Passanten laufen an einem Gebäudeplan der Technischen Universität in Dresden vorbei.
Allein an der TU Dresden sollen noch 17 Personen mit NS-Vergangenheit einen Ehrendoktortitel tragen. Sie alle sind tot. Bildrechte: dpa

Geschichtsaufarbeitung Debatte um Ehrendoktoren mit NS-Vergangenheit

Noch immer sind viele Personen mit NS-Vergangenheit Ehrendoktoren an Universitäten in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Recherchen von MDR AKTUELL ergaben, dass mindestens 38 von ihnen an den Unis in Leipzig, Dresden, Halle-Wittenberg, Magdeburg, Jena und Chemnitz einen Ehrendoktortitel tragen. Nun werden Forderungen laut, das zu ändern. Doch es ist unklar, ob die Ehrendoktortitel überhaupt aberkannt werden müssen bzw. können.

von Andrè Seifert, MDR AKTUELL

Passanten laufen an einem Gebäudeplan der Technischen Universität in Dresden vorbei.
Allein an der TU Dresden sollen noch 17 Personen mit NS-Vergangenheit einen Ehrendoktortitel tragen. Sie alle sind tot. Bildrechte: dpa

Sachsens Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange von der SPD macht der Technischen Universität Dresden Druck. 17 ehemalige Nationalsozialisten sind Ehrendoktoren an der TU Dresden. Stange legt der Uni nahe, sich mit diesen Personen auseinanderzusetzen. "Wir haben mit der TU Dresden Kontakt aufgenommen, und es obliegt jetzt natürlich der TU Dresden und den Fakultäten, auch anhand der konkreten Namen zu prüfen und Schlussfolgerungen zu ziehen."

38 Personen mit NS-Vergangenheit

Der SS-Mann Otto Beisheim, der NS-Rüstungsmanager Heinrich Koppenberg, der erzgebirgische NSDAP-Kulturwart Friedrich Emil Krauß - sie alle sind Ehrendoktoren der TU Dresden. Die Uni Leipzig ehrt bis heute den Wehrwirtschaftsführer William Borm, die Uni Halle den Hitler-Bewunderer und Monarchisten August von Mackensen. Insgesamt 38 Ehrendoktoren an den Hochschulen in Mitteldeutschland haben eine zweifelhafte NS-Vergangenheit.

Ehrungen vor 1945 - Betroffene längst verstorben

Bis auf Beisheim wurden alle vor 1945 geehrt - inzwischen sind sie längst verstorben. Einige dieser Persönlichkeiten haben auch wissenschaftliche Verdienste. "Doch sind sie auch integer?", fragt Ministerin Stange. "Und wir wissen aus der Vergangenheit, dass es natürlich auch Menschen gegeben hat, die im NS-Regime tätig waren, ich denke jetzt zum Beispiel an Günther Grass, denen man jetzt nicht gleich alle Würden aberkennt deswegen. Also man muss schon genau hinschauen, um was handelt es sich konkret."

Aberkennung nicht so einfach

Doch es könnte kompliziert werden, einen Ehrendoktoritel im Nachhinein wieder abzuerkennen. Und dafür gibt es zwei Gründe. Der erste: Das sächsische Hochschulgesetz erlaubt die Aberkennung einer Ehrenpromotion nur dann, wenn der Geehrte rechtskräftig verurteilt wurde. Das führt zu der absurden Situation, dass ein antisemitischer Hetzer wie Adolf Bartels die Ehrendoktorwürde behalten kann, die wegen Korruption verurteilte südkoreanische Ex-Präsidentin Park dagegen womöglich nicht.

Claudia Maicher, die hochschulpolitische Sprecherin der Grünen im sächsischen Landtag, meint, man müsse die Aufklärung trotzdem an den Hochschulen machen. Man könne sich distanzieren. Und dann müsste man als Politik gucken, ob man vielleicht im sächsischen Hochschulgesetz die Regelung verändern müsse, sodass den Hochschulen, wenn sie es wollen würden, eine Aberkennung auch möglich sei.

Doktortitel möglicherweise schon erloschen

Juristisch betrachtet ist die An- oder Aberkennung eines Ehrendoktortitels immer ein sogenannter Verwaltungsakt. Und der könnte - so lautet zumindest eine juristische Auffassung - mit dem Tod eines Geehrten unwirksam werden.

Darauf zieht sich unter anderem die Uni Leipzig zurück. Sie teilte mit, sie könne ehemaligen Nazis oder Kriegsverbrechern die Ehrendoktortitel gar nicht wegnehmen, da die Personen tot und die Titel damit ohnehin erloschen seien. Rektorin Beate Schücking fügt aber hinzu: "Wir können nur deutlich machen, dass wir uns mit diesen Fakten auseinanderstzen und bei jeder neuen Ehrenpromotion, die wir heute vergeben, dass wir uns damit beschäftigen, warum vergeben wir diese Ehrenpromotion."

