Kinder beim essen in einer Kita.
Wer es sich leisten kann klagt, um einen Platz zu bekommen. Aber das können nicht alle. Bildrechte: dpa

Babyboom Rund 400 Klagen wegen fehlender Kitaplätze in Leipzig

Die Entwicklung in Leipzig ist erfreulich: Immer mehr Babys werden geboren, junge Familien ziehen zu, die Stadt wird jünger. Nur leider war die Verwaltung darauf nicht vorbereitet. Am deutlichsten merken das junge Eltern, die einen Krippenplatz suchen. Hier herrscht eklatanter Mangel. Dabei gibt es einen Rechtsanspruch auf Betreuung. Eine Familie hat vor Gericht gegen die Stadt gewonnen. Seit dem Urteil steigt die Zahl der Verfahren.

von Ralf Geißler , MDR AKTUELL

Kinder beim essen in einer Kita.
Wer es sich leisten kann klagt, um einen Platz zu bekommen. Aber das können nicht alle. Bildrechte: dpa

Jennifer Töpleb will wieder arbeiten. Im Januar wird ihr Sohn ein Jahr alt. Dann, so hat sich die Leipzigerin das vorgestellt, kann er für einige Stunden in die Krippe gehen, und sie beginnt wieder als Fitnesstrainerin. Doch es geht ihr wie vielen Eltern. Ein Krippenplatz ist nicht in Sicht. Nun hat sie zum äußersten Mittel gegriffen. "Wir haben geklagt, weil es schon Dezember ist. Nächsten Monat müsste ich wieder arbeiten, Geld verdienen. Dann muss der Druck auf die Stadt größer werden, dass der Platz kommt. Deswegen haben wir die Klage eingereicht."

Kita-Initiative: Stadt hat "das Thema verschlafen"

Immer mehr Leipziger Eltern ziehen mangels Kitaplätzen vor Gericht. Auf Anfrage von MDR AKTUELL schreibt die Stadt, dass in diesem Jahr rund 400 Klagen eingegangen seien. Die Eltern beriefen sich auf ihren Rechtsanspruch. Die Stadt argumentiert, der Bedarf sei nicht planbar gewesen. Ein Kind, so erzählt es Oberbürgermeister Burkhard Jung, sei neun Monate im Bauch seiner Mutter. Eine neue Krippe zu bauen, dauere aber zwei Jahre. Doch Victoria Jankowicz von der Leipziger Kita-Initiative sieht die Stadt trotzdem in der Verantwortung. "Ich würde sagen, dass das Thema verschlafen wurde. Man hätte das eher angehen müssen. Man hat erst reagiert, als es den Rechtsanspruch gab, also als Druck von oben kam. Es ist paradox. Einerseits wird Leipzig immer hoch gelobt und dann nicht damit gerechnet, dass viele Leute herziehen wollen."

Klage-Erfolg vs. soziale Bedürftigkeit

Dresden, eine ebenfalls wachsende Stadt, hat jedenfalls weniger Betreuungsprobleme. In Leipzig hat die Kita-Initiative die Erfahrung gemacht: Wer klagt, bekommt tatsächlich zügig einen Platz. Denn die Stadt muss damit rechnen, den Prozess zu verlieren. Doch weil das so ist, wird weniger nach sozialer Bedürftigkeit vergeben. Victoria Jankowicz:

Wir und auch das Jugendamt selbst sehen das kritisch. Weil das ein System von Ungleichheit schafft. Wenn man sich vorstellt, wer klagt. Das ist nicht die alleinerziehende Mutter, die Arbeitslosengeld empfängt, sondern das ist eher die Ärztin, für die das kein Problem ist.

Victoria Jankowicz Leipziger Kita-Initiative

Vergütung häufig unattraktiv

Die Stadt verspricht Abhilfe, indem sie baut. In den nächsten zwei Jahren sollen mehr als 5.600 neue Krippen- und Kindergartenplätze entstehen. Um Planungszeiten zu verkürzen, wurden zum Teil Generalübernehmer beauftragt. Bleibt die Frage, ob es für die neuen Kitas ausreichend Personal gibt. Andreas Giersch von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Sachsen wägt ab: "Es ist so, dass der Fachkräftemangel auch im Kita-Bereich wächst. Wir bilden genügend aus. Doch ob die Absolventen in Leipzig und Sachsen bleiben? Wer jung und gut ausgebildet ist, geht dorthin, wo er sich auch wohl fühlt und entsprechend vergütet wird. Und da muss man hier noch einiges machen."

