Die News WG eine politische Wohngemeinschaft erobert Instagram von links Max Osenstätter Helene Reiner Sophie von der Tann
Bildrechte: BR/Max Hofstetter

Wo die jungen Leute sind Journalismus bei Instagram

Instagram ist die App für Selfies im Sonnenuntergang und Mode-Schnapschüsse. Und jetzt auch politischen Journalismus?! Was beim ersten Hinsehen nicht zusammen passen will, ist längst Realität. Immer mehr Zeitungen, Radio- und TV-Sender tummeln sich auf der Livestyle-App, die nicht mehr nur ein digitales Fotoalbum ist. Die App verändert sich mit ihren Nutzern. Doch verändert sich auch die politische Berichterstattung, wenn sie zwischen Partybildern und Farbfiltern stattfindet?

von Torben Lehning, MDR AKTUELL

Die News WG eine politische Wohngemeinschaft erobert Instagram von links Max Osenstätter Helene Reiner Sophie von der Tann
Bildrechte: BR/Max Hofstetter

Moderatorinnen mit Nudelsieben auf dem Kopf, mit Hip-Hop unterlegte Berichte über Parteispenden und Kurzvideos über Äffchen, die den Brexit hätten verhindern können. Dazu eine Reportage über Tiertransporte, die mit einem Kartenspiel erklärt werden. All das klingt nicht nach Journalismus, wie man ihn kennt. Es könnte daran liegen, dass die News WG, ein Politik-Erklärformat auf Instagram, keinen klassischen Journalismus macht.

Projekt Internet

Sophie von der Tann, Helene Reiner und Max Osenstätter sind die Stimmen und Gesichter des öffentlich-rechtlichen Instagram-Formats vom Bayrischen Rundfunk. "Die News-WG" startete als Social-Media-Projekt.

Ann-Katrin Wetter macht politische Berichterstattung auf Instagram
Ann-Katrin Wetter ist Redakteurin bei der "News WG". Bildrechte: Helene Reiner

Politische Berichterstattung auf Instagram? Für News-WG-Redakteurin Ann Kathrin Wetter, keine Frage von Ausprobieren wollen, sondern von müssen: "Wir wollten einfach gerne dorthin, wo die jungen Leute sind, die wir erreichen wollen. Und das war auf Instagram, und deswegen führte für uns daran kein Weg vorbei."

Instagram und politische Berichterstattung – das Konzept funktioniert: Mehr als 29.000 Menschen folgen dem Profil der noch jungen News WG. Die Redakteurinnen und Redakteure bekämen fast nur positive Rückmeldungen von ihren Zuschauern, sagt Ann Kathrin Wetter. Das Rezept: kurze Erklärvideos und kreative Moderationen, die aus komplizierten politischen Themen verständlich-erzählbare Geschichten machen.

Politische Bericherstattung in der Welt der Farbfilter
Seite der "News WG" bei Instagram Bildrechte: Bayerischer Rundfunk

Die Ungeduld der Jugend

Das Ziel-Publikum, bestehend aus 14- bis 29-Jährigen, ist vor allem eins: ungeduldig. Über die Hälfte der jungen Menschen in Deutschland wollen Nachrichten dann konsumieren, wenn sie Zeit und Lust haben, nicht, wie es das Programm vorschreibt, so das Ergebnis der ARD-ZDF-Onlinestudie. Die Instagram-Redakteurin weiß auch warum: "Weil unsere Zielgruppe ein, zwei Tage nachdem alle darüber berichtet haben, an uns herantritt und sagt: Könnt ihr uns nochmal erklären, was da zum Beispiel gerade in Venezuela los ist?" 

Was ihr wollt

Die Berichterstattung auf Instagram muss nicht aktuell sein. Berichtet wird, wonach die Follower, also die Zuschauer, fragen. Die Zuschauer selbst werden auch eine Menge gefragt. Sie können abstimmen, sagen, was sie nervt, Applaus spenden, wenn sie begeistert sind, und generell mitentscheiden, was gesendet wird. Die Zuschauer haben eine Stimme in ihrer Handy-Nachrichtensendung.

Was funktioniert und was nicht, bestimme natürlich auch die App, erklärt Ann Kathrin Wetter: "Was wir versuchen, ist uns die Instagram-Logik zu Eigen zu machen und Inhalte so zu erzählen, dass sie in der Plattform nicht durch Andersartigkeit herausstechen. Wir fügen uns – das ist unser Anspruch – ganz gut in die Plattform ein."

Instagram eine Gefahr für den Journalismus?

