Eine Pflegerin nimmt die Hand einer alten Frau, die in einem Stuhl sitzt.
Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt, doch damit wachsen Budget und Personaldecke nicht automatisch mit. In vielen Pflegeheimen führt das zu Bedingungen, die der Gesetzgeber verbietet - eigentlich. Bildrechte: colourbox

Fachkräfte-Quote unterschritten Personalmangel führt zu Aufnahmestopps in Pflegeheimen

Zu wenige Fachkräfte, zu große Mängel: Bei vier Pflege- und Altenheimen in Sachsen hat die Heimaufsicht jetzt die Notbremse gezogen. Nach Recherchen von MDR AKTUELL ordnete der zuständige Kommunale Sozialverband Sachsen Aufnahmestopps an. Das heißt, die Einrichtungen dürfen keine neuen Patienten mehr aufnehmen. Auch andernorts spitzt sich die Lage immer weiter zu.

von Andre Seifert, MDR AKTUELL

Eine Pflegerin nimmt die Hand einer alten Frau, die in einem Stuhl sitzt.
Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt, doch damit wachsen Budget und Personaldecke nicht automatisch mit. In vielen Pflegeheimen führt das zu Bedingungen, die der Gesetzgeber verbietet - eigentlich. Bildrechte: colourbox

Der Fachkräftemangel in der Pflegebranche in Mitteldeutschland ist so groß wie noch nie: Nach Recherchen von MDR AKTUELL verstoßen in Sachsen zurzeit 107 Alten- und Pflegeheime gegen gesetzliche Vorschriften, weil ihnen das Personal fehlt. Das ist jedes achte Heim. Thüringen erhebt die Zahl nicht. In Sachsen-Anhalt sind es 70 Einrichtungen.

Zu wenige Fachkräfte sind gesetzlich verboten

Bei Kontrollen in diesen Heimen haben die Behörden festgestellt, dass die sogenannte Fachkraftquote nicht eingehalten wird, erklärt Monika Pittasch vom Kommunalen Sozialverband, der in Sachsen die Kontrollen durchführt: "Grundsätzlich ist jede Unterschreitung der Fachkraftquote eine Verletzung des für diesen Bereich geltenden Gesetzes. Der Träger einer stationären Einrichtung hat sicherzustellen, dass betreuende und pflegerische Tätigkeit ausschließlich durch Fachkräfte durchgeführt oder unter angemessener Beteiligung dieser ausgeführt wird."

Fachkraftquote Die Fachkraftquote hat der Gesetzgeber festgelegt, um die Qualität in der Pflege sicherzustellen. Vorgeschrieben ist eine Quote von 50 Prozent. Das heißt, dass mindestens jeder zweite Mitarbeiter in einem Pflegeheim eine dreijährige Ausbildung zur Fachkraft absolviert haben muss.

Immer weniger Heimen gelingt es, diese Fachkraftquote zu erfüllen. In Sachsen hat sich die Anzahl der Heime, die gegen die Quote verstoßen, in den vergangenen fünf Jahren verzwölffacht. Statt ausgebildeter Pfleger kommen in den betroffenen Einrichtungen in der Mehrzahl Pflegehilfskräfte zum Einsatz.

Unterschreitung der Fachkraftquote (FQ)
  Heime mit unterschrittener FQ Heime mit unterschrittener FQ heute Heime mit FQ unter 40%
Sachsen 9 (2012/2013) 107 (2017) 12 (2017)
Sachsen-Anhalt 18 (2012) 70 (2016) 5 (2016)

Menschen verlassen den Beruf schnell wieder

Eine Pflegerin hält einer bettlägerigen Frau ein Glas mit Wasser an den Mund.
Zeit, Zuwendung, Aufmerksamkeit - dieses Idealbild einer liebevollen Pflege und Betreuung kann in vielen Heimen nicht aufrechterhalten werden. Bildrechte: IMAGO

Manuela Schaar vom Fachbereich Gesundheit und soziale Dienste der Gewerkschaft ver.di wundert diese Entwicklung nicht. Sie beobachte seit Jahren, dass die Arbeitsbedingungen in der Pflege schlechter würden und sich daher immer weniger junge Menschen für eine Pflegeausbildung interessierten: "Es gibt Bundesländer, mit denen Sachsen in Konkurrenz steht. Die Leute wandern ab in Bundesländer, in denen besser bezahlt  wird. Sie wandern ab in den Krankenhausbereich, wo es Gehaltsdifferenzen gibt. Und im Allgemeinen würde ich es daran festmachen, dass sich die Bedingungen perspektivisch nicht verbessern. Die Menschen bleiben nicht lang genug im Beruf."

