Eine Bronzeglocke mit Hakenkreuz und dem Spruch 'Alles fuer's Vaterland - Adolf Hitler'.
Im Umgang mit Kirchenglocken mit Nazisymbolik gibt es große Unsicherheiten. Bildrechte: dpa

Gemeinden in Thüringen und Sachsen-Anhalt betroffen Diskussion über Umgang mit Nazi-Kirchenglocken

In den evangelischen Kirchen in Mitteldeutschland hängen immer noch neun Glocken mit Nazi-Symbolik: sechs in Thüringen und drei in Sachsen-Anhalt. Wo genau, das wurde bisher nicht öffentlich gemacht. Auch weil noch nicht klar ist, wie mit den Nazi-Glocken umgegangen werden soll. Die Evangelische Kirche Mitteldeutschland lädt die betroffenen Gemeinden deshalb am Freitag an einen runden Tisch.

von Lily Meyer, Landeskorrespondentin Thüringen MDR AKTUELL

Eine Bronzeglocke mit Hakenkreuz und dem Spruch 'Alles fuer's Vaterland - Adolf Hitler'.
Im Umgang mit Kirchenglocken mit Nazisymbolik gibt es große Unsicherheiten. Bildrechte: dpa

Ein kleiner Ort im Thüringer Wald. Wenn hier sonntags die Kirchturmglocken läuten, dann ist darunter auch eine, die dem "Christus der Deutschen" gewidmet ist. Dazu muss man wissen: In Thüringen gründeten sich 1931 die Deutschen Christen, die die völkisch-rassistische Ideologie des Nationalsozialismus in der evangelischen Kirche einführen wollten. 1934 erklärten sie Adolf Hitler zum Nachfolger Jesu – also dem "Christus der Deutschen".

Gemeinde mit Hitler gewidmeter Glocke bleibt anonym

Wie geht man also um mit einer Kirchenglocke, die Adolf Hitler gewidmet ist? Der Pfarrer der betroffenen Gemeinde ist unschlüssig. Aus Angst, Neo-Nazis könnten den Ort für ihre Zwecke nutzen, möchte er, dass er und seine Gemeinde anonym bleiben.

Erst vor ein paar Wochen habe er von der Glocke in seinem Kirchturm erfahren. Auf den Austausch mit den anderen betroffenen Gemeinden und der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland, kurz EKM, ist er gespannt. Vorschläge, was mit dieser und acht weiteren Glocken in Mitteldeutschland passieren soll, gibt es viele, sagt Oberkirchenrat Christian Fuhrmann von der EKM:

Natürlich kommt sehr schnell der Reflex bei manchen: Glocken abhängen, einschmelzen und neu gießen.

Christian Fuhrmann, Oberkirchenrat der EKM

Andere würden sagen, man könne die Glocken weiter läuten lassen, müsse sich aber zu der Geschichte stellen, fasst Fuhrmann zusammen. Wiederum andere schlügen vor, die Glocke abzunehmen und an einer Gedenkstelle abzusetzen. Dazu eine Gedenktafel, auf der deutlich werde, dass die Kirche in dieser Zeit, insbesondere auch gegenüber jüdischen Mitmenschen, große Not hervorgerufen habe. Auch die Glocken einem Museum zu übergeben, wäre denkbar.

Mehr Reflexion in den Kirchengemeinden durch runden Tisch

Reinhard Schramm
Reinhard Schramm ist für Offenheit in der Diskussion um Nazi-Symbolik auf Kirchenglocken. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bis eine Lösung da ist, empfiehlt die EKM, die Glocken schweigen zu lassen. Darüber entscheiden müssen aber die Eigentümer der Glocken – und das sind die Kirchengemeinden.

Das betont auch Reinhard Schramm, der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde in Thüringen, der auch zu dem runden Tisch eingeladen ist. Er plädiert dafür, dass das Thema innerhalb der Gemeinden offen diskutiert werde. Sonst blieben die Geschichtsvergessenheit und die Unwissenheit in dieser Frage bestehen. Darin sieht Schramm eine Gefahr.

Und das ist eigentlich das Anliegen, dass Geschichtsvergessenheit nicht siegen sollte in solcher Frage.

Reinhard Schramm, Vorsitzender Jüdische Landesgemeinde Thüringen

Die Diskussion in der Gemeinde sollte zu mehr Wissen über die eigene Kirchengeschichte, vor allen Dingen während des Nationalsozialismus beitragen, sagt Schramm: "Damit man in den relativ schwierigen Zeiten heute nicht andere oder neue Fehler macht."

Dass seine Gemeinde in die Aufarbeitung aktiv mit einbezogen werden muss, findet auch der Pfarrer aus dem Thüringer Wald. Was mit der Glocke passiert, dürfe aber nicht unter Druck entschieden werden, sondern müsse wohl überlegt sein. Auch deshalb wäre es ihm lieber, wenn heute noch nicht öffentlich werden würde, welche Gemeinden betroffen sind.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 12. April 2019 | 05:48 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. April 2019, 05:00 Uhr

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42 Kommentare

13.04.2019 19:06 Ureinwohner 42

Reinhard Schramm, Vorsitzender Jüdische Landesgemeinde Thüringen: "Und das ist eigentlich das Anliegen, dass Geschichtsvergessenheit nicht siegen sollte in solcher Frage." Es steht jedem frei eine neue Glocke zu spenden , wenn er sich beeinträchtigt fühlt.

