Verkehr Abbiegeassistenten werden zur Bedingung für Lkw-Abwrackprämie

MDR-Volontär Lukas Paul Meya
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Vergangene Woche hat die Bundesregierung milliardenschwere Unterstützungen für die Automobilbranche angekündigt. Unter den Maßnahmen: Eine Abwrackprämie für Lkw. Die soll nun an die Installation von Abbiegeassistenten gekoppelt werden. Umwelt- und Fahrradverbände halten die Prämie dennoch für falsch.

ein Lkw neben einem Fahrradweg in der Stadt
Insbesondere Abbiegeunfälle stellen eine Gefahr für Radfahrer dar. Bildrechte: imago images/CHROMORANGE

Die Gelder der Lkw-Abwrackprämie der Bundesregierung werden nun an die Installation eines Abbiegeassistenten gekoppelt. Das bestätigte das Bundesverkehrsministerium dem MDR. Details zur Regelung seien jedoch noch in der Abstimmung.

Insgesamt eine Milliarde Euro für neue Lkw

Auf dem Autogipfel vergangene Woche kündigte die Bundesregierung an, der Automobilbranche unter anderem mit einer Abwrackprämie für Lkw unter die Arme zu greifen. Mit 500 Millionen Euro unterstützt der Staat die Verschrottung von Lkw der Abgasnormen Euro 3, 4 und 5. Dieselbe Summe steht insgesamt für die Erneuerung von Lkw in staatlichen Flotten zur Verfügung.

Mit Abbiegeassistenten Unfälle vermeiden

Bislang sind Abbiege-Assistenten nur für Lang-Lkw vorgeschrieben, eine europaweite Pflicht tritt 2022 für neue Fahrzeugtypen und 2024 für neue Fahrzeuge in Kraft. Bis dahin setzt Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer auf die Initiative der Unternehmen. Abbiegeassistenten gelten als Schlüssel bei der Vermeidung von Unfällen zwischen Lkw und Fahrradfahrern. Fast 2.700 solcher Unfälle gab es laut Bundesverkehrsministerium allein im vorigen Jahr .

Zwar sinkt die Zahl der Verkehrstoten insgesamt, es verunglücken jedoch immer mehr Radfahrer tödlich – mehr als 400 im vergangenen Jahr. Durchschnittlich 30 Radfahrer kommen dabei laut ADAC ums Leben, weil sie von rechtsabbiegenden Lkw übersehen werden. Der Grund: Lkw-Fahrer sitzen deutlich höher als Radfahrer. Im Gegensatz zu gewöhnlichen Pkw verfügen sie über einen größeren toten Winkel – der Bereich, den Lastwagen-Fahrer nicht über den Rückspiegel einsehen können. Helfen sollen dabei Assistenzsysteme. Mit zusätzlichen Kameras, Bilderschirmen und automatisierten Bremsvorrichtungen sollen so Unfälle verhindert werden.

Umweltschützer bleiben bei ihrer Kritik

Warum kommt der Vorstoß jetzt und nicht bereits vergangene Woche, als die Auto-Hilfen vorgestellt wurden? Der Bund für Umwelt und Naturschutz, kurz BUND, hatte eine Kopplung der Gelder an Assistenzsysteme zuvor ins Spiel gebracht. Jens Hilgenberg, zuständig für Verkehrspolitik beim BUND, sieht die Ankündigung als unmittelbare Reaktion auf die Forderung der Umweltorganisation. Es sei erstaunlich, dass "Herr Scheuer nicht selbst darauf gekommen ist", so Hilgenberg. Dennoch kritisiert er die Abwrackprämie:

Ein mittelalter Mann vor dunklem Hintergrund.
Bildrechte: Bund für Umwelt und Naturschutz

Die Abwrackprämie für Lkw ist kein Fortschritt, da sie keine Innovationen fördert. Die Kopplung an den Abbiegeassistenten nimmt lediglich den größten Schreck von dieser Maßnahme weg.

Jens Hilgenberg Leiter Verkehrspolitik, BUND

Der Kauf von Lkw-Fahrzeugen mit innovativer Technik würde so nicht unterstützt: "Man fördert pauschal alle Lkw mit Euro-6-Norm. Das ist nichts Innovatives, das ist Standard". Man hätte, kritisiert Hilgenberg, noch mehr Bedingungen an die neuen Fahrzeuge knüpfen sollen, zum Beispiel ihren Maximalverbrauch festlegen können. Auch eine verpflichtende Nutzung von automatischen Bremssystemen hätte zur Bedingung gemacht werden können. Ohne solche Auflagen sei die Bezuschussung von 15.000 Euro pro Fahrzeug "totaler Schwachsinn".

