Barmer-Pflege-Report Viele pflegende Angehörige überfordert und selbst krank

Pflegende Angehörige sind der "größte Pflegedienst Deutschlands". Doch sie leiden oft an Schlafmangel, sind körperlich und psychisch überlastet oder haben Existenzängste. Viele wollen deshalb die Pflege aufgeben. Der Pflegenotstand könnte damit größer werden.

Viele der rund 2,5 Millionen Menschen, die Angehörige zu Hause pflegen, haben die Grenze ihrer Belastbarkeit erreicht. Ihre Bereitschaft zur Pflege sinkt. Das geht aus dem neuen Pflege-Report der Barmer-Krankenkasse hervor.

Schlafmangel und Existenzängste

Danach stehen rund 185.000 pflegende Angehörige kurz davor, die Pflege einzustellen. Rund 164.000 wollen nur mit mehr Hilfe weiter pflegen. Knapp ein Prozent will dies auf keinen Fall länger tun.

In der Studie gaben die Betroffenen an, sie seien körperlich und psychisch überlastet, litten unter Schlafmangel und würden selbst krank.

Auch Existenzängste tragen dazu bei, die Pflege von Angehörigen aufzugeben. So geht nur ein Drittel aller pflegenden Angehörigen arbeiten. Jeder Vierte hat seine Arbeit wegen der Pflege reduziert oder musste sie ganz aufgeben.

Barmer warnt vor Verschärfung des Pflegenotstands

Aus Sicht der Barmer Krankenkasse droht sich der Pflegenotstand in Deutschland deshalb weiter zu verschärfen. Denn mehr als die Hälfte der Pflegebedürftigen wird ausschließlich durch Angehörige ohne Beteiligung von Pflegeeinrichtungen versorgt. Die Angehörigen gelten deshalb auch als "größter Pflegedienst der Nation".

Wir können es uns nicht leisten, auf die Dienste pflegender Angehöriger zu verzichten, weil sie an ihre Grenze kommen, sich allein gelassen fühlen, weil sie körperlich und psychisch völlig erschöpft sind.

Barmer-Chef Christoph Straub

Pflege dominiert den Alltag

Für den vom Bremer Gesundheitsökonomen Heinz Rothgang erstellten Barmer-Pflege-Report wurden mehr als 1.900 pflegende Angehörige befragt. Die Studie ergab auch, dass sieben von acht pflegenden Angehörigen allerdings meistens oder immer gut mit der Pflege zurechtkommen.

1,65 Millionen der pflegenden Angehörigen sind Frauen. Bei 85 Prozent der Befragten dominiert die Pflege den Alltag, die Hälfte von ihnen kümmert sich sogar mehr als zwölf Stunden täglich um den Pflegebedürftigen. Dazu gehören unter anderem Medikamentenversorgung, Unterstützung beim Essen, bei der Mobilität oder beim Toilettengang.

Hilfsangebote oft ungenutzt

60 Prozent der pflegenden Angehörigen wünschen sich mehr Hilfe. Allerdings findet mehr als die Hälfte der Hauptpflegepersonen niemanden, um sich für längere Zeit vertreten zu lassen.

Die zahlreichen Hilfsangebote wie Kurzzeit- und Verhinderungspflege oder Haushaltshilfen werden von den pflegenden Angehörigen insgesamt zwar positiv gesehen. Sie werden aber wenig genutzt.

Als Gründe gaben die Befragten an, es bestehe "kein Bedarf" oder "die Leistung ist unbekannt". Häufig wurden "geringe Qualität", "zu teuer", "zu viel Organisation" oder es "passt zeitlich nicht" als Grund genannt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 08. November 2018 | 12:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. November 2018, 17:34 Uhr