Notärzte versorgen einen Mann, der von einem Baumhaus im Hambacher Forst gefallen ist.
Notärzte versuchen den Journalisten zu retten, der von einem Baumhaus im Hambacher Forst gefallen ist. Bildrechte: dpa

Räumung vom Hambacher Forst ausgesetzt Journalist stirbt nach Sturz von Hängebrücke

Bei den Protesten gegen die Rodung des Hambacher Forsts ist ein Journalist von einer Hängebrücke in die Tiefe gestürzt und dabei ums Leben gekommen. NRW-Innenminister Reul ließ die Räumung des Waldstücks "bis auf weiteres" aussetzen.

Notärzte versorgen einen Mann, der von einem Baumhaus im Hambacher Forst gefallen ist.
Notärzte versuchen den Journalisten zu retten, der von einem Baumhaus im Hambacher Forst gefallen ist. Bildrechte: dpa

Während der großen Räumungsaktion im Braunkohlerevier Hambacher Forst ist ein Journalist von einer provisorischen Hängebrücke zwischen zwei Baumhäusern in die Tiefe gestürzt. Der Mann habe den Sturz nicht überlebt, bestätigte Polizeisprecher Paul Keman.

Kemen sprach von einem "tragischen Unglücksfall". Bei dem Toten handele sich um einen jungen Journalisten, der seit Längerem das Leben der Aktivisten in den Baumhäusern dokumentiert habe, sagte er. "Ich möchte - ich muss - betonen, dass dieser Unglücksfall in keinem Zusammenhang steht mit polizeilichen Arbeiten hinsichtlich der Räumung der Baumhäuser."

Latten fehlen in seiner Brücke zu einem Baumhaus.
Von dieser Brücke zu einem Baumhaus stürzte der Journalist in die Tiefe. Bildrechte: dpa

Es habe zum Unglückszeitpunkt keine Polizeimaßnahmen in der Nähe der Unglücksstelle und am Baumhaus gegeben. Der Journalist habe gerade seine volle Speicherkarte eintauschen wollen, als er abstürzte.

Kohlegegner verlangt Stopp der Räumung

Das Aktionsbündnis "Hambi bleibt" verlangte einen sofortigen Stopp der Räumung. "Wir fordern die Polizei und RWE auf, den Wald sofort zu verlassen und diesen gefährlichen Einsatz zu stoppen. Es dürfen keine weiteren Menschenleben gefährdet werden", schrieb die Initiative in ihrem Blog.

Zu dem tödlichen Sturz sei es vermutlich gekommen, weil der Journalist einen SEK-Einsatz in der Nähe habe beobachten wollen. Über die zwischen zwei Baumhäusern gespannte Brücke habe er anscheinend näher an den Einsatz herangehen wollen, schrieb die Initiative in ihrem Blog. Der Tote sei "ein Freund, der uns seit längerer Zeit im Wald journalistisch begleitet", betonte das Aktionsbündnis.

Räumung läuft seit knapp einer Woche

Die nordrhein-westfälische Landesregierung setzte die Räumungsarbeiten nach dem Unfall "bis auf weiteres" aus. "Wir können jetzt nicht einfach so weitermachen", sagte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU).

Herbert Reul, NRW-Innenminister
Herbert Reul Bildrechte: dpa

Ich habe eine Riesenbitte an alle Menschen, die irgendwie mit dem Wald, dem Gelände, den Häusern, den Bäumen zu tun haben: Dass sie bitte die Gefahr, die davon ausgeht, einfach jetzt zur Kenntnis nehmen und möglichst nicht im Wald rumlaufen und nicht auf den Bäumen rumklettern und nicht in die Häuser gehen.

Herbert Reul NRW-Innenminister

Die NRW-Grünen begrüßten, dass "alle polizeilichen Maßnahmen auf die Aufklärung des Vorfalls konzentriert werden." Laut Aachener Polizei ermittelt ein Tatortteam der Mönchengladbacher Polizei die Umstände des tödlichen Sturzes.

Die Ermittler arbeiteten vor Ort und sichteten beispielsweise auch mögliche Videos. Reul erklärte, die Ermittler bräuchten jetzt Zeit und Ruhe, um das Geschehene aufzuklären. Ein Sprecher der Aachener Staatsanwaltschaft konnte am Mittwochabend noch nicht sagen, ob Ermittlungen durch die Behörde eingeleitet würden.

Gerken zieht Arbeitsbühnen ab

Am späten Abend wurde bekannt, dass der Arbeitsbühnen-Verleiher Gerken seine Geräte aus dem Hambacher Forst abzieht. Das Unternehmen sei von dem betreffenden Kunden, bei dem es sich nicht um die Polizei handle, zuvor in keinster Weise über den geplanten Einsatzzweck informiert gewesen.

Da auch wir mit der Vorgehensweise im Hambacher Forst absolut nicht einverstanden waren und sind und wir auch den Einsatz unserer Bühnen dort nicht weiter rechtfertigen können, haben wir heute beschlossen, dass wir unsere Geräte dort stilllegen.

Geschäftsleitung von Gerken Gerken-Firmen-Homepage

"Wir machen das, obwohl wir es rein rechtlich nicht dürfen, und setzen uns damit hohen Regressansprüchen unseres Kunden aus", hieß es weiter.

Technik mit der Firmenaufschrift "Gerken vermietet Arbeitsbühnen" war auf Fotos zu sehen, die die Räumung von Baumhäusern durch die Polizei zeigen. Eine Sprecherin der Polizei Aachen bestätigte am Abend, dass die Firma Gerken ihre Zusagen am Mittwoch zurückgezogen habe. Der Datierung der Mitteilung von Gerken zufolge fiel die Entscheidung bereits vor dem tödlichen Absturz des Journalisten im Hambacher Forst.

Polizisten einer Spezialeinheit bereiten die Räumung eines Baumhauses vor
Eine Arbeitsbühne der Firma Gerken im Hambacher Forst. Bildrechte: dpa

Räumung läuft seit knapp einer Woche

Am vergangenen Donnerstag hatten die Behörden mit einem massiven Polizeiaufgebot begonnen, die Baumhäuser der Kohlegegnern zu räumen und abzubauen. Die meisten Bauten waren bereits innerhalb der ersten Tage geräumt.

Umweltschützer protestieren im Hambacher Forst zwischen Köln und Aachen seit Jahren dagegen, dass der Energiekonzerns RWE weite Teile des Forstes abholzen und die Braunkohleförderung fortsetzen will. In bis zu 25 Metern Höhe hatten sie rund 55 Baumhäuser errichtet und halten den Wald damit seit sechs Jahren besetzt.

Aus Sicht von RWE ist die Abholzung des Hambacher Forsts unvermeidbar, um die Stromproduktion in den Braunkohlekraftwerken zu sichern. Im Herbst soll die Rodung beginnen.

Von 4000 auf weniger als 100 Hektar

Vor Beginn der Kohleförderung war der Wald 4.100 Hektar groß; nach Angaben des Tagebau-Betreibers RWE Power wurden bislang 3.900 Hektar für den Kohleabbau gerodet, nun soll noch einmal gut die Hälfte des verbliebenen Waldes abgeholzt werden.

Der Wald hat nach Angaben des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) eine 12.000 Jahre lange Geschichte. Es gibt dort Vorkommen streng geschützter Arten wie Bechsteinfledermaus, Springfrosch und Haselmaus. Der Protest vor Ort richtet sich auch gegen den Abbau von Braunkohle allgemein.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 19. September 2018 | 18:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. September 2018, 01:31 Uhr