Fahrradverband fordert weitere Maßnahmen

Radfahrer fahren auf dem Radweg neben Lkws
Alltag in deutschen Städten: LKW und Radfahrer teilen sich die Straße. Bildrechte: imago/Frank Sorge

Etwas positiver fällt das Fazit beim Radfahrerverband ADFC aus. Er bezeichnet Abbiegeassistenten als "wichtigen Baustein für mehr Verkehrssicherheit", fordert darüber hinaus aber die weitgehende Verbannung von Schwerlastverkehr in den Innenstädten. "Besser wäre es gewesen, Mikro-Hubs und moderne Citylogistikkonzepte zu fördern", also Maßnahmen, mit denen Stadtzentren nur noch im Ausnahmefall zur Durchfahrtszone für Lkws werden. Jens Hilgenberg vom BUND verweist auf das Verkehrsmodell der Stadt Wien: Dort sind Lastwagen mit mehr als 7,5 Tonnen Gewicht verboten. Als weitere effektive Maßnahmen zur Reduzierung von Unfällen führt der ADFC geschützte Kreuzungen und getrennte Ampelphasen an.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 25. November 2020 | 09:00 Uhr

3 Kommentare

Copper vor 7 Wochen

Schon ihr erster Satz ist deutet auf das hin was ich eigentlich meine. "Fakt ist, dass auch Radfahrer und, ja, auch Fußgänger ebenso die StVO kennen...". Ist das so ? Ist das ein Fakt ? Als Kraftfahrer muss ich dafür einen Prüfung ablegen. Alle anderen Verkehrsteilnehmer nicht. Es gibt nicht mal einen Zwang sich damit überhaupt auseinander setzen zu müssen. Auch geht es mir nicht darum einen Schuldigen zu finden wenn es zu einem Unfall kommt. Ich erwarte, nicht immer nur den schwarzen Peter auf den Kraftfahrer zu schieben, sondern auch mal in die andere Richtung zu schauen was man dort verbessern kann. Der Paragraph 1 der StVO erklärt es ja eindeutig wie es zu funktionieren hat und Fußgänger sowie Fahrradfahrer sind Teilnehmer im Straßenverkehr. Ob sie es wollen oder nicht. Die Maßnahmen zur Aufklärung nicht motorisierter Verkehrsteilnehmer zum Verhalten und den Regeln im Straßenverkehr sind mir in Deutschland einfach zu lasch bzw. quasi nicht vorhanden.

Denkschnecke vor 7 Wochen

Sie vermischen die Straßenverkehrsordnung mit Gefahrenvermeidung.
Fakt ist, dass auch Radfahrer und, ja, auch Fußgänger ebenso die StVO kennen und beachten müssen. Und auch, dass der geradeausfahrende Radfahrer Vorrang vor dem rechts abbiegenden Verkehr hat.
Man müsste auch PKW-Fahrern noch mal nahebringen, beim Abbiegen über die Schulter zu schauen, ob da nicht ein Radfahrer mit 25 km/h auch noch die Grünphase schaffen würde. Ich wüsste erst recht gern, in welchen Situationen >Autofahrer< zur Gefahrvermeidung auf ein Vorfahrtsrecht verzichten (so wie Sie das hier vom Radfahrer fordern). Erlebe ich nicht oft.

Copper vor 7 Wochen

Weitere Maßnahmen könnten auch sein Fahrradfahrer, die am öffentlichen Straßenverkehr teilnehmen wollen in einer gewissen Grundschulung beizubringen das es manchmal nicht sehr vorteilhaft ist rechts neben einem rechts blinkenden LKW zu stehen und dann auf sein Vorfahrtrecht zu bestehen. Bitte nicht falsch verstehen, ich begrüße jede Maßnahme die den Straßenverkehr sicherer machen und Menschenleben retten aber warum bezieht man Fahrradfahrer und Fußgänger da nicht mit ein. Als Kraftfahrer muss man die Verkehrsregeln, Gefahren und Situationen kennen sowie erkennen. Ein Fahrradfahrer und Fußgänger nicht. Bspw. könnte man das u.a. auch mit in einen Lehrplan in der Schule schon einbauen, wo ist das Problem. Es müssen beide Seiten für den Straßenverkehr sensibilisiert werden. Technisch können wir bei Kraftfahrzeugen unterstützend nachhelfen, bei allen anderen nur und überhaupt durch Aufklärung.