In einem Hörsaal verfolgen Studenten 2015 eine Vorlesung, die Prof. Dr. med. Heike Kielstein hält.
Nur wenige Medizinstudentinnen schaffen es einmal in die Lehrstühle oder Chefetagen der Krankenhäuser. Bildrechte: dpa

Frauen in der Medizin Nur wenige Ärztinnen machen Karriere

Bei den Medizinstudierenden sind Frauen in der Mehrzahl. Aber in den Chefetagen der medizinischen Berufe, zum Beispiel in Klinikdirektionen, sind sie klar in der Unterzahl. Ein Start-up in Leipzig will das nun ändern.

von Marie-Sophie Schiller, MDR AKTUELL

In einem Hörsaal verfolgen Studenten 2015 eine Vorlesung, die Prof. Dr. med. Heike Kielstein hält.
Nur wenige Medizinstudentinnen schaffen es einmal in die Lehrstühle oder Chefetagen der Krankenhäuser. Bildrechte: dpa

Uniklinikum Leipzig, Sonntagnachmittag. Die Assistenzärztin Rima Nuwayhid hat Bereitschaftsdienst. In der Notaufnahme ist es relativ ruhig. 50 bis 70 Stunden ist die Ärztin pro Woche hier - es ist mehr als nur ein Vollzeitjob. Noch vor dem Studium war ihr klar: Sie will in der Chirurgie Karriere machen. Auf eine Familie wollte sie deswegen nicht verzichten.

Direktion mit 34 Männern und sechs Frauen

Nuwayhid erzählt: "Ich habe von der Bewerbung über meinen Berufsalltag nie das Gefühl gehabt, dass mir Hindernisse in den Weg gelegt wurden, weil ich eine Frau bin. Das nicht. Aber es ist durchaus auffällig, dass von den Kolleginnen mit Kind ich die einzige bin, die in Vollzeit arbeitet. Hingegen arbeitet kein männlicher Kollege mit Kind in Teilzeit."

Eingang Uniklinikum Leipzig
Die Uniklinik in Leipzig. Bildrechte: Imago

In ihrem Bereich gebe es etwa ein Drittel Ärztinnen – das sei für die Chirurgie ein guter Wert, meint Nuwayhid.

An der gesamten Universitätsklinik Leipzig arbeiten zwar insgesamt mehr Ärztinnen als Ärzte, aber nur etwa 34 Prozent von ihnen sind Oberärztinnen, und von 40 Direktoren sind nur sechs Frauen.

Ärztinnenbund: Zahlen inakzeptabel

Der Deutsche Ärztinnenbund fordert schon seit Jahrzehnten familienfreundlichere Verhältnisse. Vorsitzende Christiane Groß kritisiert: "Wenn wir betrachten, dass wir heute schon in der berufstätigen Ärzteschaft fast 50 Prozent Frauen haben, dann sind zehn Prozent Frauen auf den Lehrstühlen, 30 Prozent Frauen in den Oberarztstellen und unter 20 Prozent Frauen in den Gremien etwas, das man nicht einfach so akzeptieren kann."

Start-up vermittelt Aufträge an "stille Reserve"

Die Ärztin Dilan Sinem Sert, ebenfalls Mitglied im Deutschen Ärztinnenbund, wollte sich der Realität nicht einfach ergeben. Sie ist Ende 20, arbeitete in einem Krankenhaus in Düsseldorf und zog Anfang des Jahres nach Leipzig, um einen mutigen und ungewöhnlichen Schritt zu wagen: Statt in einer Klinik zu arbeiten, wie es der Plan war, gründete sie das Start-up SeDiDoc.

Die Idee ihrer Plattform: Sind Krankenhäuser überlastet, können sie einzelne Aufträge ausschreiben, und dann können Ärztinnen und Ärzte einspringen. Das könnte vor allem Frauen helfen, Familie und Arztberuf besser zu vereinen und den Anschluss an die männlichen Kollegen nicht gänzlich zu verlieren.

Sert erklärt: "In Deutschland haben wir eine hohe Anzahl einer stillen Reserve an Frauen, die Ärztinnen sind, aber nicht ärztlich tätig." Sie fordert deshalb, die Arbeitsstrukturen in den Krankenhäusern grundsätzlich und generell zu verändern, damit diese jungen Frauen dort auch ankämen. Natürlich gebe es positive Beispiele, sagt Sert. "Aber die Ausnahmen bestimmen nicht die Regel, und das bedeutet nicht, dass es Chancengleichheit gibt."

Karriere trotz Familie

Unterstützung bekommt das Projekt vom Europäisches Sozialfonds und vom Freistaat Sachsen. Noch ist die Plattform erst in einem kleinen Nutzerkreis aktiv. Sert hofft, dass die Plattform im Frühjahr etabliert sein wird. Dann will sie Barrieren für Frauen ein Stück weit abbauen.

Echte Chancengleichheit schaffen, Karriere trotz Familie ermöglichen – das, so hofft Sert, ist hoffentlich bald Realität, auch in den Kliniken.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 25. Dezember 2018 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. Dezember 2018, 05:00 Uhr