Barrierefreies DOK-Erlebnis in Leipzig So bereitet Kino auch blinden Menschen Freude

Gehen Blinde und gehörlose Menschen eigentlich ins Kino? Bisher selten, weil vor allem Hollywoodfilme nicht barrierefrei angeboten werden. Das heißt, sie haben keine Szenenbeschreibung für Sehbehinderte bzw. Untertitel für Hörgeschädigte. Die gibt es erst, wenn Monate später die DVD erscheint. Seit rund vier Jahren ermöglichen die Apps "Greta" und "Stark", dass immer mehr Filme barrierefrei im Kino angesehen werden können. Jetzt sind auch zwölf Filme auf dem DOK Leipzig über App zugänglich.

Barbara Fickert sitzt mit Kopfhörern im Kinosessel. Auf der Leinwand läuft der Dokumentarfilm "The Poetess" im Rahmen des DOK Filmfestival in Leipzig. Sehen kann sie den Film nicht. Barbara Fickert ist blind. Dennoch kann die Kinogängerin den Film erleben – mithilfe einer App fürs Mobiltelefon.

"Greta" für Blinde und "Starks" für Gehörlose

Die App beschreibt, was die Leinwand zeigt und liest vor, wenn es Untertitel im Film gibt. Über die Geräuschkulisse im Kinosaal synchronisiert sich die Beschreibung mit dem laufenden Film. Die App hört mit. Seit gut drei Jahren sieht Fickert so regelmäßig aktuelle Kinofilme. Dank der App "Greta" für Blinde und der App "Starks" für Gehörlose, ist Kino nun auch barrierefrei möglich. Vorher musste Fickert warten, bis Monate später eine DVD mit Szenenbeschreibung veröffentlicht wird. Über viele der Filme, die sich sie anschaut, ja sie selbst spricht von Filme sehen, schreibt sie in ihrem Filmblog "Blindgängerin.com". Der Blog bietet nicht nur Filmrezensionen, sondern klärt auch auf. "Ich bin immer wieder überrascht, dass sehende Menschen sich gar nicht vorstellen können, dass und wie blinde Menschen Kino erleben und dabei auch Spaß haben."

Engagierte Menschen mit Herz

Ihr Blog soll aber auch blinden Menschen einen Kinobesuch schmackhaft machen. Denn längst noch nicht alle seh- und hörgeschädigten Menschen kennen die Apps "Greta" und "Stark". Entwickelt wurde "Greta" 2013 von einem Team um Senait Debese. Sie lernte eine blinde Frau kennen und fand es problematisch, dass es für Blinde nicht möglich war, so etwas Alltägliches zu tun, wie ins Kino zu gehen. Mit der App scheint sie einen Nerv zu treffen.

"Die Anwender schreiben uns so was wie: Jetzt macht mir Kino wieder Spaß. Ich kann mit meiner Familie, meinen Freunden, meinen Arbeitskollegen endlich ganz normal am Kinoerlebnis teilhaben. Ich kann besser in den Film eintauchen."

Keinen mehr ausschließen

270.000 Mal wurden Filme in den letzten Jahren mit Hilfe der Apps in Deutschland von blinden und gehörlosen Menschen gesehen, erklärt Debese. "Die Verleiher, die ihre Filme zugänglich machen, sind immer die, die besonders engagiert sind und die diese Visionskraft haben, wie wichtig das ist, blinde und gehörlose Zuschauer mit ihren Familien und Freunden am Kinoerlebnis teilhaben zu lassen."

Deutschland ganz vorn dabei

In Deutschland ist es gesetzlich festgelegt, dass Filme, die vom Filmförderfonds unterstützt werden, auch in einer barrierefreien Fassung zu sehen sind. Anders ist es bei vielen internationalen Filmen, erklärt die blinde Filmjournalistin Barbara Fickert. "Bei internationalen Filmen ist das eben keine Pflicht. Zum Beispiel die ganzen Oscar-Gewinner und Verdächtigen wie "Lalaland" und "Moonlight". Die rauschen, sage ich immer, ungehört und ungesehen an den Zielgruppen vorbei, das finde ich sehr schade."

Knapp 400 Filme wurden bisher über die Apps angeboten, zwölf aus dem DOK Filmfestival-Programm. Der Film "The Poetess" über eine vollverschleierte Poetin aus Saudi Arabien hat Barbara Fickert beeindruckt. "Diese Augen, die so betont wurden, wenn sie im Studio saß, wurde ja ganz oft die Großaufnahme von ihren Augen gezeigt, das wurde ganz oft beschrieben. Da habe ich auch so ein Bild, was sich so ein bisschen eingegraben hat.“ Der Blick der mutigen Frau im Film blieb ihr im Kopf – dank der App Greta.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 04.11.2017 | 12:22 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

1 Kommentar

05.11.2017 00:42 Markus 1

Ja, das passiert heutzutage immer öfter: für Blinden zeigt man TV und Gehörlosen studieren Musik... Keine Hände, keine Ohren - am Ende bekommen wir einen Dirigenten!

Mehr zum Thema

Zurück zur Startseite