Baby wird gegen Masern geimpft
Deutsche Ärzte können momentan nur selten gegen Polio impfen. Eine Ursache ist die weltweit hohe Nachfrage. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Kampf gegen Kinderlähmung Warum ist Polio-Impfstoff knapp?

Christian Bach aus Dresden wollte sich gegen Kinderlähmung impfen lassen. Inzwischen wartet er bei seinem Arzt seit gut einem Jahr auf einen Termin für die gängige Vierfachimpfung. Immer wieder wurde er vertröstet. Es mangelt am nötigen Polio-Impfstoff. Christian Bach fragt deshalb: Warum ist der Impfstoff seit so langer Zeit nicht verfügbar?

von Karsten Möbius, MDR AKTUELL

Baby wird gegen Masern geimpft
Deutsche Ärzte können momentan nur selten gegen Polio impfen. Eine Ursache ist die weltweit hohe Nachfrage. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Es gibt zwei Gründe, warum der Impfstoff gegen Kinderlähmung seit etwa eineinhalb Jahren Mangelware ist, sagt Apotheker Christoph Jacke aus Halle. Er muss seine Kunden, die nach dem Impfstoff fragen, immer wieder vertrösten: "Also zum einen ist die Nachfrage laut Herstelleraussagen weltweit gestiegen." Das heißt, der Impfstoff ist nicht nur in Deutschland knapp. "Das ist ein internationales Problem, weil die Firmen auf dem internationalen Markt agieren."

Der zweite Grund ist, dass weltweit die Produktion der drei Polio-Impfstoffe umgestellt wird. Ein Erreger gilt als ausgerottet. Deshalb kommt es zu einer paradoxen Situation: Der ausgerottete Erreger kommt noch in Lebend-Impfstoffen vor. Jetzt geht eine Gefahr von den Impfstoffen aus, die den Erreger zur Immunisierung noch beinhalten. Im letzten Jahr wurden in 155 Ländern alle Polio-Impfstoffe mit diesem Erreger eingesammelt und vernichtet.

Qualitätsprobleme durch Produktionsumstellung

Das Gebäude der Weltgesundheitsorganisation
Die Weltgesundheitsorganisation möchte Polio weltweit bis 2018 ausrotten. Bildrechte: dpa

Dazu kommt, dass die Herstellung eines neuen Impfstoffs kompliziert ist und immer wieder Chargen beanstandet und nicht freigegeben werden, sagt Isabelle Bekeredjian vom Paul-Ehrlich-Institut, dem Bundesinstitut für Impfstoffe: "Und deshalb ist es klar, dass man in dieser Phase der Umstellung der Produktion auch mit Qualitätsproblemen hier und da rechnen muss. Und wenn dann gleichzeitig die Anfrage nach einem Impfstoff steigt, dann passiert es sehr leicht, dass es zu Engpässen kommt."

Die Nachfrage nach Polio-Impfstoff ist so hoch, weil die Weltgesundheitsorganisation vor allem in Afghanistan und Pakistan versucht, Kinderlähmung auszurotten. Allein in Pakistan waren 2016 Hunderttausend Impfteams unterwegs, um 37 Millionen Kinder zu impfen.

Nachfrage durch Flüchtlinge kein Problem

Immer wieder gibt es auch Gerüchte, dass Impfstoffe knapp sind, weil der Bedarf für Flüchtlinge zusätzlich abzusichern ist. Dem widerspricht Isabelle Bekeredjian vom Paul-Ehrlich-Institut. Im Gegensatz zur weltweiten Nachfrage, sei diese Dimension viel zu gering: "Von daher sind diese Engpässe nicht auf ein paar Flüchtlinge zurückzuführen - in Deutschland oder auch Europa."

Die Anfragen nach Polio-Impfstoff sind mittlerweile zurückgegangen, weil Ärzte um den Engpass wissen. Apotheker berichten von ein bis zwei Anfragen pro Woche, die sie meist nicht bedienen können: "Wir senden täglich eine Bestellung an den Großhandel und bekommen sofort die Information, ob lieferbar oder nicht lieferbar. Wir können im Moment die Patienten nur vertrösten und um Geduld bitten."

Ende des Engpasses erst 2018

Vielleicht so Jacke, kommt die nächste Lieferung im Juli. Mit Sicherheit könne er es aber nicht sagen. Das Paul-Ehrlich-Institut erwartet die nächste große Charge der Hersteller im September. Wahrscheinlich wird diese Lieferung dann wieder schnell ausverkauft sein. Im Paul-Ehrlich-Institut geht man davon aus, dass der Engpass beim Polio-Impfstoff vermutlich im nächsten Jahr zu Ende ist.

Bis dahin sollte man verantwortungsvoll nur die Impfen, die es wirklich brauchen. Vor allem Kinder. Menschen, die eine Grundimmunisierung haben, sollten derzeit auf eine Impfung gegen Kinderlähmung verzichten. 

