ICE-T der Deutschen Bahn zwischen Erfurt und Ebensfeld im Thüringer Wald.
ICE-T der Deutschen Bahn zwischen Erfurt und Ebensfeld im Thüringer Wald. Bildrechte: MDR FERNSEHEN

Neue ICE-Strecke Die Abgehängten: Wenn Städte den ICE-Anschluss verlieren

Für Erfurt ist die Einweihung der neuen Hochgeschwindigkeitsstrecke nach München im Dezember ein Festtag gewesen , 80 ICEs passieren nun am Tag die Thüringer Landeshauptstadt. Doch des einen Freud des anderen Leid: Jena hat seine ICE-Anbindung verloren. In Mitteldeutschland längst kein Einzelfall.

von Ayke Süthoff, MDR AKTUELL

ICE-T der Deutschen Bahn zwischen Erfurt und Ebensfeld im Thüringer Wald.
ICE-T der Deutschen Bahn zwischen Erfurt und Ebensfeld im Thüringer Wald. Bildrechte: MDR FERNSEHEN

Seit Juni 1991 verbindet die Bahn Großstädte in Deutschland mit ICE-Zügen. Damals ging die erste Generation des Intercity Express, der ICE 1, in Betrieb. 23 Züge fuhren zunächst zwischen Hamburg und München über Hannover, Kassel, Frankfurt, Stuttgart und Augsburg. Zweieinhalb Jahre später fuhren die ersten ICEs dann auch nach Berlin – allerdings wegen des fehlenden Hochgeschwindigkeitsausbaus nicht besonders schnell.

Das sollte sich 1998 ändern – mit der Einweihung der Neubaustrecke Hannover-Berlin verkehrten ICEs zwischen Köln und Berlin mit hohen Geschwindigkeiten, auf dem Teilstück zwischen Wolfsburg und Berlin sogar mit mehr als 200 km/h.

300 km/h nur auf wenigen Strecken

Fast zwanzig Jahre später existieren die schnellsten Zugstrecken zwischen Köln und Frankfurt, wo die dritte ICE-Generation längere Abschnitte mit mehr als 300 km/h fährt und seit 2015 zwischen Erfurt und Halle, mit einer Höchstgeschwindigkeit von 300 km/h. Mit der Inbetriebnahme der VDE 8.3 genannten Teilstrecke (VDE = Verkehrsprojekt deutsche Einheit) zwischen Erfurt und Nürnberg im Dezember 2017 ist eine weitere Höchstgeschwindigkeitsstrecke hinzugekommen.

Die meisten ICE-Linien fahren in Deutschland durch Frankfurt am Main, Mannheim, Köln, Dortmund, Hannover, Berlin, München und Hamburg. Durch die neue Verbindung zwischen Hamburg und München über Berlin, Halle/Leipzig, Erfurt und Nürnberg ist auch die thüringische Landeshauptstadt ein ICE-Knotenpunkt. Hier passieren seit 10. Dezember 2017 täglich bis zu 80 ICEs, ein Anstieg um 70 Prozent.

Jena gerät aufs Abstellgleis

Während Erfurt massiv an Direktverbindungen Richtung München und Berlin hinzugewonnen hat, gerät Jena aufs Abstellgleis. Mit dem Fahrplanwechsel gibt es täglich nur noch zwei ICE-Verbindungen von und nach Berlin. Der restliche Fernverkehr muss über wenige IC-Züge und viele Nahverkehrsverbindungen Richtung Erfurt abgedeckt werden.

Ein ähnliches Schicksal haben auch andere mitteldeutsche Städte hinter sich. In Magdeburg – früher Haltestelle auf der ICE-Strecke Hannover-Berlin – hielt zuletzt nur noch ein ICE pro Woche. Damit galt der Hauptbahnhof zwar weiterhin offiziell als ICE-Halt, praktisch ist es aber schon höhere Mathematik, genau diesen einen Zug zu erwischen.

Seit dem 10. Dezember kommt frühmorgens eine neue tägliche Verbindung mit dem ICE nach Berlin hinzu. Ganz gestrichen wurden bereits im Dezember 2015 der ICE-Halt in Köthen sowie in Thüringen in der Stadt Weimar.

Kein Fernverkehr in Chemnitz

Noch abgehängter ist Chemnitz. Da die Bahnstrecken in die drittgrößte Stadt Sachsens nicht umfassend elektrifiziert sind, ist Chemnitz seit 2006 überhaupt nicht mehr an den Fernverkehr angebunden.

