Blick in Notaufnahme
Das Ziel der Experten: Nur wenige Notfallkliniken mit hoher Qualität und als "eigenständige Einheiten". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Experten legen Vorschläge vor Reformplan für die Notaufnahme: Ärzte unter einem Dach

Die Notaufnahmen kränkeln seit Jahren: Experten der Bundesregierung wollen das System deshalb umstrukturieren. Eine ihrer Hauptforderung: Die Trennung zwischen stationär und ambulanter Versorgung aufzuheben, auch bei der Vergütung von Notfällen. Außerdem soll die Zahl der Notfallkliniken sinken.

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Das Ziel der Experten: Nur wenige Notfallkliniken mit hoher Qualität und als "eigenständige Einheiten". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Um die Not in der Notfallversorgung zu lindern haben Experten jetzt Vorschläge für eine Umstrukturierung vorgelegt. Ziel sei es, Patienten besser und ohne lange Wartezeiten zu helfen, sagte der Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR), Gerlach, im ZDF-Morgenmagazin.

Genervte Ärzte und Patienten

Die Krankenhäuser klagen seit Jahren über eine zunehmende Belastung der Notaufnahmen, die oft überfüllt sind. Nach Darstellung von Ärzten und Krankenkassen gehen immer mehr Patienten auch mit Bagatelldelikten in die Notaufnahmen, anstatt zum Haus- oder Facharzt. Alle Beteiligten sind deshalb genervt: die Patienten wegen oft sehr langer Wartezeiten und die Ärzte, die immer häufiger an ihre Grenzen gelangen.

Vorschlag: Bereits am Telefon die Weichen stellen

Der Plan der Sachverständigen sieht vor, dass jeder Patient erst einmal zum Telefon greift und in einer regionalen Leitstelle anruft, die laut Gerlach rund um die Uhr über eine bundesweit einheitliche Rufnummer erreichbar ist - ähnlich der derzeitigen Notrufnummer des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes Tel: 116 117, die Erkrankte nutzen können, wenn seine Hausarztpraxis geschlossen ist.

Den Experten zufolge soll künftig aber bereits am Telefon geklärt werden, wie dringend es ist und was zu tun ist. In Zweifelsfällen wird sofort ein Arzt zugeschaltet. "Wir gehen davon aus, dass wir so rund ein Drittel aller Anrufe abschließend lösen können", schätzt Gerlach. Manchmal reiche es ja, den Patienten zu beruhigen, ein Hausmittel oder den Facharztbesuch zu empfehlen. Damit will Gerlach "die Weichen besser stellen".

Notfallzentren sollen eigenständig werden

Die Leitstelle soll Patienten auch Termine in den Notfallzentren geben, damit sich die Wartezeiten verkürzen. Dort arbeiten nach Vorstellung der Experten künftig niedergelassene Ärzte und Klinikärzte unter einem Dach zusammen. In einem Modellversuch in einer Klinik in Frankfurt am Main entscheidet zum Beispiel eine Mitarbeiterin bei der Anmeldung am Tresen, ob der Patient im stationären oder im ambulanten System behandelt werden soll. Dort sitzen der Klinikarzt und der Bereitschaftsarzt der Niedergelassenen dann auch Tür-an-Tür.

Was Patienten oft nicht klar ist: Klinikärzte und Ärzte in Praxen gehören zu verschiedenen Systemen und werden auch aus verschiedenen Töpfen bezahlt.

Die wichtigste Neuerung: Die Notfallzentren sollen "eigenständige organisatorisch-wirtschaftliche Einheiten" sein, die aus einem separaten Topf finanziert werden. Damit will Gerlach zum Beispiel Fehlanreize durch vermeidbare stationäre Aufnahmen abgeschaffen.

Nur die "besten" Kliniken sollen Notfälle versorgen

Um die Versorgung "so optimal wie möglich" zu gestalten, wollen die Experten Gerlach zufolge nur "die besten Krankenhäuser" einer Stadt oder einer Region mit der Notfallversorgung beauftragen. Andere Kliniken sollen dann nicht mehr daran teilnehmen. "Da wird es Streit geben", räumte Gerlach ein.

Die Zahl der Notfallkliniken wird sich bereits im kommenden Jahr deutlich verringern. Um eine hohe Qualität der Patientenversorgung zu garantieren, hat der gemeinsame Bundesausschusses von Ärzten, Krankenhäusern und Krankenkassen Mindestanforderungen festgelegt. Damit fallen ab 2019 fast 630 Kliniken aus der Notfallversorgung heraus. In Sachsen wären 46 von 79 Kliniken betroffen. Kritiker befürchten, dass Patienten damit längere Anfahrtszeiten sowie längere Wartezeiten in Kauf nehmen müssten.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 29. Juni 2018 | 06:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Juli 2018, 16:12 Uhr