Straßenbahn in Estland-Hauptstadt Tallinn
In Estlands Hauptstadt Tallinn ist Bus- und Bahnfahren für alle Anwohner kostenlos. Bildrechte: IMAGO

Öffentlicher Nahverkehr in Europa Kostenlos mit Bus und Bahn in europäischen Städten

Teure Schnapsidee oder umweltbewusste Vision? Die Bundesregierung denkt darüber nach, öffentlichen Nahverkehr kostenfrei zu machen. In anderen europäischen Städten ist das längst Realität.

von Sabine Cygan, MDR AKTUELL

Straßenbahn in Estland-Hauptstadt Tallinn
In Estlands Hauptstadt Tallinn ist Bus- und Bahnfahren für alle Anwohner kostenlos. Bildrechte: IMAGO

Die Stickstoffdioxidwerte in einigen deutschen Großstädten sind viel zu hoch, die EU-Kommission drängt die Bundesregierung zum Handeln. Deswegen denkt die Bundesregierung darüber nach, den öffentlichen Nahverkehr attraktiver zu gestalten. Bus und Bahn kostenlos nutzen zu können, soll Autofahrer dazu motivieren, ihr Auto öfter mal stehen zu lassen. Was hierzulande für die Piratenpartei oder Die Linke als längst fällige Maßnahme gilt, ist für den Städte- und Gemeindebund oder auch den Hamburger Verkehrsverbund eine teure Schnapsidee. Doch andere europäische Städte haben den öffentlichen Nahverkehr bereits attraktiver gemacht, auch komplett kostenfreie Modelle gibt es. Eine Auswahl.

Tallinn in Estland

Wer in der estnischen Hauptstadt gemeldet ist, kann seit Anfang 2013 kostenfrei Bus und Bahn nutzen. Die Bewohner Tallinns müssen sich lediglich eine Chipkarte für zwei Euro ausstellen lassen und können dann im gesamten Stadtgebiet den ÖPNV nutzen. Auch Schüler und Senioren ab 65 Jahren mit Wohnsitz in Estland fahren ohne Ticket. Touristen müssen in Tallinn allerdings weiterhin für den ÖPNV bezahlen. Laut Stadtverwaltung habe die Tallinner Transportgesellschaft im Jahr 2016 einen Gewinn von 13,7 Millionen Euro erzielt. 2013, als der kostenfreie ÖPNV eingeführt wurde, machte das Unternehmen noch einen Verlust von 1,8 Millionen Euro. Tallinn ist die erste europäische Hauptstadt und auch die größte Stadt, in der es einen komplett kostenfreien ÖPNV gibt.

Aubagne in Frankreich

Kostenfrei mit dem Bus im französischen Aubagne und in den zwölf Gemeinden rund herum: In und um die 45.000-Einwohner Stadt östlich von Marseille können seit Mai 2009 Busse kostenlos genutzt werden. Davon profitieren nicht nur die rund 100.000 Bewohner der Region, sondern auch Besucher und Touristen. Die Stadt informiert, dass sich die Nutzung des ÖPNVs sich bis 2017 um mehr als 80 Prozent gesteigert habe.

Manchester in England

Immerhin drei kostenlose Buslinien fahren seit 2002 in Manchester durch die Innenstadt. Die eingesetzten Elektro- und Hybridbusse trugen zusätzlich dazu bei, die Luftverschmutzung zu reduzieren. Die Zahl der Mitfahrer stieg zunächst an. In den letzten drei Jahren nahm die Zahl allerdings deutlich ab. Die Betreiber sehen den Grund unter anderem in Baustellen im Stadtzentrum.

Ungarn

Im ganzen Land fahren nicht nur Ungarn, sondern auch Personen aus anderen EU-Mitgliedsstaat ab 65 Jahren kostenlos mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Auch Flüchtlinge dürfen ohne kostenpflichtiges Ticket in Bus und Bahn steigen.

Lettland

In Lettland dürfen unterschiedliche Personengruppen kostenlos die ÖPNVs nutzen: Dazu zählen Kinder im Vorschulalter sowie Schulkinder bis zur 9. Klasse, Waisen, Menschen mit Behinderung sowie deren Begleitung und politische unterdrückte Personen und Mitglieder nationaler Widerstandsbewegungen. In der Hauptstadt dürfen außerdem Rentner kostenlos mit Bus und Bahn fahren.

Komplett kostenfrei für Senioren

In einigen europäischen Ländern können Senioren regionalbegrenzt komplett kostenfrei mit Bus und Bahn fahren. Möglich ist das in Estland, Finnland, Lettland, Niederlande, Polen, Rumänien, Schweden, Slowakei, Ungarn und Tschechien. In London können in der Stadt wohnende Senioren ab 60 Jahren kostenfrei mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, in Prag oder Bratislava dürfen Senioren ab 70 Jahre kostenfrei den ÖPNV nutzen, in Rotterdam beispielsweise ab 65 Jahren.

Gescheiterte Versuche

17 Jahre lang war die Benutzung des ÖPNV in der 70.000-Einwohner Stadt Hasselt in Belgien komplett kostenfrei. Die Nutzung der Busse stieg innerhalb von 10 Jahren um das 13-fache an – und damit auch die Kosten für die Stadt. Seit Januar 2014 kostet ein Ticket wieder 60 Cent – es sei denn man ist unter 20 Jahre alt.

In Deutschland haben die Kleinstädte Templin und Lübben in Brandenburg den Versuch unternommen, ihren Bürgern die Nutzung von Bussen kostenlos zu ermöglichen. Weil jedoch in den folgenden Jahren zu viele die Busse nutzten, konnten sich die Städte das Projekt nicht mehr leisten.

Kostengünstige Jahreskarte in Wien

Einen Euro pro Tag für den ÖPNV in Wien: Eine Jahreskarte für die Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln innerhalb Wiens kostet 365 Euro. Vergleich dazu: Eine Jahreskarte der Berliner Verkehrsbetriebe kostet mehr als das Doppelte.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL FERNSEHEN | 14. Februar 2018 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. März 2018, 15:07 Uhr