Die eigens für die sogenannte Sachsen-Magistrale von Dresden über Chemnitz nach Hof entwickelten Diesel-ICEs, die ab 2001 eingesetzt wurden, erwiesen sich als so unzuverlässig und störanfällig, dass ihr Betrieb nach nur kurzer Zeit wieder eingestellt wurde. Damit ist Chemnitz die einzige deutsche Stadt mit mehr als 200.000 Einwohnern, die keine Fernverkehrsanbindung hat.

Aufgefangen wird der Verlust von ICE-Anbindungen zumeist über einen besseren Regionalverkehr. Seit dem Fahrplanwechsel am 10. Dezember gibt es etwa viertelstündlich eine Verbindung zwischen Weimar und Erfurt – damit ist die Strecke voll ausgelastet.

Reisende aus Weimar brauchen zwölf bis 15 Minuten nach Erfurt, wo sie auf ICEs umsteigen können. Damit profitiert Weimar faktisch von der neuen ICE-Strecke, auch wenn die Stadt nicht mehr direkt ans Fernverkehrsnetz angeschlossen ist.

Magdeburg wird IC-Knoten

Magdeburg wird bis 2022 vollends zu einem Intercity-Knoten ausgebaut. Dann passieren hier nicht nur die hochmodernen Doppelstock-Intercitys von Dresden und Leipzig Richtung Hannover und Köln beziehungsweise Bremen, sondern auch die Verbindung Köln-Berlin sowie Schwerin-Leipzig. Teilweise sind die modernen ICs kaum langsamer als ICEs. Damit kann weitestgehend aufgefangen werden, dass Magdeburg kaum noch über ICE-Verbindung verfügt.

Problematischer ist die Situation für Jena. Bis zum Fahrplanwechsel fuhr stündlich ein Zug über Leipzig und Berlin nach Hamburg und in die Gegenrichtung über Nürnberg nach München. Diese Linie ist nun komplett weggefallen. Stattdessen gibt es nur noch einen ICE nach Berlin am Morgen und zurück am Abend. Dafür fahren mehr Nahverkehrszüge, zum Beispiel stündlich nach Leipzig. Die Fahrt dauert aber deutlich länger als bisher. Eine schnellere Verbindung ist nur dreimal täglich mit einem IC nach Leipzig möglich.

Jena soll als Ausgleich mehr Intercitys bekommen

Die Bahn stellt der Universitätsstadt Besserung ab 2018 in Aussicht: Als Ausgleich für den Wegfall der ICE-Anbindung soll Jena beginnend mit dem nächsten Fahrplanwechsel Schritt für Schritt bis 2023 verstärkt an das IC-Netz angeschlossen werden. Zudem soll Jena eine Regionalexpress-Anbindung an Halle bekommen, die zweistündlich verkehrt – so wird die Fahrt Richtung Berlin stark verkürzt.

Naumburg, Saalfeld und das bayrische Lichtenfels verlieren komplett ihre Anbindungen ans ICE-Netz. Auch hier soll mit einer besseren Anbindung ans Nahverkehrsnetz ausgeglichen werden.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Fernsehen | 08.12.2017 | 10:55 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Dezember 2017, 06:30 Uhr

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22 Kommentare

10.12.2017 15:07 Die Spinnen! 22

Und in ganz Jena hängen Plakate die damit werden, wie „bequem“ es doch mit „nur einem umstieg“ von Jena nach Berlin ist. Dreister geht es kaum!
Ich glaube da war viel Geld seitens Erfurt im Spiel, welches sich schon seit Jahren meint, Vorteile durch seinen „Hauptstadtstatus“ verschaffen zu können.

09.12.2017 09:22 kalle 21

@ Stephan Kuehne:
Auszug aus der Abellio-Homepage:
"Auf allen Linien, die von Abellio Rail Mitteldeutschland betrieben werden, gilt der bekannte Bahntarif mit
all seinen Angeboten. Dies gilt auch für die BahnCard-Ermäßigungen und alle Sonderangebote wie
beispielsweise Länder-Tickets, Schönes-Wochenende-Ticket, Hopper-Ticket und Semestertickets. Ebenso
gelten die Jobtickets für Mitarbeiter von Unternehmen aus Wirtschaft, Dienstleistung oder Verwaltung."

