Eine Krankenschwester verbindet einem älteren Herren das Bein.
Weil eine Rundumbetreuung durch einen Pflegedienst oft zu teuer ist, engagieren Familien günstigere Schwarzarbeiter. Bildrechte: imago/blickwinkel

Zu wenig Personal Schwarzarbeit in der Pflege nimmt zu

Es ist für Familien eine sehr schwierige Situation: Ein alter Mensch kann nicht mehr alleine zuhause leben und muss deswegen betreut werden. Viele entscheiden sich dann dafür, eine Betreuungskraft dauerhaft ins Haus zu holen, meist aus Osteuropa. Denn eine 24-Stunden-Pflege über einen Pflegedienst zu organisieren, wäre einfach viel zu teuer. Das Problem dabei ist nur - die allermeisten dieser Betreuungskräfte arbeiten schwarz.

von Mareike Wiemann, MDR AKTUELL

Eine Krankenschwester verbindet einem älteren Herren das Bein.
Weil eine Rundumbetreuung durch einen Pflegedienst oft zu teuer ist, engagieren Familien günstigere Schwarzarbeiter. Bildrechte: imago/blickwinkel

Ohne ausländische Betreungspersonen würde das Pflegysystem in Deutschland zusammen brechen - das ist für Frederic Seebohm völlig klar. Er ist Geschäftsführer des "Verbandes für häusliche Betreuung und Pflege" und sagt, dass man 250.000 bis 300.000 zusätzliche Heimplätze bräuchte, wenn es keine Betreuung in der häuslichen Gemeinschaft geben würde.

Das Geld dafür wäre zwar da, nicht aber das "zusätzlich examinierte Personal". Laut Seebohm ist das auch auf Jahre hinaus nicht zu erreichen. In Seebohms Verband haben sich Firmen zusammen geschlossen, die legal Betreuungskräfte aus dem Ausland nach Deutschland vermitteln.

Bestehende Gesetze richtig anwenden

Doch mit ihrer Arbeit decken sie nur einen Bruchteil des Bedarfs ab: rund 90 Prozent der Betreuungskräfte, so schätzen verschiedene Fachverbände, arbeiten schwarz hier. Das könnten - wiederum nur eine Schätzung - etwa 270.000 Menschen sein. Für Seebohm ist das nicht tragbar.

Der Verband fordert Rechtssicherheit für diese Dienstleistung. Es gibt legale Modelle, aber wir haben zu wenig Rechtssicherheit.

Frederic Seebohm, Geschäftsführer des "Verbandes für häusliche Betreeung und Pflege"

Dabei bräuchte es nach Seebohms Meinung gar kein neues Gesetz, die vorhandenen müssten nur richtig angewendet werden.

Seebohm bezieht sich auf drei Modelle: Beim ersten stellt eine Familie die Betreuungskraft selbst an. Beim zweiten werden die Betreuungskräfte von einer Firma in einem anderen Land nach Deutschland entsendet. Und beim Dritten sind sie auf selbstständiger Basis in Deutschland tätig.

Andere Länder als Vorbild

Für den Pflegeexperten und Rechtswissenschaftler Professor Thomas Klie von der Evangelischen Hochschule Freiburg sind diese Modelle aber alle keine rechtlich einwandfreie Lösung. Denn bei keinem werde die tatsächliche Arbeitszeit der Betreuungskräfte angemessen berücksichtigt. Für Klie gibt es deswegen auch keine kleinen Ansätze, um das Problem zu beheben - man sollte bei der Pflege lieber ganz neu denken und in andere Länder schauen.

Das haben Sie in Frankreich oder in Schweden anders, weil diese Länder ganz andere Systeme haben.

Prof. Thomas Klie, Pflegeexperte und Rechtswissenschaftler

In Frankreich gebe es eine staatliche Subventionierung von Haushaltsdienstleistungen und Haushaltsbeschäftigten, und in Schweden eine bedarfsdeckende Finanzierung. So lange solche Alternativen nicht auch in Deutschland eingeführt werden, gebe es auch weiterhin Schwarzarbeit in der Pflege.

Veränderungen nicht in Sicht

Klie fordert eine grundlegende Strukturreform in der Pflege, bei der sogenannte "assistenzbasierte Leistungen" mit berücksichtigt werden.

Das Bundesgesundheitsministerium allerdings möchte die Debatte um ausländische Betreuungskräfte auf Anfrage der Presseagentur dpa nicht kommentieren und verweist weiter an das Bundesarbeitsministerium. Von diesem kommt an die dpa nur die Antwort, dass die soziale Situation ausländischer Betreuungskräfte intensiv beobachtet werde - spezielle Regelungen für den Personenkreis aber derzeit nicht vorgesehen seien.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 12. Februar 2019 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Februar 2019, 05:00 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

4 Kommentare

14.02.2019 12:02 Haug-Henseler 4

Sehr interessanter Artikel. Leider vermisse ich eine Stellungnahme zu den pflegenden Angehörigen. Diese müssen häufig 24 Stunden pro Tag, 365 Tage im Jahr Angehörige pflegen. Pflegende Angehörige bekommen für Ihr Arbeit kein Geld, keinen Urlaub, keine Sozialversicherungen, keine Entlastung. Pflegende Angehörige werden wie Sklaven behandelt, ohne Rechte, ohne jegliche Absicherung. Wann kümmert man sich um dieses Problem. Wann wird diesen Menschen geholfen? Wer setzt sich für Sie ein?

12.02.2019 18:38 Wo geht es hin? 3

Da ich aus persönlicher Erfahrung weiss, wovon ich rede, hier mal ein paar Fakten: In ganz Dresden und Umgebung gibt es zur Zeit nicht einen einzigen Platz im Pflege - und Betreuungsbereich für Schwerstbehinderte der frei wäre. Nur Wartelisten. Zur Zeit ist auch kein einziges neues Heim in Planung, geschweige denn im Bau. Bei der Lebenshilfe wurde vor kurzem die einzige Filiale in Dresden geschlossen, die eine Kurzzeitpflege/Verhinderungspflege angeboten hat. Wenn die Angehörigen noch Arbeit haben, ist spätestens mit dem 18. Geburtstag damit Schluss. Oder man wählt die Alternative Altenheim. Wenn man aber das Geld dafür nicht hat - was bleibt denn da noch? Und dann wundert man sich? SO lässt man die Schwächsten im Stich, aber anderen ....ach ich lass es!

12.02.2019 10:35 Fragender Rentner 2

Wie ging Früher mal ein Lied: "Wer soll das bezahlen, wer hat das bestellt?"

12.02.2019 06:52 Lilly 1

"rund 90 Prozent der Betreuungskräfte, so schätzen verschiedene Fachverbände, arbeiten schwarz hier"

hier werden Arbeitskräften pauschal Schwarzarbeit unterstellt,
es hackt wohl?