Weil Personal fehlte und weil bei Kontrollen Mängel festgestellt wurden, sind 2017 zwei Heime in Sachsen-Anhalt sogar komplett geschlossen worden. In Thüringen ordneten die Behörden im vergangenen Jahr an, dass drei Heime keine neuen Gäste und Patienten mehr aufnehmen dürfen.

Fachkräfte in der stationären Pflege in Mitteldeutschland
  Pflegeheime (Stand) Plätze in den Heimen (Stand) Beschäftigte (Stand)
Sachsen 885 (2015) 55.300 (2015) 38.500 (2015)
Sachsen-Anhalt 700 (2016) 30.900 (2016) 20.071 (Ende 2013)
Thüringen 457 (2015) 28.000 (2015) 17.794 (Ende 2013)

Vorschriften können umgangen werden

Die Gewerkschaft kritisiert außerdem, dass Pflegeheime, die die Fachkraftquote unterschreiten, nicht zwangsläufig sanktioniert werden müssen. Zwar droht das Gesetz in Sachsen theoretisch mit einer Geldbuße von 10.000 Euro. Doch ein Pflegeheim kann sich ganz einfach per Antrag von der Fachkraftquote befreien. Die Gewerkschaft fordert von der Politik, diese Gesetzeslücke zu schließen. 

Die Arbeitgeberseite hingegen bringt einen weiteren Vorschlag ins Spiel: er spricht sich für eine flexible Fachkraftquote aus, die sich am Pflegebedarf in der jeweiligen Einrichtung bemisst.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | Tagesthemen | 31. Januar 2018 | 22:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 31. Januar 2018, 17:51 Uhr

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62 Kommentare

31.01.2018 13:59 Anton 62

@ 6 1 das kann man doch nicht von den feinen Politiker verlangen diese haben ihre besonderen privilegien, was denkt sich hier der blöde Michel.........
bei dem anschlag von Schäuble damals wurde im KH. eine gesamte Station verlegt von den Patienten
wir sind doch nur zum bezahlen gut mehr nicht sollte eigentlich nunmehr jeder wissen.

31.01.2018 08:44 Renate 61

ich glaube, es würde genügen und schnellstens zu Änderungen führen, wenn sofort ALLE Personen dieses Landes (also vor allem auch Politiker und deren Angehörige) verpflichtet werden in gleichen Heimen wie Lieschen Müller (Hartz IV) selbst untergebracht zu werden. sie würden sich ganz schnell für Verbesserungen einsetzen.
junge Leute, die sehr wohl gewillt sind in diesem Beruf zu arbeiten, können unter heutigen Bedingungen mit 11 Tagen Dienst am Stück, mit Dauerbereitschaft am Handy in der "Freizeit" , mit dem Bewußtsein ständig Unzulänglichkeiten bewußt hinnehmen zu müssen, die sogar in den Gerichtssaal führen können, halten diese Situation nicht lange aus. auf diese Weise sind soziale Kontakte nicht einmal innerhalb der eigenen Familie möglich, geschweige denn neu aufzubauen. junge Menschen vereinsamen, sind ausschließlich in ihrer Arbeitsstelle oder im Bett anzutreffen, denn ein einziger freier Tag nach 11 Tagen Dienst muß man dringend mal schlafen.

30.01.2018 23:16 Andreas 60

Man sollte auch Beachten das Krankenkassen in jedem Bundesland andere Gelder für Betreuung und Pflege bezahlen. Es werden auch sehr viele Heime von Firmen und Leuten betrieben die mit Sicherheit nicht das Wohl der Rentner im Sinn hat. Profitmaximierung für Aktionäre in der Altenpflege das geht gar nicht. Da meine Partnerin in der Altenpflege ist muss ich auch oft von ihr hören das viele Heimbewohner doch entlich Sterben wollen. Nicht weil sie schlecht behandelt sondern weil es Zeit ist zu gehen. Dann werden manche 90 Jährige immer wieder ins Krankenhaus geschickt. Hier und da noch ne OP. Die wollen das gar nicht mehr. Aber wer will von uns schon Gott spielen.

