NSU-Ermittlungen "Fall Jule"- wie nah der Verfassungsschutz am Trio war

von Axel Hemmerling

Der Thüringer Verfassungsschutz war nach dem Untertauchen des späteren NSU-Trios offenbar dichter an den Gesuchten und ihren mutmaßlichen Unterstützern dran, als bislang bekannt und zugegeben. Medien berichteten am Freitag, die damalige Freundin des früheren NPD-Funktionärs Wohlleben sei V-Frau des Landesamtes gewesen. Er gilt als wichtigster Unterstützer des Trios und ist neben Beate Zschäpe Hauptangeklagter im NSU-Prozess am Oberlandesgericht München.

Es ist eine lose Sammlung von Quittungen und Notizen, die nun der Chaos-Chronik des Thüringer Landesamtes für Verfassungsschutz ein neues Kapitel hinzufügen werden. Bisher unentdeckt steckten sie in den weiterhin als geheim eingestuften Unterlagen der "Operation Drilling". Unter diesem Tarnnamen lief im Geheimdienst die Suche nach Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe.

Verfassungsschutz gewinnt Top-Zugang

Demnach war es dem Thüringer Verfassungsschutz irgendwann im Sommer 1998 - die so genannten Jenaer Bombenbastler waren ein knappes halbes Jahr verschwunden - gelungen, einen sogenannten Top-Zugang in die direkte Unterstützerszene zu gewinnen. Mehr als zehn Treffen sind mit "Jule" nachweisbar. Hinter dem Namen verbirgt sich, wie auch die "Stuttgarter Zeitung" mit Verweis auf den Bundestagsuntersuchungsausschuss berichtet, keine andere als die damalige Freundin von Ralf Wohlleben: Juliane W.

Quelle "Jule" sprudelt

Und Quelle "Jule" sprudelte: sie berichtete eifrig über den NPD-Mann Wohlleben. Persönliche Details, wichtige Informationen über die Struktur der gewaltbereiten Neonazi-Szene in Jena lieferte sie an den Verfassungsschutz und kassierte bis zu 200 DM dafür. Pikant dabei: Ralf Wohlleben hielt damals als Einziger den direkten Kontakt zu den untergetauchten Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe. "Jule" war es offenbar auch, die dem Geheimdienst die richtige Spur nach Chemnitz wies, wie Verfassungsschützer heute vermuten. Offen wollen sie sich zu diesem Verdacht aber nicht äußern.

Kein Wort im Schäfer-Bericht

Von all dem hätte auch Gerhard Schäfer wissen können, der nach dem Auffliegen des NSU-Trios die Untersuchungen der Arbeit des Verfassungsschutzes und der Polizeibehörden leitete. Doch in seinem Bericht fehlt jeglicher Hinweis auf die Zusammenarbeit zwischen "Jule" und dem Geheimdienst. Ein Hinweis des zuständigen Amtes oder des Innenministerium hätte den früheren Bundesrichter auf die Spur gebracht. In der Kürze der Zeit sei es ihm nicht möglich gewesen, alle Akten detailliert zu studieren, hatte Schäfer in einem MDR-Gespräch erklärt. Dabei war es das Innenministerium gewesen, das den Juristen beauftragt hatte, die Fahndungspannen bei der Jagd nach dem Trio aufzuklären.

Kein Wort vom "Jule"-Betreuer im Verfassungsschutz

Auch der damalige "Betreuer" von Juliane W. im Geheimdienst, Norbert Wießner, erwähnte in seinen beiden Vernehmungen vor der Schäfer-Kommission diese damalige Top-Quelle mit keinem Wort. Er beschrieb nur die Wichtigkeit der Quellen Brandt und Degner, beiläufig erwähnte er ein paar "Gelegenheitsinformanten." Somit weist der Schäfer-Bericht erneut eine große Fehlstelle auf. Kein Wort darüber verlor bisher auch das zuständige Innenministerium. Dabei war es wie alle anderen deutschen Sicherheitsbehörden angefragt worden, ob es in der unmittelbaren Nähe des "Terror-Trios" Vertrauenspersonen, Gewährspersonen, Informanten oder ähnliches führte. Die Untersuchungsausschüsse im Bund und in Thüringen erbaten Auskünfte, das Bundeskriminalamt, der Generalbundesanwalt. Thüringen meldete: nichts. Auch als nach der so genannten 129er Liste gefragt wurde, jener Namensliste, die alle potentiellen Kontakte des Trios aufführt, konnte Thüringen nichts beitragen. Juliane W. steht auf dieser Liste - als Nummer 95.

