Ampel für Radfahrer mit Kamera-Erfassung
Wichtige Voraussetzung beim automatisierten Fahren: die Vernetzung mit der Technik im Straßenverkehr. Bildrechte: MDR/Roman Rackwitz

Interview "Automatisiertes Fahren erhöht die Verkehrssicherheit"

Professor Dr. Jürgen Krimmling forscht an der Technischen Universität Dresden zum automatisierten und vernetzten Fahren. Am Institut für Verkehrstelematik beschäftigt er sich mit der Technik, die im Straßenverkehr das automatisierte Fahren unterstützen soll.

Ampel für Radfahrer mit Kamera-Erfassung
Wichtige Voraussetzung beim automatisierten Fahren: die Vernetzung mit der Technik im Straßenverkehr. Bildrechte: MDR/Roman Rackwitz

MDR.DE: Herr Professor Krimmling, Ihr Lehrstuhl forscht an der TU Dresden zum automatisierten Fahren. Woran genau?

Prof. Dr. Jürgen Krimmling: Wir beschäftigen uns weniger mit der Sensorik im Fahrzeug, sondern mit den verkehrstechnischen Möglichkeiten, das automatisierte Fahren "von außen" zu unterstützen und den Fragen und Lösungen, welchen Beitrag die verkehrstelematische Ausrüstung und Technik für das automatisierte Fahren liefert. Wir helfen beispielsweise dem Fahrzeug dabei, die Verkehrslage zu erfassen: Wo sind Staus, wo ist freier Verkehr. Teilweise steuern wir auch selber die Lichtsignalanlagen (Ampeln) und können beispielsweise dem Fahrzeug mitteilen: In zehn Sekunden wird die Ampel grün, vor dir stehen aber noch zwei Fahrzeuge, also kannst du erst in 14 Sekunden wieder losfahren.

Momentan beschäftigen wir uns auch in zwei Projekten mit dem automatisierten Fahren im ÖPNV und erproben in Leipzig und Dresden ein Fahrassistenzsystem für Straßenbahnen. Der Fahrer bekommt angezeigt, mit welcher Geschwindigkeit er fahren sollte, um über die nächsten Ampeln bei grün fahren zu können. Das ist eine Funktionalität, die man natürlich auch sehr schön automatisieren kann.

Deutschland ist in der Forschung zu dem Thema ja ziemlich weit – wann denken Sie werden die ersten autonom fahrenden Autos serienreif sein?

Momentan befinden wir uns in der Forschung noch bei Stufe 3 und 4 des automatisierten Fahrens. Hier muss in der Entwicklung auch nochmal zwischen Fernstraßen, also dem Autobahnnetz, und Stadtstraßen unterschieden werden. Beim Autobahnverkehr ist man schon relativ weit, siehe die Teststrecke auf der A9 bei Ingolstadt. Ich denke, dass hier in den nächsten Jahren viel passiert.

Im städtischen Bereich ist es komplizierter. Da treten Fragen auf, die nicht so einfach zu beantworten sind. Ein Beispiel: Sie haben eine Sperrlinie, ein Fahrzeug parkt vor Ihnen, Sie müssen daran vorbeifahren und die Sperrlinie überschreiten. Für den Fahrer ist es in dieser Situation selbstverständlich, sich "rechtswidrig" zu verhalten und die Sperrlinie zu überfahren. Einem automatisierten Fahrzeug kann man das nicht so einfach beibringen. Darum denke ich, dass im städtischen Bereich in den nächsten zehn Jahren wesentliche Funktionalitäten auf Teststrecken prototypisch umgesetzt werden.

Woran hapert es noch?

Ich halte die gesetzliche Lage in Europa, speziell in Deutschland, für schwierig. In den Vereinigten Staaten beispielsweise hat man wesentlich mehr Möglichkeiten etwas auszuprobieren. Momentan fahren höher automatisierte Fahrzeuge hier ja nur mit Sondergenehmigungen. Ich denke, dass das zukünftig auch ohne Sondergenehmigung möglich sein sollte. Ein weiteres Problemfeld betrifft die Haftungsrisiken und die ethischen Fragen. Was passiert, wenn es zu einem Unfall kommt? Wer ist dann der Geschädigte? Derjenige, der draußen auf der Straße läuft oder möglicherweise der Insasse dieses Fahrzeuges? Nehmen wir an, sie setzen Ihr Kind in ein autonom fahrendes Autos und es kommt zu einer kritischen Situation. Eine Gefährdung des Kindes will natürlich keiner verantworten. Da müssen auf jeden Fall noch Lösungen gefunden werden. Andererseits bin ich der Meinung, dass das nicht dazu führen darf, die Lösungsansätze auf die lange Bank zu schieben. Es muss trotzdem weiter gehen. 

Wünschen Sie sich eine Liberalisierung der Gesetzgebung?

Ich wünsche mir, dass nicht nur die Bedenken im Vordergrund stehen. Natürlich ist die Sicherheit ein enorm wichtiger Aspekt. Allerdings sollte man realitätsnah bleiben. Gerade bei der Frage: Fahre ich jetzt gegen die Wand oder fahre ich den Fußgänger dort um. Da frage ich mich: Ist das dem einzelnen Fahrer in der Realität schon einmal passiert? Das sind dann doch wirklich seltene Situationen. Wir müssen das in Relation zu dem Gesamteffekt betrachten. Automatisiertes Fahren erhöht auf jeden Fall die Verkehrssicherheit.

Wie schätzen Sie den Vorfall in Arizona ein? Hat das Ihre Meinung zu selbstfahrenden Autos verändert?

Kritische Situationen und Unfälle wird es immer geben. Die Sicherheit des Fahrzeuges hängt natürlich auch von den Sensoren ab. Gerade bei der Kamerasensorik können sich ungünstige Lichtverhältnisse negativ auswirken. Dort sehe ich für die Zukunft noch Potenzial. Weitere Technik wie Lidar (eine dem Radar verwandte Methode, u.a. zur optischen Abstands- und Geschwindigkeitsmessung, Anm. d. Red.) kommt häufig zum Einsatz, ist aber momentan noch teuer. Da muss sich einfach auch ein gutes Kosten-Leistungsverhältnis entwickeln. Ich bleibe trotzdem dabei: Dem automatisierten Fahren gehört die Zukunft.

Das Interview führte Christin Sachtler.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 20. März 2018 | 20:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Juni 2019, 10:36 Uhr