Verschiedene Tabletten liegen auf einem Tisch.
Für manche Medizinwirkstoffe gibt es nur wenige Hersteller. Nur fünf Unternehmen weltweit stellen zum Beispiel das Schmerzmittel Ibuprofen her. Fällt ein Unternehmen aus, kann es schnell zur Unterversorgung kommen. Bildrechte: imago/JuNiArt

Pharmabranche vs. Kassen Streit wegen Lieferengpässen bei Medikamenten

Immer wieder kommt es in Deutschlands Apotheken und Krankenhäusern zu Lieferengpässen bei teils lebenswichtigen Medikamenten. Die Ursachen dafür sind vielseitig und liegen auch im inzwischen globalisierten Medikamentenmarkt. Derzeit streiten Krankenkassen und Vertreter der Pharmaindustrie mal wieder über Rabattverträge für Arzneimittel. Deren Abschaffung allein würde die Lieferschwierigkeiten aber nicht abstellen.

von Carolin Voigt, MDR AKTUELL

Verschiedene Tabletten liegen auf einem Tisch.
Für manche Medizinwirkstoffe gibt es nur wenige Hersteller. Nur fünf Unternehmen weltweit stellen zum Beispiel das Schmerzmittel Ibuprofen her. Fällt ein Unternehmen aus, kann es schnell zur Unterversorgung kommen. Bildrechte: imago/JuNiArt

Flüssiges Aspirin, Ibuprofen, Morphin, Valsartan und diverse Krebsmedikamente können einige Hersteller derzeit nicht oder nur eingeschränkt ausliefern. Das ist kein Problem, wenn es Ersatzpräparate von anderen Herstellern gibt. Aber das ist, besonders bei speziellen Medikamenten, nicht immer der Fall.

Und es ist kein neues Phänomen. Seit Jahren schon klagen Ärzte und Apothekerinnen deutschlandweit über zunehmende Lieferprobleme der Pharmahersteller. So ergab eine Umfrage der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK) bereits im Herbst 2017, dass 90 Prozent der Apotheken und 80 Prozent der Krankenhausapotheken Lieferengpässe erlebt haben; vor allem bei Herz-Kreislauf-Mitteln, Antibiotika, Schmerzmitteln und Antidiabetika.

Lieferengpass bei Medikamenten Als Lieferengpass bezeichnet man eine Unterbrechung der Arzneimittelversorgung, die länger als zwei Wochen andauert. Solch ein Engpass kann durch Produktionsprobleme auftreten, die Auswirkungen auf die Arzneimittelqualität haben können, aber auch durch eine plötzlich erhöhte Nachfrage, wie bei Infektionen oder Epidemien.

Über Lieferengpässe informieren das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) sowie das Paul-Ehrlich-Institut, wenn es um Impfstoffe geht. Kritisch dabei: Das BfArM ist bei seiner Liste auf freiwillige Meldungen der Pharmaunternehmen angewiesen.

Pharmavertreter machen Rabattsystem verantwortlich

Für die aktuelle Versorgungslage hat der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie e.V. (BPI) nun erneut die Rabattverträge verantwortlich gemacht, die die gesetzlichen Krankenkassen seit 2007 mit Arzneimittelherstellern abschließen können. Die Krankenkassen profitieren von den Rabatten finanziell. Jährlich sparen sie so Milliardenbeträge ein; allein im vergangenen Jahr laut Berechnungen des Deutschen Apothekerverbands (DAV) mehr als vier Milliarden Euro. Eingeführt wurden die Rabattverträge einst auch, um die Kassenbeiträge für Versicherte stabil zu halten.

Liegt die Lösung in Europa?

Der BPI stellte nun ein Gutachten mit einer Zwischenbilanz der bisherigen Rabattvermarktung vor. Darin stellt der Verband eine "Oligopolisierung", also eine Konzentration der Marktmacht, fest, durch die "akut Lieferengpässe und schlimmstenfalls lebensbedrohliche Versorgungsengpässe für die Patienten" drohten. Der BPI fordert unter anderem mehr Verträge mit europäischen Arzneimittelherstellern und ein Rabatt-Verbot für Wirkstoffe, die als "versorgungsrelevant" gelten – also Stoffe, die nur noch von drei oder weniger Unternehmen angeboten werden.