Linken-Obfrau im NSU-Ausschuss verägert

Konfrontiert mit den neuen Informationen aus Berlin zeigte sich die Obfrau der LINKEN im Erfurter Untersuchungsausschuss, Martina Renner, verärgert: Es gebe nicht nur entsprechende Beweisbeschlüsse, in denen nach Quellen im Umfeld von NSU gefragt wird, die offenkundig durch die Landesregierung falsch beantwortet wurden, auch habe man mehrfach bei Zeugenbefragungen dezidiert nach bezahlten Informanten unter der Neonaziszene in Jena nachgefragt. Die Existenz von Zuträgern, zumal im Zusammenhang mit der Spurenverfolgung der Drei durch den Thüringer Verfassungsschutz sei durchgängig verneint worden. Renner konstatiert: Dies stelle sich jetzt als glatte Lüge dar.

Das "zufällige" Auftauchen der Juliane W.

Juliane W. war bei der Flucht des Trios direkt eingebunden. Gerade als die Polizei am Nachmittag des 26. Januar 1998 die Wohnung von Uwe Mundlos durchsuchen wollte, tauchte "Jule" mit passenden Wohnungsschlüsseln bei den verblüfften Ermittlern auf. Sie gab an, den Schlüssel am Tag zuvor von Mundlos bekommen zu haben. Fernsehen wollte sie dort schauen - nur ein TV-Gerät gab es in der Wohnung nicht. Zwei Tage später war es wieder Juliane W., die bei der Jenaer Polizei erschien. Mit einer formlosen Vollmacht forderte sie die Wohnungsschlüssel der Beate Zschäpe. Das unterzeichnete Dokument will sie vor ihrer Haustür gefunden haben - erklärte sie den Beamten. Den Schlüssel bekam sie dennoch nicht. Anfang März 1998 besuchte Juliane W. die Mutter von Uwe Mundlos auf der Arbeit. Sie solle ein Konto für ihren Sohn einrichten - bat "Jule" im Auftrag von Mundlos. Die Kreditkarte dazu würde sie an den Untergetauchten weitergeben. Die Eltern trauten der jungen Frau nicht und lehnten ab.

Juliane W. spielt heute ihre damalige Rolle runter

Für das Landesamt für Verfassungsschutz galt Juliane W. schon damals als "unmittelbare Zugangs- und Kontaktperson der drei Gesuchten sowie als Unterstützerperson für deren Fluchtfortsetzung". Das teilte das Amt auch dem Bundeskriminalamt im November 2011 mit. Nicht aber, dass eben jene "Jule" dem Amt zuarbeitete. Juliane W. selbst spielt heute ihre damalige Rolle runter. Sie hätte dem Trio nie geholfen, behauptete sie in ihrer Zeugenvernehmung beim Bundeskriminalamt im Januar 2012. Vom Verfassungsschutz habe sie zwar "mehrfach" Geld bekommen, aber nichts zum Verbleib der Drei sagen können, gab sie zu Protokoll.

Nicht einmal das hatte das Landesamt für Verfassungsschutz bisher offiziell den Ermittlern mitgeteilt. Dabei waren die Geheimagenten sehr interessiert an "Jule" - zumindest so lange sie mit Ralf Wohlleben liiert war. Nach ihrer Trennung von NPD-Mann Wohlleben stellte das Landesamt Anfang 1999 die Zusammenarbeit offenbar ein.

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