Bild 3 Christian Hoffmann, Proffessor für Kommunikationsmanagement
Christian Hoffmann, Professor für Kommunikationsmanagement an der Universität Leipzig. Bildrechte: Tobias Tanzyna/Universität Leipzig

Egal, ob beim Radio, im Fernsehen oder der Zeitschrift vom Kiosk nebenan – das Medium bestimme die Art der Berichterstattung, sagt Christian Hoffmann, Kommunikationswissenschaftler an der Uni Leipzig. Instagram setzte auf Emotionen, starke Bilder, kurz und knappe Geschichten. Personen stünden dabei im Mittelpunkt. Ohne charakterstarke Moderatorinnen und Moderatoren sei es schwierig, Aufmerksamkeit zu bekommen, erklärt der Wissenschaftler.

Doch bestehe so auch die Gefahr, dass die Grenzen zwischen Bericht und Kommentar verschwimmen. Journalisten liefen Gefahr, nicht neutral zu sein, wenn sie zu viel von sich und ihren persönlichen Einstellungen erzählten. "Journalistinnen und Journalisten treten hier häufig als Personen mit ihrem Namen auf und markieren dann zwar häufig, dass es eine persönliche Meinung ist, die sie dort verbreiten, aber sie neigen dann doch meistens zu meinungsstarken Aussagen, die eher ungewöhnlich sind für Massenmedien", erklärt Christian Hoffmann.

Jeder darf, nicht jeder muss

Martin Fehrensen, Gründer und Herausgeber des digitalen Newsletters "Social Media Watchblog", rät davon ab, Instagram zu verteufeln, nur weil es auf Persönlichkeit und die direkte Ansprache der Zuschauer setze. Seine Sorge ist eine ganz andere. Der Hype um Instagram erinnert ihn an den Hype auf Facebook. Jeder wolle mitmachen. Von "Bild"-Online, über die "Leipziger Volkszeitung", bis zu ZDFheute, viele kleine und große Medienhäuser tummeln sich auf Instagram.

Martin Fehrensen interessiert sich für die Wechselwirkungen zwischen Politik, Medien und Social-Media Kanälen
Social-Media-Experte: Martin Fehrensen. Bildrechte: Rober Winter

Das sei schön und gut, sagt Fehrensen. Aber dafür brauche es auch gute Konzepte. Nicht jede Redaktion müsse einen eigenen Instagram-Kanal aufmachen, damit nerve man nur die Konsumenten.

"Das führt am Ende natürlich nur dazu, wie bei Facebook auch schon, dass unfassbar viele professionelle Medieninhalte auf der Plattform geteilt werden, und es dann zu so einer Art Overkill für den Nutzer kommt", gibt Fehrensen zu bedenken.

Kommunikation mit Followern als A und O

Die Experten empfehlen: Medienhäuser sollten ihre Nutzer nicht mit Inhalten überfordern. Außerdem müssten die auf Instagram geteilten Videos und Fotos auch passend für das Medium produziert werden. Am wichtigsten sei es, den eigenen Followern und Zuschauern gut zuzuhören und die Berichterstattung an ihren Bedürfnissen auszurichten.

Ein journalistisches Konzept, das auch Instagram überleben werde, sagt Redakteurin Ann-Katrin Wetter von der News WG: "Und ich glaube, dass das nicht abhängig von der Plattform ist. Wenn uns eine Plattform das bietet, nutzen wir das auf jeder gerne aus."

Veränderungen in der Berichterstattung

Politische Berichterstattung auf Instagram muss nicht weiter den Projektstatus behalten. Es funktioniert, wie die steigenden Followerzahlen der News WG und des Instagram-Kanals der Tagesschau zeigen. Die Art der Berichterstattung passt sich dem Medium an – einer Farbfilter-App mit vielen Selfies. Instagram verändert Erzählstrukturen und die Rolle von Moderatorinnen und Moderatoren – genau dort, wo die jungen Leute sind.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 09. März 2019 | 07:35 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. März 2019, 07:53 Uhr

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2 Kommentare

10.03.2019 12:36 REXt 2

„ Das Rezept: kurze Erklärvideos und kreative Moderationen, die aus komplizierten politischen Themen verständlich-erzählbare Geschichten machen.„ hört sich an wie von Claas Reolitius. Geschichten, leicht gemach zum begreifen? Eher wohl nicht, man hält die Hörer für leichtgläubige.

10.03.2019 09:39 Harry 1

„Medienhäuser sollten ihre Nutzer nicht mit Inhalten überfordern.“ Entlarvender kann man die omnipotente Attitüde des Mainstream Journalismus kaum formulieren.