Eine Frau schreibt auf einer Laptop-Tastatur.
Nachwuchswissenschaftler stehen unter Veröffentlichungsdruck. Wollen Sie aufsteigen, müssen sie eine möglichst lange Publikationsliste vorweisen. Bildrechte: Colourbox.de

Ungeprüfte Veröffentlichungen Fake-Journale werden für Wissenschaft zum Problem

Tausende deutsche Wissenschaftler veröffentlichen ihre Forschungsergebnisse in Zeitschriften mit zweifelhaftem Ruf. Manche wissentlich, manche unwissentlich. Das haben gemeinsame Recherchen von MDR AKTUELL, NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung ergeben. Auch aus Mitteldeutschland haben Forscher in wertlosen Online-Journalen publiziert und dafür Steuergeld ausgegeben. Denn in der Forschung geht es vermehrt um eins: Hauptsache, deine Publikationsliste wird länger.

von Ralf Geißler, MDR AKTUELL

Eine Frau schreibt auf einer Laptop-Tastatur.
Nachwuchswissenschaftler stehen unter Veröffentlichungsdruck. Wollen Sie aufsteigen, müssen sie eine möglichst lange Publikationsliste vorweisen. Bildrechte: Colourbox.de

Es ist erstaunlich leicht, wissenschaftlicher Autor zu werden. Man nehme einen sinnfreien Text, garniert mit ein paar wirren Grafiken. Dann schickt man das zum Beispiel an das "Journal of Computer Science". Peter Hornung aus unserem Rechercheteam hat genau das gemacht: "Es hat ungefähr zwei Wochen gedauert, dann kam eine Antwort: Ja, wir sind angenommen. Wir müssten aber noch ein bisschen was überarbeiten dran. Dann mussten wir ein paar Kommas ersetzen und zwei Sätze dazu schreiben. Dann waren wir tatsächlich eingeladen auf eine Konferenz nach London."

Verlage veröffentlichen Texte ohne Prüfung

Der sinnfreie Text wurde in einem Journal veröffentlicht, das nach eigenen Angaben die überzeugendsten Forschungsergebnisse unserer Zeit publiziert. Wie kann das sein? Zunächst einmal: Es gibt weltweit Tausende Journale für Forscher. Diese reichen dort ihre Texte ein, Kollegen überprüfen den Inhalt und lehnen die Veröffentlichung auch mal ab.

Wird der Text angenommen, zahlt der Forscher in vielen Fällen an den Verlag für diesen Service Geld. Doch eine wachsende Anzahl an Verlagen prüft die Texte gar nicht und kassiert trotzdem. Diese sogenannten Raubverlage machen inzwischen Millionen.

Wissenschaft verliert durch Fake-Journals Vertrauen

Das ist allerdings noch das kleinere Problem, sagt Michael Wohlgemuth von der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek: "Wenn dieser Begutachtungsprozess nicht durchlaufen wird, kann gegen Geld grundsätzlich jede Information als wissenschaftliche Expertise verkauft werden. Angesichts der großen Bedeutung von wissenschaftlicher Expertise in unserer hochkomplexen Gesellschaft, ist der durch Fake-Journals geschürte Vertrauensverlust in die wissenschaftliche Expertise eine ganz große Gefahr für die gesamte Gesellschaft, nicht nur für das wissenschaftliche System."

Publikationen auch aus Magdeburg, Leipzig und Dresden

Das Problem: Die unseriösen Journale sind schwer zu erkennen. Optisch gleichen sie renommierten Vorbildern. Sie berufen sich auf angesehene Beiräte, die davon oft nichts wissen. Allein in Deutschland haben nach unseren Recherchen 5.000 Akademiker schon mal bei einem Raubverleger publiziert. Aus Mitteldeutschland häufig dabei: die Universitäten Magdeburg, Leipzig und Dresden.

Sachsens Wissenschaftsministerin Eva Maria Stange spricht von einem wachsenden Problem: "Gerade Nachwuchswissenschaftler tappen ja in diese Falle hinein, weil sie unter dem Veröffentlichungsdruck stehen. Wenn sie in der wissenschaftlichen Karriereleiter weiter wollen oder eine Promotion abschließen wollen, dann müssen sie nachweisen, dass sie in renommierten Zeitschriften veröffentlicht haben, dass sie an internationalen Kongressen teilgenommen haben und dieser Druck hat in den letzten Jahren überhandgenommen."

Einige Forscher veröffentlichen bewusst in Raubjournalen

Die einen tappen tatsächlich in eine Falle. Doch es gibt nach unseren Recherchen auch Forscher, die bewusst mehrfach in Raubjournalen veröffentlicht haben. Vermutlich, um ihre Publikationsliste zu verlängern. Viele Hochschulen wollen nun besser aufklären. Richard Funk findet das gut.