Diesen Beitrag sendet MDR AKTUELL auch im: Radio | 10.07.2017 | ab 05:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Juli 2017, 05:00 Uhr

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10 Kommentare

11.07.2017 14:24 Karo 10

@ Wachtmeister D... man hätte nachfragen können, aber man hätte auch Contergan erhalten können. Vorsatz würde ich bei den Hep. C Fällen aber nicht behaupten wollen.
@ G.Bärlauch, eine Impfpflicht als Zugangsvoraussetzung für bestimmte Einrichtungen wäre wohl angezeigt. Wer auf einer einsamen Insel leben möchte, braucht keinen Impfschutz (für sich und die Anderen).

11.07.2017 08:12 bentin 9

Ich frage mich, ob es je jemanden interressiert, warum die gesetzlichen Krankenkassen bei Erwachsenen (Memo - Berufstätige d.g. Einzahler in diese Kassen!) etliche Impfungen nicht zahlen. Bestes Beispiel: Masernimpfung ...
Ich hab grad keine Ahnung, wie lange es her ist, dass ich meine letzte Polio-Impfung bekam. 30 Jahre? Möglich wärs ...

10.07.2017 15:19 Wachtmeister Dimpfelmoser 8

@ 14:20 | Karo: Mitnichten vergleiche ich Äpfel mit Birnen. In beiden Fällen sind es genau die jeweiligen systemtypischsten Attribute und Merkmale, die sich auf die Menschen auswirken: Gewinnmaximierung hier und ideologischer Starrsinn da. Das war keine Laborschlamperei, sondern man hat billigend in Kauf genommen, dass die betroffenen  Frauen mit Hepatitis C infiziert wurden; nur um nicht zugeben zu müssen, dass man den Bedarf und die Nachfrage nicht decken konnte. Geschweige denn bei Hoechst oder den Behringwerken nachzufragen, was durchaus im Raum stand, aber politischer Blasphemie gleichgekommen wäre.

10.07.2017 15:06 Gerlinde Bärlauch 7

@ Karo "... darf ab sofort auch andere Produkte nicht mehr kaufen."
Naja, da gebe ich Ihnen teilweise Recht. Jedoch habe ich noch nichts von einer "Schokoladenverzehrpflicht" gelesen ;-) .
Eine Impfpflicht ist allerdings schon im Gespräch.

10.07.2017 14:20 Karo 6

@ Dimpfelmoser...nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Das Eine war Schlamperei im Labor und die Entschädigung teuer und das Andere ist Gewinnmaximierung für die Pharmaindustrie.

10.07.2017 13:54 Wachtmeister Dimpfelmoser 5

@ 09:44 | Gerlinde Bärlauch: Was hat denn die Entdeckung der menschlichen Blutgruppen mit der Schutzimpfung (also der aktiven Immunisierung) zu tun? Das tendiert ja schon fast in Richtung der "Protokolle der Weisen von Zion". Und 10:01 | colditzer: Warum sollten ausgerechnet Impfstoffe nicht den Gesetzen des Marktes unterliegen? Sie können ja mal "anti-d-prophylaxe ddr" googlen und das Ergebnis checken. Das verlief auch gesetzmäßig.

10.07.2017 13:54 Karo 4

Sehr geehrte Frau Bärlauch, wer den Kapitalismus nicht unterstützen möchte, weil da die Profitmaximierung das Ziel ist, darf ab sofort auch andere Produkte nicht mehr kaufen. Also verzichten Sie auch auf Schokolade, Milchprodukte, Kleidung....
Bitte dann auch konsequent sein und nicht nur bei Impfstoffen. Ansonsten gebe ich Ihnen recht, wenn Sie meinen, dass das Gesundheitswesen nicht dem Markt unterworfen sein sollte.

10.07.2017 13:45 Schnellschnitt 3

Bis dahin sollte man verantwortungsvoll nur die Impfen, die es wirklich brauchen. Vor allem Kinder. Menschen, die eine Grundimmunisierung haben, sollten derzeit auf eine Impfung gegen Kinderlähmung verzichten. Das schlägt doch den Fass den Bocden durch. Ich verzichte nicht auf diesen Impfstoff wenn der Zeitpunkt von 10 oder 15 Jahren steht möchte ich diesen Impfstoff und wenn diese Leute bis nach Madagaska reisen müssen diesen Impfstoff bei zu bringen. Wir deutschen Bürger sollen darauf verzichten und diesen Willkommensgästen wird dies eingeimpft, dies sehe ich nicht ein.

10.07.2017 10:01 colditzer 2

Die kapitalistische Wirtschaft ist flexibel.
Da die Firmen auf einem internationalen Markt agieren, wie man so schön schreibt, und die Anzahl der Anbieter immer geringer werden, aus einem Polypol wurde ein Oligopol, bestimmt man Menge und Preis.
Und man legt fest, zu welcher produzierten Menge welcher Preis mit der höchsten Profitrate.
Auch gezielt erzeugte Nachfragelücken gehören zum Kapitalismus.
Der ewig tote Karl Marx läßt grüßen.

10.07.2017 09:44 Gerlinde Bärlauch 1

Ich gebe meine Impfdosis freiwillig ab, ich brauche so etwas nicht. Wer ebenfalls aus der Impfkirche austreten will, informiere sich mal über das Landsteiner Experiment vor über 100 Jahren und wer dort wieder seine Finger im Spiel hatte: nämlich die Rockefellers.

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