Die Forderungen sind allerdings wenig überraschend, bedenkt man, dass der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie rund 240 mittelständische deutsche Pharmaunternehmen vertritt, unter denen sich viele Hersteller sogenannter Generika befinden. Und die werden momentan vor allem in Asien produziert.

Generika Generika werden auch als Nachahmerpräparate bezeichnet. Es handelt sich um wirkstoffgleiche Kopien von Marken-Medikamenten. Sie unterscheiden sich von den Originalen lediglich in der Zusammensetzung der Zusatz- und Hilfsstoffe. Rund drei Viertel der Verordnungen in Deutschland sind inzwischen Generika.
Auf den europäischen Markt können sie bislang aber erst gebracht werden, wenn das Patent für das Originalmedikament abgelaufen ist. Eine Lockerung dieser Regelung hat die EU kürzlich auf den Weg gebracht.

GKV: Rabattverträge sichern die Patientenversorgung

Alles Quatsch, an den Rabattverträgen liegt es nicht, halten die gesetzlichen Krankenkassen dagegen. Auf Anfrage von MDR AKTUELL, erklärt die BARMER:

Entgegen der Kritik des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie sehen wir die Rabattverträge neben dem wirtschaftlichen und qualitativen Aspekt auch als Garant für eine stabile Versorgung.

Für die Lieferengpässe sei vor allem die Industrie verantwortlich. So gebe es eine Konzentration der Hersteller auf die Produktion von Ausgangsstoffen und "nicht ausreichende Produktionskapazitäten bei den Arzneimittelherstellern".

Ähnlich sieht es die Techniker Krankenkasse. Ein Sprecher sagte MDR AKTUELL, eine Abschaffung der Rabattverträge sei vor allem im Interesse der Pharmahersteller, die sich davon höhere Gewinne versprächen.

In einer Stellungnahme des Bundesgesundheitsministeriums heißt zum Thema es:

Rabattverträge der einzelnen Krankenkassen sind ein wichtiges Instrument zur Regulierung der Ausgaben für Arzneimittel in der gesetzlichen Krankenversicherung. (...) Die Ursachen von Lieferengpässen bei Arzneimitteln sind vielfältig. Globale Lieferketten mit einer Konzentration auf wenige Herstellungsstätten für Arzneimittel und Wirkstoffe können ein Grund für Lieferengpässe sein, aber zum Beispiel auch Qualitätsmängel bei der Herstellung, Produktions- und Lieferverzögerungen bei Rohstoffen oder (...) Marktrücknahmen aus verschiedenen Gründen.

Gesetzgeber bleibt bei Rabattsystem

Eine Abschaffung der Arzneimittel-Rabatte steht im Gesundheitsministerium offenbar nicht auf der Agenda. In dem vom zuständigen Minister Jens Spahn jüngst vorgelegten "Gesetz für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung (GSAV)" spielen die Rabattverträge weiter eine Rolle. Als Konsequenz aus dem Valsartan-Skandal sollen die Verträge künftig aber so ausgestaltet werden, dass keine Versorgungslücken mehr entstehen. Die Krankenkassen will Spahn so in die Mitverantwortung nehmen. Das Gesetz soll Mitte des Jahres in Kraft treten. Es muss noch durch den Bundesrat.

Blick über Europa hinaus

Ganz anders ist es übrigens in den USA geregelt. Dort drohen Pharmaunternehmen hohe Geldstrafen, wenn sie nicht rechtzeitig vor einer möglichen Medikamentenknappheit warnen. Überwacht wird das Ganze von der US-amerikanischen Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelbehörde FDA.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 30. Januar 2019 | 12:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. März 2019, 16:16 Uhr

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11 Kommentare

24.03.2019 22:00 Atheist aus Mangel an Beweisen 11

Seit dem meine Blutdrucksenker als nicht mehr sicher gelten hab ich diese abgesetzt, ich fühle mich besser, als Ersatz esse ich jeden Tag Nüsse.
Ich brauch keine Mixtur aus China.

24.03.2019 20:55 Rumsdibums 10

Wurde uns die Globalisierung nicht als große Verbesserung und Lösung für derartige Probleme verkauft?
Wann treten diese Verbesserungen denn ein?