09.12.2017 08:38 M. Jacob 20

Da werden Milliarden in ein Prestigeprojekt investiert, aber im ländlichen Raum sterben die Strecken. Die Bahnstrecke Görlitz-Dresden ist bis heute nicht elektrifiziert. Die wichtigen Investitionen gehören in den ländlichen Raum, damit diese nicht weiter abgehängt werden.

09.12.2017 02:25 Enrico Pelocke 19

@7: Nahverkehrsfahrkarten gelten unabhängig vom Eisenbahnverkehrsunternehmen. Jena - Gera fahren die RE1+3 die DB Regio und die RB die Erfurter Bahn. Leipzig - Gera - Saalfeld fährt nur die Erfurter Bahn. Damit ist ihre These vom Umweg über Gera widerlegt.
@3: ICE halten auch in Gotha und Eisenach, die meines Wissens immer noch in Thüringen liegen.

08.12.2017 00:50 wolle1 18

Aetsch dafuer hat Suhl eine schoene Autobahn, in der Naehe den laengsten Tunnel Deutschlands und einen schoenen Wald. Da kann man noch mit der Kutsche, Traktor oder Rasenmaeher fahren. Dort ist die Welt noch in Ordnung. Fuer was dann ICE, hat doch jeder

08.12.2017 00:43 Frank 17

Diese ganzen Leute hier haben sich nie die Frage gestellt, wie schnell eine Concorde Distanzen überwindet, wenn jedes Kuhkaff einen Zwischenflughafen haben will.

Typische Kleingeister. Man sehe sich mal die Funktionsweise des TGV an.
Aber die Logistiker sind hier wohl nicht vorhanden.

Der ICE ist ein Produktname der Bahn-AG. Das sieht selbst die Bahnkritische proBahn so.

Lesen und Durchdenken wirkt.

08.12.2017 00:42 GB 16

Von mir aus kann der Zug auch direkt von München nach Berlin durchfahren. Vielleicht wären es dann nur 3h Fahrzeit, das wäre echt top.
Wer muss schon in diese Flyover Gebiete?

08.12.2017 22:08 Anton 15

Nr.12 Horst - mir ist egal, DB oder Derivaten von DB. Zwei Schienen und Schwellen dazwischen, mehr möchte ich von Eisenbahn nicht wissen. Ich weiß nur, dass es vor 10 Jahren von Dresden nach Chemnitz schneller war und viel viel billiger, als heute.

08.12.2017 18:03 Puma 14

Es ist alles eine Frage der Definition. Mit 1 x Umstieg in Naumburg wird es eine stündliche Verbindung nach Leipzig geben. Diese ist dann sogar schneller als die Direktverbindung, die ihren Namen als Stadt“Express“ nicht wirklich verdient, ab 2018 hält dieser Express auch noch in Leipzig-Möckern und ab Ende Februar wegen Bauarbeiten auch noch in Leißling. @ Lausbub ab Sonntag fahren alle Züge Richtung Leipzig und Dresden ab Frankfurt Main Hbf. @ Stephan Kühne, mit dem Nahverkehrsabo können Sie natürlich auch die Abellio-Züge nutzen.
Der heutigen Landesregierung in Thüringen kann man den Vorwurf aber nicht machen, da gab es Vorgängerregierungen, die wesentlich Erfurt-Lastiger waren.
Das Problem ist, das es zwischen schnellen ICE und langsamen Nahverkehr so gut wie kein Zwischenprodukt mehr gibt und mancher Kommunalpolitiker einen S-Bahn-Anschluss wünscht ohne zu wissen, das dann seine Kommune noch langsamer an die Fernverkehrsbahnhöfe angebunden ist.

08.12.2017 16:03 Thüringer 13

Der Artikel enthält einen Fehler. Von Jena gibt es keine stündlichen Nahverkehrszüge nach Leipzig. Es gibt alle zwei Stunden ein unterirdisches Angebot namens "Stadtexpress", ein Angebot, das einer Nebenbahn würdig ist und die doppelte Fahrzeit hat. Es wäre schön, wenn die Redaktion das noch berichtigen könnte. Ansonsten Glückwunsch zu dem Artikel, der immerhin mal herausarbeitet, dass Bahn und Bund eine perverse Ungleichbehandlung der Städte betreiben. Während eine Stadt wie Erfurt mit 80 ICE völlig überversorgt ist, fährt in anderen Thüringer Großstädten gar nichts mehr. Was soll das? Die Bahn wird immer noch von Steuergeldern bezahlt, also sollten auch alle möglichst gleichmäßig davon profitieren.

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