13.04.2019 14:15 Eulenspiegel 41

Also ich denke die Glocke sollte dort hängen bleiben Und sie sollte auch weiter läuten. Die Kirche sollte ein Denkschrift erstellen mit einem Bild von der Glocke. In dieser Denkschrift sollte genauer dargelegt werden wie und warum es zu dieser Glocke mit dem Hakenkreuz kam. Dies sollte dann als eine Mahnung für die Zukunft gelten was bestimmte nationalistische Ideologien anrichten können. Ich denke das die Leute, die damals dafür sorgten das dieses Hakenkreuz auf der Glocke kam nicht unbedingt überzeugte Nazis waren. Und ich denke, würden sie noch ein mal für kurze Zeit auf die Erde zurück kommen und sehen daß das Hakenkreuz da immer noch sich befindet, sie würden sich zu Tode schämen.

12.04.2019 19:37 Elbdampfer 40

Die Rechtsradikalen erklärten Adolf Hitler zum Nachfolger Jesu? Haha, ich habe es schon immer gesagt: Das sind sektenartige Strukturen, mit denen man es da zu tun hat. Wahrscheinlich ist Hitler für manche Hardcore-Extremisten sogar das gleiche wie der Liebe Gott. Das schlägt dem Fass echt den Boden aus. Beziehungsweise der Kirchenglocke. Oh Mann ...

12.04.2019 19:26 der_Silvio 39

@21 Stefan; "Es gab nicht nur Bonhoeffer sondern auch Pastoren wie Ludwig Müller die Kanonen gesegnet haben."
Dietrich Bonhoeffer wurde von den Nazis ermordet, weil er als Christ sich gegen das Naziregime gestellt hatte.
@Stefan + @L.Trommer; die kath. Kirche war nicht weniger beteiligt.

Was die Glocken angeht, bin ich dafür, daß man sich diesem Teil der eigenen Vergangenheit verantwortungsbewußt stellt und dies auch aufarbeitet. Ob das Einschmelzen dieser Glocken dafür notwendig ist, bezweifle ich.

Der Vorschlag von Querdenker in #29 wäre eine bessere Möglichkeit, allerdings sollte die Kirche die Kosten dafür tragen, schließlich geht es da um die Beteiligung der Kirche. Das Einschmelzen hätte hingegen den Ansschein von wegrennen.

12.04.2019 17:08 Agnostiker 38

"Bis eine Lösung da ist, empfiehlt die EKM, die Glocken schweigen zu lassen."
Aha, wo die Glocken nicht mehr wie ueblich laeuten, muss ein dicker Bronze-Nazi im Kirchturm haengen. [prov. Smiley]

Eigentlich nicht die wirklichen Probleme unserer Zeit, aber wer schon alles hat, den stoert die Fliege an der Wand.
Darum kann ich den Moment auch kaum erwarten, das die richtigen Probleme (z.B. resultierend aus Muttis "richtigem Weg") auf alle hereinbrechen.

12.04.2019 16:55 Anonym 37

@Niedriger hängen

Hier kann ich nur zustimmen. Nach 70 Jahren sollten wir mal dieses Gespenst begraben(jedoch nicht vergessen). Wir sprechen auch nicht nach 600 (ca. 13 Jahhundert - 14 Jahrhundert) Jahren über den 100 Jährigen Krieg zwischen Großbritanien und Frankreich.

12.04.2019 16:29 007 36

@ D.o.M. 33 ... Stimmt, unser Mehrfamilienhaus ist übrigens auch in den 1930gern gebaut worden. Ich hab deswegen solche Gewissenskonflikte es öffentlich zu sagen, mein Heim haben Nazis gebaut. Sollten wir nicht all diese Gebäude u alle Reichsautobahnen, die übrigens die Nazis gebaut haben, meiden u zurückbauen? Was sagen die ewig Gestrigen, die Gutmenschen dazu? Ob die einen KDF fahren würden, einen VW? Oder aus ideologischen Gründen lieber nicht?

Ist es nicht erschreckend? Jedes andre Land steht zu seiner Geschichte u kann damit umgehen, nur wir Deutschen nicht. Wir werden in einem ewig depressivem Dilemma gehalten ...

12.04.2019 16:06 Niedriger hängen 35

Meine Güte,
wie d e u t s c h diese ganze Diskussion mal wieder ist!

Lasst die Dinger hängen und
läuten wie bisher. Das hat
doch auch auch über 70 Jahre keinen Menschen gestört.
Da sie im Turm hängen, sieht
sie auch niemand und keiner
kann irgendwelchen propagandistischen Unfug
damit anstellen.

12.04.2019 15:57 L. Trommer 34

Ob die Evangelische Kirche jemals in der Lage sein wird, sich ohne Wenn und Aber von ihrer braunen Vergangenheit zu lösen?

12.04.2019 15:44 D.o.M. 33

@Jenaer30: Ist Ihnen eigentlich bewußt, was zwischen 1933 und 1945 alles Hitler gewidmet und deshalb jetzt auch abgerissen, geschreddert, geschleift, verbrannt oder sonstwie beseitigt werden müßte ? Das Gebäude des Staatstheaters Weimar zB dürfte wegen seiner Rolle im Jahre 1926 (also schon vor 1933!!) als eines der ersten die Abrißbirne sehen.