24.03.2019 20:23 whocares_ 9

Danke an Herrn Breuer (Kommentar 7) für einen sachlich fundierten Beitrag.
Es stellt sich doch auch die Frage, warum die Kassen trotz des Wissens um die Konzentration auf einige wenige Hersteller und dem damit verbundenen Ausfallrisiko an diesen Rabattverträgen derart starr festhalten. Da scheint der Preis (billig?) wohl eine deutlich größere Rolle als die Versorgungssicherheit zu spielen?

24.03.2019 20:03 Pillendreher 8

Billig, billiger, kostenlos! Das ist der "Anspruch" der Kassen. Wirkstoffe werden ausgeschrieben, z.T. nur bei einem Anbieter in Fernost hergestellt. Kann der nicht liefern oder ist verdreckt, dann stehen ALLE Pharmahesteller auf dem Schlauch. Das Rabattsystem ist Hauptursache! Wir hatten eine funktionierende Pharmaindustrie - hohe Qualität und flächendeckende Versorgung. Besonders in den neuen Bundesländern wurde fast die gesamte Branche "abgewickelt". Die Kassen haben eine gewaltige Lobby und diktierten allen Gesundheitsministern der letzten 30 Jahre ihren Willen. Das Ergebnis: Defekte, miese Qualität bei z.B. Inkontinenz, verunreinigte Ware, Fälschungen, Apothekensterben, Budgetierung bei Ärzten... Nehmt den Kassen die Macht und macht Euch bewußt, dass es um MENSCHEN geht, nicht um Profit! Spahn und Lauterbach müssen handeln NICHT REDEN!

24.03.2019 19:27 Mane 7

Wie es in Deutschland ist! Der Profit und nicht der Mensch der derKohle bringt steht im Vordergrund.Und die Regierung steckt doch mit den Herren der Pharmaindustrie unter einer Decke.

24.03.2019 18:05 Leopold Breuer 6

Als Pharmazeut kann ich sagen, dass diese Probleme hier noch vergleichsweise milde dargestellt werden. Das Problem ist, dass alles unbedingt wenig kosten darf, ob die Qualität stimmt, ist immer nicht ganz sicher (siehe auch der Valsartan-Rückruf im Sommer des vergangenen Jahres. Dazu noch die Rabattverträge: Der Patient hat davon überhaupt nichts gewonnen, sondern nur Probleme, da viele Präparate kaum lieferbar sind. Die Defektliste beträgt teilweise über 100 Produkte, die an Lager sein sollten, aber Monate nicht lieferbar sind. Die Lösung kann m.E. nur sein, dass man wieder mehr den Herstellern bezahlt, aber gleichzeitig verlangt, dass in Deutschland oder im benachbarten Ausland produziert wird, um jederzeit die Kontrolle zu haben, was in den Mitteln ist.

24.03.2019 17:38 Carolus Nappus 5

Und solche Lieferengpässe treten von jetzt auf gleich auf oder fällt es einfach nur am nächsten Tag auf, weil man nicht mehr als einen Tagesbedarf auf Lager liegen hat und auch sonst niemand in der Lieferkette merkt, dass es knapp wird? Kann man sich beim Stand der Technik eigentlich kaum vorstellen.

24.03.2019 17:37 Bürger 4

Bei solchen Meldungen frage ich mich wozu haben wir ein Bundesgesundheitsministerium? Dort sitzen die Entscheider,wer in Deutschland Medikamente verkaufen will und es ist eine deutsche Firma, soll sie auch hier produzieren.Zum einen schafft das Arbeitsplätze und sorgt für Sicherheit,da nach einer gewissen Zeit haben sich Angebot und Nachfrage eingependelt,es kommt zu einer dauernden Marktverfügbarkeit.Für Importmedikamente müssen Abstriche gemacht werden,da ist auch keine Sicherheit gegeben.Aber welche deutsche Firma wird sich solch Geschäft entgehen lassen,da wird es auch bald deutsche Medikamente geben.

24.03.2019 17:11 Maxmoritz 3

@1und 2: Dem ist nichts hinzuzufügen!

24.03.2019 16:37 Michael Möller 2

wenn man das liest kommt die Frage auf was wird eigentlich noch hier Produziert oder in Europa. die Konzerne schauen doch nur noch auf Profit und nicht mehr auf die Menschen. aber bei solchen unfähigen Politikern ist das ja auch kein Wunder. man sollte von der Presse ermitteln wie viel eigentlich noch hier hergestellt wird und was aus Asien kommt und wie die hoch die Produktionskosten sind.