Der Anatomie-Professor, zugleich Senatsmitglied der TU Dresden, hat mehr als 300 Fachaufsätze veröffentlicht, einen davon versehentlich in einem Raubjournal: "Das war ein Fehler. Aber das war indirekt über einen Mitautor von kooperierenden Fakultäten. Das ist absolut ein Missbrauch von der wirklich seriösen Arbeit, die in den Laboren vorher gemacht worden ist. Dann ist es im Grunde nahezu wertlos."

Gewissenhafte Überprüfung findet nicht statt

Denn der Artikel steht nun im Kontext eines Verlages, der auch Verschwörungstheorien publizieren würde. Seit der Veröffentlichung erhält Funk täglich Post. Er möge doch weitere Forschungsergebnisse einreichen. Gern sei man gegen Geld bereit, sie zu publizieren. In den Mails wird versprochen, die Ergebnisse von Fachkollegen überprüfen zu lassen. Doch Funk ist längst klar: Eine gewissenhafte Überprüfung findet nicht statt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 19. Juli 2018 | 06:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Juli 2018, 07:56 Uhr

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16 Kommentare

20.07.2018 15:09 Siegfried Marquardt 16

Und wenn man sich bemüht, dann findet man auch konventionelle redaktionelle Medien, beispielsweise technische und wissenschaftliche Fachzeitschriften/Periodika, wo man seine wissenschaftlichen Beiträge publizieren kann. Sogar in konventionellen Medien/Zeitungen können fundierte wissenschaftliche Publikation – natürlich in einer allgemeinverständlichen Sprache (Wissenschaft muss immer kom¬mu¬ni¬zier¬bar sein!) veröffentlich werden. Man ist also gar nicht auf unseriöse Anbieter für wissenschaftliche Publikationen angewiesen! Man muss sich eben nur bemühen, nach dem Motto „Wer suchet, der findet! Und wenn alle Stränge reißen, dann kann man ja seine wissenschaftlichen Resultate auch im Eigenverlag veröffentlichen – der Computer bietet hier exzellente technische und technologische Möglichkeiten. S. Marquardt, Königs Wusterhausen

20.07.2018 15:07 Siegfried Marquardt 15

Es ist nahezu unverständlich, dass Autoren für die Veröffentlichung ihrer wissenschaftlichen Arbeiten an unseriöse „Wissenschaftsverlage“ einen nicht unbeträchtlichen Obolus entrichten (müssen)! Wenn solche unseriöse Konditionen existieren, dann haben sich die Verlage (und die Autoren) bereits selbst disqualifiziert respektive diskreditiert und man sollte als wissenschaftlicher Autor die Hände davon lassen (mit gewissen Ausnahmen bei Druckkostenzuschüssen für Masterarbeiten und Dissertationen). Denn: Es gibt bereits eine größere Anzahl von modernen Medien und insbesondere das Internet, wo man ganz seriöse Anbieter für wissenschaftliche Veröffentlichungen findet. Exemplarisch hierfür ist beispielsweise das Internetportal spektrum.de, wo man kleinere Beiträge nach entsprechender Prüfung der Redaktion publizieren kann. Aber auch das Internetportal „Wissenschaft3000“ wäre hierfür exemplarisch! Siegfried Marquardt , Königs Wusterhausen

20.07.2018 07:07 Spottdrossel 14

Natuwissenschaftler veröffentlichen in der "nature", oder eben in der "Yellow Press ".

20.07.2018 03:20 Sabrina 13

Ich habe selbst einen wissenschaftlichen Abschluss.
Wenn die wissenschaftlichen Ansprüche der etablierten Zeitschriften so hoch wären, dann könnten die Medizinblätter faktisch nichts veröffentlichen.
In allen Disziplinen, wo nicht so knallhart am Markt abgerechnet wird, wie in der Ingenieurwissenschaft, wird in etablierten Zeitschriften wie etwa Nature und anderen oder auf PubMed Unsinn veröffentlicht.
Da wird ein gefährlicher Erderwärmungs-Klimawandel herbeifantasiert, und behauptet, dass er durch seinen eigenen Nichteintritt bewiesen würde.
Gerade auch in der Physik wird Unsinn am laufenden Band verbreitet. Da wimmelt es von schwarzen Löchern, Farbverschiebungen und Geschwindigkeitsänderungen des Lichts, Urknallen und der Ausdehnung des Weltalls bis zur Formel von Einstein, dass Ruheenergie E = m*c² sei.
Keine der ach so angesehenen Zeitschriften hat sich je daran gestört, solche Märchen zu veröffentlichen.

