NSU-Prozess Wohlleben: Habe NSU-Mordwaffe nicht besorgt

Im Münchner NSU-Prozess hat nach Beate Zschäpe auch Ralf Wohlleben das Schweigen gebrochen. Dabei bestritt der Ex-NPD-Funktionär, die Waffe beschafft zu haben, mit welcher der NSU neun Morde begangen haben soll. Auch von den Morden und Anschlägen selbst will er nichts gewusst haben. Schwere Vorwürfe erhob Wohlleben gegen die Behörden, welche die mutmaßlichen NSU-Terroristen nicht aufgespürt hätten. Den Angehörigen der Mordopfer sprach Wohlleben sein Mitgefühl aus.

Der ehemalige NPD-Funktionär Ralf Wohlleben hat das Beschaffen der NSU-Mordwaffe bestritten. In seiner Aussage im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München sagte Wohlleben am Mittwoch, er sei nicht vermittelnd tätig geworden oder habe in irgendeiner Form Aufträge zum Beschaffen der Pistole vom Typ "Ceska" erteilt. Mit der "Ceska" waren neun Migranten erschossen worden. Nach Auffassung der Bundesanwaltschaft gehen die Taten auf das Konto der Terrorzelle NSU, dem Wohlleben die Waffe angeblich beschafft haben soll. Die Anklagebehörde wirft dem 40-Jährigen deshalb Beihilfe zum Mord vor.

Wohlleben bestritt in seiner Aussage auch, etwas von den Morden und Anschlägen, die dem "Nationalsozialistischen Untergrund" angelastet werden, gewusst zu haben. Er habe erst nach dem Auffliegen der Gruppe im November 2011 davon erfahren.

"Mitgefühl" für Angehörige der Opfer

Wohlleben, der wie die Hauptangeklagte im NSU-Prozess Beate Zschäpe seit 2011 in Untersuchungshaft sitzt, hatte am Mittwoch erstmals sein Schweigen gebrochen. Dabei sprach er auch den Angehörigen der Opfer der dem NSU angelasteten Taten sein Mitgefühl aus. "Ich bedaure jede Gewalttat", sagte er am Ende seiner Aussage vor dem Oberlandesgericht München: "Den Angehörigen der Opfer gilt mein Mitgefühl."

Zugleich erhob Wohlleben schwere Vorwürfe gegen die Behörden. Es sei ihm "unerfindlich", warum der Staat die drei untergetauchten mutmaßlichen Terroristen des "Nationalsozialistischen Untergrunds" Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos nicht aufgespürt habe. Schon mit Blick auf die ersten Jahre nach dem Untertauchen der drei 1998 sagte er, hätte man sie finden wollen, wäre das seiner Meinung nach mit Hilfe von Tino Brandt möglich gewesen. Brandt war damals Anführer in der rechtsextremen Szene in Thüringen und zugleich gut bezahlter V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes.

"Schlagfertig, witzig und sympathisch"

Eine Kombo zeigt Fahndungsbilder von Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos
Die mutmaßlichen NSU-Terroristen Zschäpe, Mundlos und Bönhardt (v.l.n.r.) Bildrechte: dpa

Zuvor hatte Wohlleben ausführlich von seinen Verbindungen zu Zschäpe und den beiden 2011 mutmaßlich durch Suizid gestorbenen NSU-Mitgliedern Böhnhardt und Mundlos berichtet. Demnach habe er die drei Anfang der 90er-Jahre in Jena kennengelernt. Mit Zschäpe habe man gut und lange reden können. Sie sei schlagfertig, witzig und ihm sehr sympathisch gewesen. Eine Schlüsselrolle bei der Formierung der verschiedenen Gruppierungen der rechten Szene in Jena - insbesondere des "Thüringer Heimatschutzes" - sprach Wohlleben Brandt zu. Dieser habe ihn auch für die NPD geworben, indem er ihm einen Mitgliedsantrag unter die Nase gehalten habe.

Taten von Mundlos und Bönhardt "unvorstellbar"

Laut Wohlleben hätten er und die anderen Angehörigen der rechten Szene damals in Jena jede Art von Gewalt abgelehnt. Er habe auch nichts gegen Ausländer gehabt, sondern gegen eine "Ghettoiisierung" und einen "Zuzug kulturfremder Ausländer".

Von der Gewaltbereitschaft von Mundlos und Böhnhardt will Wohlleben nichts gewusst haben. Das Verhalten der beiden habe früher keinen Anlass gegeben zu vermuten, dass sie dann schwere Straftaten begehen würden, sagte er. Es sei für ihn unvorstellbar, dass Mundlos und Böhnhardt zu diesen Taten in der Lage gewesen seien.

Wohlleben räumt Kontakt zu Untergetauchten ein

Wohlleben gab immerhin zu, nach dem Untertauchen des NSU-Trios Kontakt zu den dreien gehabt zu haben. Er habe die drei allerdings nur unterstützt, weil er über Jahre mit ihnen befreundet gewesen sei. "Ich hätte es besser nicht getan", sagte er.

Auch räumte Wohlleben ein, von seinem damaligen Freund Böhnhardt um die Beschaffung einer Waffe gebeten worden zu sein. Dieser habe sich damit im Falle einer drohenden Gefangennahme erschießen wollen. Er habe aber keine Waffe besorgen und am Suizid von Böhnhardt schuld sein wollen, erklärte Wohlleben. Schließlich habe Carsten S. – einer der fünf Angeklagten im NSU-Prozess - von Böhnhardt oder Mundlos den Auftrag bekommen.

Wohlleben bestritt insbesondere, in die Bezahlung der Waffe involviert gewesen zu sein. Er habe Carsten S. - der die Pistole schlussendlich besorgte - kein Geld gegeben. Diese Behauptung, die S. in seiner Aussage zu Prozessbeginn erhoben hatte, weise er zurück.

Zschäpe bestreitet jede Beteiligung

Beate Zschäpe hatte bereits am Mittwoch vergangener Woche ihr jahrelanges Schweigen gebrochen und durch ihren Anwalt Mathias Grasel eine lange Aussage verlesen lassen. Die 40-Jährige hatte darin jede Beteiligung an den zehn Morden und zwei Sprengstoffanschlägen, die dem NSU zur Last gelegt werden, bestritten und die Schuld allein ihren toten Freunden Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zugeschoben.

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