Andere Universitäten prüfen dagegen noch, ob eine Ehrendoktorwürde mit dem Tod erlischt. Noch sind also viele Fragen offen. Die Universitäten in Mitteldeutschland haben gerade erst mit der Aufarbeitung begonnen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 16. Juli 2018 | 07:34 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Juli 2018, 15:19 Uhr

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19 Kommentare

17.07.2018 20:23 lummox 19

nur der vollständigkeit halber: gibt es auch ehrendoktor/Innen mit ns-vergangenheit? wenn nicht, dann laßt die tote/Innen ruhen. :)

17.07.2018 19:05 mare nostrum 18

@15, Janes: Sie haben mein Posting nicht verstanden.

17.07.2018 16:48 Querdenker 17

In der DDR wurden auch so einige Doktortitel verliehen. Vielleicht sollte man da auch mal anfangen, denn da leben ja noch so einige (siehe „taz Ein Erbe der DDR Dr. Stasi“). Ach nee, da hat die SED ja mit dem Einigungsvertrag vorgesorgt gehabt und ihre Stasi-Schäfchen etc. ins Trockene gebracht (siehe „wiki Aberkennung eines akademischen Grades - In der DDR erworbene akademische Grade“).

Aber trotzdem könnten die Universitäten diese DDR Geschichte medienwirksam aufarbeiten! Das ehemalige SED Mitglied Eva-Maria Stange könnte bei dieser Aufarbeitung eine Führungsrolle übernehmen.

Das Gesetz zur Aberkennung wegen „Unwürdigkeit“ haben sich übrigens die Nazis 1939 ausgedacht (siehe „AkaGrG Gesetz über die Führung akademischer Grade").

17.07.2018 16:48 Querdenker 16

Die Universität Leipzig z.B. besteht seit dem Jahr 1409. Es sollten jetzt alle Doktortitel auf die Gesinnung etc. überprüft werden. Zerrt die Toten vor das „Universitätsgericht“ von Ideologen!

Was für ein Schwachsinn! Steht zu eurer Geschichte und setzt euch damit auseinander! Die betreffenden Personen sind Tod und damit ist der damals verliehene Ehrendoktor ein Teil der Geschichte, Vergangenheit und erloschen.

17.07.2018 16:44 Janes 15

@mare nostrum 14: Ich meinte damit auch nur, dass man diesen Prozess, wie auch immer der statt findet, nicht jeden Tag lang und breit in die Zeitung schreiben muss. Wichtig ist eben, dass "er" passiert. Und natürlich im Zusammenhang und sachlich.

17.07.2018 14:48 mare nostrum 14

@ 13, Janes: "Ich bin überzeugt, dass man die Vergangenheit-gerade was die NS Zeit oder andere Diktaturen/Unrechtsregieme angeht-aufarbeiten muss. Aber auch hier ist die Frage, wie viel Aufmerksamkeit jeder Akt braucht. "

Geschichte sollte man in Zusammenhang sehen. Man sollte sehen, wie es den Deutschen um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert erging, insbesondere in den 20er Jahren, also wie es zu den Entwicklung der 30er Jahre kam.

16.07.2018 22:12 Janes 13

@Querdenker 11: Das ist eine rein sachliche Festellung, und das wissen sie genau! Dazu braucht man ihre Beiträge lediglich zu überfliegen!

Und dann erlaube ich mir darauf hinzuweisen, dass ihre Meinung nicht der Weisheit letzter Schluss ist, es ist nur ihre Meinung. Nicht mehr und nicht weniger.

Ich bin überzeugt, dass man die Vergangenheit-gerade was die NS Zeit oder andere Diktaturen/Unrechtsregieme angeht-aufarbeiten muss. Aber auch hier ist die Frage, wie viel Aufmerksamkeit jeder Akt braucht.

Für mich ist die Information zu dem Sachverhalt im Artikel nicht soo interessant oder wichtig. Ich bin sicher, dass die Uni entsprechend damit umgehen wird. Ich kann aber nicht recht nachvollziehen, wieso das schon wieder instrumentalisiert werden muss.

16.07.2018 21:41 Erik 12

Würde man mir jemals einen Ehrendoktor an der TU Dresden antragen, würde ich absagen. Ein Titel, der nach politischer Wetterlage wieder aberkannt wird, ist ja nichts weiter als die Prämierung eines zu genau dem Zeitpunkt der Verleihung als staatstreu geltenden Verhaltens. Ich würde mich schämen dafür.

16.07.2018 20:44 Querdenker 11

@Janes 3

Sie versuchen mit „Argumentum ad hominem“ gegen mich vorzugehen, weil ihnen mein Beitrag nicht gefällt. Das ist oft ein Zeichen von fehlenden Argumenten.

Schön, dass Sie meine Beiträge immer fleißig lesen. Das kann gut sein für politische Bildung, Meinungsvielfalt und Toleranz.

Die Vergangenheit darf nicht unter dem Teppich gekehrt werden.

„Wer sich nicht seiner Vergangenheit erinnert, ist verurteilt, sie zu wiederholen“ (Zitat nach George Santayana)

16.07.2018 20:29 Fragender Rentner 10

Wieso haben sie dies jetzt schon mitbekommen, stimmt ja, ist ja erst Gestern gewesen??? :-(((