19.07.2018 17:27 Ralf Geissler 12

@Harry: Es sind mindestens 5.000 deutsche Wissenschaftler, die in den Raubjournalen veröffentlicht haben. Steht so auch im Text. Wir haben nach Veröffentlichungen deutscher Forschungseinrichtungen gesucht und zusammengezählt.
@Wachtmeister Dimpfelmoser: Die Preise für eine Veröffentlichung schwanken. Bei den meisten Journalen kostet es einige hundert Euro. Die Gebühren werden von den Forschungseinrichtungen getragen. Es sind in der Regel also Steuergelder. Die Einladung nach London erfolgte aufgrund unseres Artikels. Die Kollegen haben dort auch einen Vortrag gehalten - ebenfalls komplett sinnfrei. Trotzdem gab es Applaus. Die Teilnahme an der Konferenz musste bezahlt werden. Die zweite Einnahmequelle der "Raubverlage".
@P.Berberich: Der Name "Raubverlag" ist eine in der Wissenschaftsszene übliche, aber etwas unbefriedigende Übersetzung des Englischen "Predatory Publisher". "Geraubt" wird Forschungsgeld, wenn die bei den Verlagen fehlende Überprüfung auffliegt, wohl auch Reputation.

19.07.2018 16:44 lummox 11

die wissenschaft ist schon seit längerer zeit teilweise zur glaubenssache verkommen. ein gutes beispiel dafür ist der sogenannte klimawandel.

19.07.2018 14:34 Horst Müller 10

Das Mittelalter hat uns wieder eingeholt. Die Inquisition in Gestalt angeblich seriöser öffentlich Jurnalisten verfolgt die wissenschaftler, die dem offiziellen Dogmen widersprechen. Man muss auch den letzten Klimawandlungszweifler, der dies auch noch wissenschaftlich belegt zum Schweigen bringen. Schließlich haben die Grünen bei dem gedanken an die CO2 Steuer scho Dollar-Augen - können Sie dann endlich Steuern erheben, die kein Mensch nachprüfen kann. Der Test war die Regensteuer - die wir in Form der Abwassergebühr bezahlen dürfen. Können die Hopchwassergeschädigten eigentlich den Schaden einklagen, weil ihre Abwassergebühren nicht ausreichend für den Hochwasserschutz eingesetzt wurden? Ich hoffe, die Wissenschaftler lassen sich nicht unter kriegen - denn "Sie bewegt sich doch!"

19.07.2018 13:21 Harry 9

"gewissenhafte Überprüfung" hätte auch diesem Artikel gutgetan. "Tausende" Wissenschaftler haben also irgendwo veröffentlicht, und weil die investigativen Journos EINEN Artikel (von wie vielen Versuchen?) durchbekommen haben, sagt das jetzt was über die Qualität all dieser Tausenden Veröffentlichung? Wie kommen die Autoren auf ihre "Tausende", gezählt, herbeifantasiert, gewürfelt? Welche Fachgebiete sind wie stark vertreten (sollte man eigentlich problemlos wissen, wen man Tausende Wissenschaftler namhaft gemacht hat) und warum gerade diese? Auch eine interessante Auffassung von Wissenschaft, das eine Arbeit unabhängig vom Inhalt "wertlos" ist, wenn sie im politisch unkorrekten "Kontext" veröffentlicht ist.

19.07.2018 13:06 Wachtmeister Dimpfelmoser 8

Zitat: "Doch Funk ist längst klar: Eine gewissenhafte Überprüfung findet nicht statt."
Kommt mir bekannt vor - vom BAMF... Welches Thema hatte denn der "sinnfreie Artikel"? Keine Angabe, auch keine Quelle, denn veröffentlicht wurde er ja wohl dem Beitrag nach. Wieviel wurde für das Publizieren verlangt? Keine Angabe. Wieso erfolgte eine Einladung auf eine Konferenz nach London? Hierzu ist im Artikel überhaupt kein Bezug da, was dies und ob das überhaupt etwas bedeutet. Ich habe auch schon wissenschaftlich publiziert, bin aber deswegen noch nie eingeladen worden. Und ein C4-Professor für Kardiologie kann durchaus einschätzen, was die Publikationsliste seines potentiellen neuen Assistenz- oder Oberarztes bezüglich des Impact Factors der zitierten Journals und nach anderen Gesichtspunkten wert ist; auf einen Blick. Fazit: Sinnfrei ist wohl eher der hier präsentierte Artikel. Den hätte ich so  n i c h t  angenommen.

19.07.2018 10:55 NRW-18 7

Man könnte fast auf den Gedanken kommen, dass Wissenschaftler, die nicht wirtschaftskonforme Ergebnisse vorlegen oder der Wahrheit zu nah kommen, aus dem Verkehr gezogen werden sollen.
Es ist auch so einfach, solche Wissenschaftler, aber auch kritische Bürger mit dem Totschlagsargumenten Fake-Verbreiter oder Verschwörungstheoretiker abzustempeln.
Letztendlich glaube ich was und wem ich will. Daran wird mich niemand hindern, auch nicht manche hier postenden Mainstream-Gläubigen.