Abstand von 1250 Metern solle daran angepasst werden. Falls eine Region trotzdem nicht auf ein Prozent Flächenanteil komme, "können die Mindestabstände auch generell auf 900 m oder 800 m abgesenkt oder stärker nach Siedlungsgröße gestaffelt werden".

Noch rabiater fallen die Empfehlungen aus, wenn es um die Sichtabstände zum Kulturerbe geht. Viele Einzelfall-Entscheidungen zum Umgebungsschutz dieser Standorte würden bewirken, dass wesentliche Teile der Prüfgebiete als nicht geeignet gelten. Insgesamt kämen hier thüringenweit 25.000 Hektar zusammen. Deshalb benennt die Studie auch ganz konkret einzelne Kulturgüter, bei denen geprüft werden solle, ob man den Schutzabstand verkleinern kann: Die Wartburg bei Eisenach ist dabei und die Leuchtenburg bei Kahla, die historischen Innenstädte von Mühlhausen und Bad Langensalza, Schloss Friedenstein in Gotha, Burg Ranis und die "Drei Gleichen" sowie eine ganz Welterbe-Liste rund um Weimar.

Nordthüringen hat geliefert und soll mehr bringen

Das heißeste Eisen ist allerdings die Empfehlung, wie die Vorranggebiete auf die vier Planungsregionen verteilt werden sollten. Da Flächen im Wald vorläufig ausgeschlossen sind, wäre es in den Augen der Experten eine gute Lösung, vor allem in Nord- und Mittelthüringen nach weiteren Standorten zu suchen. Für das landesweite Ein-Prozent-Ziel sollten Nordthüringen insgesamt 1,59 Prozent (derzeit 1,17 %), Mittelthüringen 1,71 Prozent (derzeit 0,63 %), Ostthüringen 0,58 Prozent (derzeit 0,24 %) und Südwestthüringen 0,31 Prozent (derzeit 0,11 %) beisteuern.

Fundament eines Windrades
Fundament eines Windrades Bildrechte: MDR/Loréne Gensel

Als die Ergebnisse der Studie am Freitag den regionalen Planungsgemeinschaften vorgestellt wurden, sorgte vor allem der letzte Punkt für wenig Zustimmung. Der Präsident der regionalen Planungsgemeinschaft Mittelthüringen, Landrat Harald Henning aus Sömmerda, formulierte es noch gelassen: "Damit müssen wir uns jetzt beschäftigen und erst mal abwarten, was die Gremien in der Region dazu entscheiden", sagte Henning. Der Mindestabstand von 1.250 Metern zu Wohnhäusern sei in Mittelthüringen nicht auf Geratewohl festgelegt, sondern vorher diskutiert und abgewogen worden.

Hennings Kollege und Namensvetter Dr. Werner Henning, Landrat im Eichsfeldkreis, formulierte es als Präsident der regionalen Planungsgemeinschaft Nordthüringen etwas drastischer: "Wenn Nordthüringen im Vergleich zu anderen Regionen in Thüringen das Dreifach an Fläche bringen soll, dann tue ich mich schwer mit dem Grundimpetus der Gerechtigkeit. Gerechtigkeit hat bei uns zunehmend etwas mit Gleichheit zu tun. Diese Gerechtigkeit kann ich nicht erkennen." Bei dem, was Nordthüringen bereist geleistet habe, müsse sich dort niemand rechtfertigen.

Empfehlungen bieten Stoff für neue Konflikte

Das Thüringer Umweltministerium ließ am Freitag wissen, die Studie sei gedacht als Arbeits- und Gesprächsgrundlage für die Umweltpolitiker im Landtag und die Entscheider in den Planungsgemeinschaften. Entschieden werde letztlich in den Regionen. Ganz sicher werden auch überwiegend dort die Konflikte um neue Vorrangflächen ausgetragen. Mit neuen Bürgerinitiativen und allen bisher bekannten Formen des Protestes. Und womöglich noch heftiger, als Thüringen das bereits kennt aus dem Streit um Windräder im Wald.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 07. Mai 2021 | 19:00 Uhr

17 Kommentare

martin vor 11 Wochen

Nun - der viele Beton für das Fundament ist Dank der Zementindustrie ja nicht wirklich CO2 arm. Allerdings sehe ich auch bei anderen Kraftwerkstypen eine Störung der Natur. Meiner persönlichen Meinung nach: eine größere.

martin vor 11 Wochen

@hans dampf: Hm, bei "Zerstörung der Landschaft" fallen mir persönlich eher die Braunkohletagebaue ein. Wäre das dann Ihrer Meinung nach "brauner Strom"?

martin vor 11 Wochen

anni: Also ich kann Ihnen das beim besten Willen nicht begründen. Aber interessieren würde mich die Begründung einer derart "bemerkenswerten" Empfehlung auch ...

Möglicherweise als Ultima Ration -> wenn die anderen Maßnahmen nicht zum 1% Ziel führen, dann müssen halt die Abstände verringert werden. Aber weshalb man das dann nach Siedlungsgröße meint staffeln zu wollen? Und wie das mit gleichwertigen Lebensbedingungen in Einklang zu bringen sein soll??

@MDR: Ist der Redaktion eine Begründung (vielleicht aus der Studie selbst) bekannt?

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