In Leipzig gehörten viele Kitas freien Trägern, sagt Giersch. Dort seien die Gehälter oft niedrig. Ein sächsischer Erzieher betreue auch mehr Kinder als anderswo. Auf eine Fachkraft kämen fünf Kleinkinder. In Mecklenburg-Vorpommern seien es zwar sechs, in Bremen müsse ein Krippenerzieher aber nur auf drei Kinder aufpassen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 20. Dezember 2017 | 06:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Dezember 2017, 06:48 Uhr

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7 Kommentare

20.12.2017 12:00 Na so was 7

"Die Verantwortlichen der Stadt Leipzig argumentieren, der Bedarf sei nicht planbar gewesen." Wer argumentiert denn immer, es ist gut, wenn es viele Neugeborene gibt, wenn junge Familien hier im Osten bleiben. Wer läßt sich feiern, wenn die Stadt wieder "Geburtenhauptstadt" wird? Herr Jung, da Sie wissen, wie lange ein Kind im Bauch seiner Mutti ist, wissen Sie bestimmt auch, mit wieviel Jahren ein Kind in die Schule kommt, oder? Obwohl, ganz sicher bin ich mir da nicht. Denn jedes Jahr im August / September ist das Geschrei groß, so viele Schulanfänger, aber so wenig Grundschulen, so wenige AUSGEBLDETE LEHRER. Aber die Spanne zwischen Geburt und Schulanfang ist sechs / sieben Jahre. Reden Sie da auch von "nicht planbar"? Und wie war das 2015, als so viele "Neubürger" nach Deutschland kamen? Diese brauchten eine Unterkunft, Verpflegung, ärztliche Betreuung. Da funktionierte das ohne Vorplanung, eigenartig.

20.12.2017 11:15 Rolf T. 6

Bei den ganzen Diskussionen zu dem Thema werden die Bedürfnisse der Kleinstkinder meist nicht beachtet bzw. berücksichtigt. Wollen die Kinder wirklich schon mit einem Jahr in die Krippe und ist es wirklich das Beste für Sie, so wie es die meisten Politiker, Medien und Eltern erklären und vielleicht sogar glauben. Häufig geht es nur um die eigenen Bedürfnisse und das Schwimmen im Mainstream!

20.12.2017 11:09 Klara Morgenrot 5

Die Stadt hat geschlafen, schläft weiter und wird in der Zukunft, diese auch verschlafen. Betonköpfe sind auch nach 27 Jahren nicht mürbe geworden. Familien- und kindefeindliche Politik ist dies.
Immer schön weiter klagen!!!!

20.12.2017 10:22 Wachtmeister Dimpfelmoser 4

Die Staats- und Parteiführung setzt halt andere Prioritäten als den Nachwuchs des autochthonen Steuerzahlers, der unbesorgt seiner sozialabgabenpflichtigen Tätigkeit nachgehen will, zu annehmbaren Konditionen und vor allem mit ausreichend vorhandenen Kitaplätzen versorgen zu lassen. Aber das Volk will es so, und dann muss man das als diesbezüglich nicht mehr Betroffener wohl so konstatieren und akzeptieren.

20.12.2017 09:58 ein schon länger in Deutschland lebender 3

@Sascha10 #1

Herr Boris Erasmus Palmer, Oberbürgermeister der Stadt Tübingen hatte es doch mal in einer Talkshow gesagt, er kann es seinen Einwohnern kaum vermitteln das für Flüchtlinge gebaut wird und für schon länger hier lebende nicht, weil es für Flüchtlinge Fördergeld gibt und für schon länger hier lebende nicht.

so einfach ist die Erklärung.

20.12.2017 08:29 Untermensch aus Dunkeldeutschland 2

Es gibt auch Verhütungsmittel. Die sind nicht mal teuer. Aber da der Bedarf absehbar ist, sollte es Leipzig möglich sein, die demografische Entwicklung in den Griff zu bekommen.

20.12.2017 08:10 Sascha10 1

Herr Jung argumentiert, dass die Entwicklung nicht voraussehbar war, da eine Schwangerschaft nur 9 Monate hat. Aber als die Versorgungssuchenden zu Tausenden nach Leipzig kamen war innerhalb kürzester Zeit Platz mit viel Geld geschaffen. Auch beim Ausbau des Conny Island spielte Geld keine Rolle. Der OBM setzt schon seit Jahren die falschen Maßstäbe und lässt junge Familien im Stich.