30.01.2018 22:47 Kritischer Bürger 59

@Anna Lyse 58: Genau da möchte ich Sie voll umfänglich meine Zustimmung erteilen! Nur in einem früheren Kommentar hatte ich folgendes geschrieben: Die Pflege ist im Grunde nur ein Geschäft mit den Menschen. Das das freiwillige Ausscheiden aus dem Leben mit Sterbehilfe niemals durchkommt ist Teil des Geschäftes!

30.01.2018 21:26 Anna Lyse 58

Es mag jetzt vielleicht sarkastisch klingen aber als pflegende Angehörige weiß ich wovon ich spreche. Vielleicht wäre es langsam an der Zeit über aktive Sterbehilfe nachzudenken.
Den Schritt dann zu tun steht auf einem ganz anderen Blatt.

30.01.2018 17:52 Peter 57

@49 karsuppke: In den letzten 15 Jahren hat sich die durchschnittliche Lebenserwartung der Deutschen um 5% erhöht, die Anzahl der Pflegeheime hat sich aber um 50% und die der ambulanten Pflegedienste um 30% erhöht.
Ich ziehe daraus den Schluss, dass es sich viele Menschen zu einfach machen, ihre Angehörigen ins Pflegeheim zu schicken.

30.01.2018 17:40 Frauke Garstig 56

@54+55 Neben einem Intensiv- und Beatmungspatienten müssen sie nunmal ein ausgebildete Fachkraft stellen, die fallen nicht vom Himmel! @53 Die Geburten in Deutschland sind seit den 80igern rückläufig, seitdem wurde diese Problematik von den Konservativen in die Zukunft verdrängt!

30.01.2018 16:03 Kritischer Bürger 55

@Frauke Garstig 45: NEIN sicherlich werden Pflegekräfte sich über die lausige Bezahlung für die betreffende Arbeit kaum äußern, ABER es ist auch eine Antwort ein Ausdruck von Unzufriedenheit wenn Pflegekräfte sich andere ArbG suchen wo diese Pflegekräfte mehr an Einkommen haben oder nicht so umfangreiche Arbeitsbelastung für entsprechendes Einkommen! +... Die Fachkraftqoute ist wichtig, oder würden sie ihre schwerkranke Mutter einer ungelernten "Aufsicht" überlassen wollen?...+ MAN KANN SICH NUR LEISTEN oder in Anspruch nehmen was man bezahlen kann. Anders geht es nicht! Ich möchte zu gern mal wissen wie die Kosten für Pflege, für Personal und für leitende Kader in den einzelnen Pflegeheimen, aufgeschlüsselt werden und wo das Geld hingeht! Wer davon seinen Nutzen hat! Doch darüber liegt ganz stilles Schweigen! 13.38

30.01.2018 16:02 Kritischer Bürger 54

@Frauke Garstig 45: Trotz das ich versuchte so detailliert wie möglich zu sein, haben Sie NICHTS begriffen oder wollen es nicht begreifen das fehlendes Personal ZURÜCK GEHT auf UNZUREICHENDE BEZAHLUNG, damit sich erstens jüngere Menschen für diesen Beruf überhaupt entscheiden und zweitens, weiter dann auf Grund der Zahlen das andere Personal entlasten könnten OHNE drittens, das Pflegeheime geschlossen werden müssten! Weiterhin viertens mit gleichen Löhnen und Gehältern in GANZ D dann auch der Arb.-Platzwechsel nicht in diesem Maße (Ost nach West) "um sich greifen würde"! Haben Sie es nun verstanden warum was wie läuft! Gerade wo es darum geht das diese heutige Generation der alten Menschen wie die Folgenden für die kommenden Jahre immer mehr ÜBERALTERT auch mehr Pflegefälle unausweichlich sein werden. ArbN können sich Mehrkosten für Pflege jetzt und in kommender Zeit NICHT LEISTEN! Über Vorsorge für den Pflegefall bedarf es wohl keine Worte mehr allein bemessen an Einkommen aus Arbeit!

30.01.2018 14:07 jochen 53

36 + 45 F. Garstig # - Wenn Sie später einmal in einem Heim leben müssen, werden auch Sie die "Annehmlichkeiten" der heutigen verfehlten Politik spüren. Da hilft dann auch keine falsche politische Einstellung.
Das ist Gerechtigkeit.