Eine Ärztin kontrolliert den Blutdruck des Patienten.
Ärzte machen Untersuchungen lieber bei sich in der Praxis als zuhause bei den Patienten. Bildrechte: Colourbox.de

Ärztemangel in Sachsen Warum der Arzt seltener nach Hause kommt

Wer krank ist und nicht mobil, braucht einen Hausbesuch vom Arzt. Doch der Bundesverband der Kassenärztlichen Vereinigung warnt: Die Zahl der Hausbesuche nimmt immer weiter ab. So auch in Sachsen. Dafür gibt es verschiedene Gründe.

von Raja Kraus, MDR AKTUELL

Eine Ärztin kontrolliert den Blutdruck des Patienten.
Ärzte machen Untersuchungen lieber bei sich in der Praxis als zuhause bei den Patienten. Bildrechte: Colourbox.de

Carsten Mank organisiert die Hausarztpraxis seiner Frau in Leipzig Alt-Lindenau. Weit über 1.000 Kranke betreut die Praxis pro Quartal. Mehr geht nicht. Zu den über vier Sprechstunden täglich kommen noch der Papierkram und die Hausbesuche. Mank erklärt, es sei schwierig, alles zeitlich unter einen Hut zu kriegen. "Es ist ja nicht so, dass wir hier Langeweile haben. Wir sind einfach bis obenhin voll."

Zahl der Hausbesuche deutlich zurückgegangen

Reduziert habe man die Hausbesuche trotzdem nicht, sagt Carsten Mank. Bundesweit ist die Zahl der Hausbesuche allerdings rückläufig: Waren es im Jahr 2009 noch 30,3 Millionen, wurden 2016 nur noch 25,2 Millionen Hausbesuche gezählt - ein Rückgang um 17 Prozent. Hausbesuche seien finanziell nicht attraktiv genug, klagt die Kassenärztliche Vereinigung und fordert mehr Geld.

Wenn ein Arzt einen Hausbesuch macht, bekommt er für den Aufwand pro Patient 23 Euro mehr als wenn er ihn in der Praxis behandelt. Hinzu kommt eine Wegegeldpauschale. Doch liegt es wirklich an der Bezahlung, dass Ärzte weniger Hausbesuche machen? Das lasse sich nur schwer sagen, meint Florian Lanz, Sprecher beim Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung:

Die Hausbesuche werden vernünftig vergütet, gehen aber trotzdem zurück. Wer krank ist und nicht zum Arzt gehen kann, hat ein Recht auf einen Hausbesuch. Und Ärzte haben die Pflicht, Hausbesuche zu machen.

Florian Lanz, GKV-Spitzenverband

Besondere Problemlage in Sachsen

Auch in Sachsen seien die Hausbesuche weniger geworden, erklärt Klaus Heckemann, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung in Sachsen. Aber es gibt hier noch ein besonderes Problem: "Bei uns nimmt die Zahl der zu Versorgenden, also sagen wir mal, der über 75-Jährigen stärker zu als im Bund." Sachsen habe die älteste Bevölkerung Deutschlands - und damit ein spezielles Demografie-Problem. Deshalb brauche Sachsen für die Versorgung mehr Hausärzte.

Eine Pflegekraft geht in einem Pflegeheim mit einer älteren Dame über einen Korridor.
In Pflegeheimen sind Hausbesuche besonders nötig - lohnen sich aber weniger. Bildrechte: dpa

Ohne Hausärzte keine Hausbesuche, das ist das eine. Das andere ist: Eine alternde Bevölkerung heißt auch, dass immer mehr Menschen in Pflegeheimen wohnen – und die brauchen Hausbesuche. Bei einem Besuch im Pflegeheim gibt es nur für den ersten Patienten die 23 Euro zusätzlich. Für den zweiten, dritten, vierten Patienten sind es dann nur noch zehn Euro.

Hausbesuche nur, wenn auch wirklich nötig

Klar wäre mehr Geld schön, sagt Carsten Mank. Für die Hausarztpraxis seiner Frau wünscht er sich aber vor allem mehr Besonnenheit bei den Patienten: "Viel wichtiger wäre, dass es nur dann zu einem Hausbesuch kommt, wenn dieser auch zwingend notwendig ist. Und ich möchte behaupten, fast bei der Hälfte der Fälle ist das nicht so."

Da können sich die Städter von den Landbewohnern vielleicht etwas abschauen: Denn, so erzählt Klaus Heckemann von der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen, obwohl der Weg zum Arzt meist länger ist als in der Stadt, werden die Kollegen dort deutlich seltener zu Hausbesuchen gerufen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 12. Januar 2019 | 10:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Januar 2019, 10:36 Uhr

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2 Kommentare

13.01.2019 19:56 Dr. med. THOMAS G. SCHÄTZLER 2

Oft mehrfach notwendige Quartals-Hausbesuche bei dann schwindenden Praxis-Pauschalen pro Patient erfolgen zusätzlich zur Rundum-Betreuung über 90 Tage à 24 Stunden. Es sind chronisch Kranke, Multimorbide, Teilhabe-, Mobilitäts-, Aktivitäts- und/oder Mental-eingeschränkte, oft komplett bettlägerige, hilfsbedürftige Patientinnen und Patienten.
Fantasie-Praxisumsätze für einen Hausbesuch "am Tag 86 Euro, nach 19 Uhr 112 Euro, nachts 131 Euro", wie Florian Lanz vom GKV-Spitzenverband falsch behauptet, bekämen Vertragsärzte nur, wenn es ansonsten Kerngesunde wären, die den Hausarzt außerhalb von einmaligen Hausbesuchsleistungen im Quartal nicht ein einziges Mal zusätzlich in der Praxis in Anspruch nähmen. Und für die Mini-Wegepauschalen müssen Ärzte immerhin ja auch noch ein eigenes, vorfinanziertes Auto mitbringen.
Mit freundlichen Grüßen, Dr. med. Thomas G. Schätzler, Facharzt für Allgemeinmedizin in Dortmund

13.01.2019 19:34 Dr. med. THOMAS G. SCHÄTZLER 1

Hausbesuche sind Hausarzt-"lastig" und entlasten Fachärzte.
Immer weniger der insgesamt in der Akut- und Notfallmedizin viel stärker als Fachärzte belasteten Haus- und Familienärzte machen immer häufiger die dringend notwendigen Hausbesuche, um die ambulante Versorgung in Praxis und den zentralem vertragsärztlichen Notdienst (ZND) überhaupt sicherstellen zu können. Immer weniger in Praxis und MVZ angestellte Kolleginnen und Kollegen, egal ob Haus- oder Fachärzte, wollen überhaupt noch Hausbesuche machen.
Weniger als ein Drittel (50.826) aller ambulant tätigen Vertrags-Ärztinnen und -Ärzte (154.369) machten im Jahre 2017 noch die zur Sicherstellung der ambulanten ärztlichen Versorgung notwendigen Hausbesuche.
Mit freundlichen Grüßen, Dr. med. Thomas G. Schätzler, Facharzt für Allgemeinmedizin in Dortmund