Eine lange Papierbahn, auf die ein Roboterarm mit einem Füllfederhalter die handschriftliche Abschrift von Luthers Bibel nachahmt.
Ein Roboter schreibt die Bibel in Handschrift nieder. Bildrechte: MDR/Stefanie Markert

Martin Luther Die Legende vom Wortschöpfer

Luther ist der Schöpfer unserer modernen deutschen Sprache, so heißt es. Er soll sie nicht nur durch seine Bibelübersetzung vereinheitlicht, sondern auch um Redewendungen bereichert haben, die noch heute in aller Munde sind. Was ist dran an der Legende vom großen Sprachregler?

von Sebastian Hesse, MDR AKTUELL

Eine lange Papierbahn, auf die ein Roboterarm mit einem Füllfederhalter die handschriftliche Abschrift von Luthers Bibel nachahmt.
Ein Roboter schreibt die Bibel in Handschrift nieder. Bildrechte: MDR/Stefanie Markert

Wer zu Luthers Zeiten durch deutsche Lande reiste, dem schlugen im Südwesten des deutschen Sprachraums alemannische Klänge entgegen, die man noch heute im Deutschen findet. Im Nordosten hörte sich zum Beispiel der nordpommerische Dialekt schon ganz anders an.

Im 16. Jahrhundert unterteilte sich die deutsche Sprache in über 20 Dialekte. Luther selber wuchs im Niederdeutschen, in Mansfeld auf. Ins Hochdeutsche, wie es etwa in Wittenberg gesprochen wurde, musste er sich erst einfuchsen. Entsprechend sensibilisiert war er dann in Thüringen, auf der Wartburg, als es bei seiner Eindeutschung der Heiligen Schrift um die Kernfrage ging: Wie erreiche ich möglichst viele Leute?

Ein Mix aus Mundart und Diplomatensprech

Kein leichtes Unterfangen, meint Jochen Birkenmeier, der Geschäftsführer des Eisenacher Lutherhauses: "In Deutschland gab es ja noch nicht DIE deutsche Sprache. Es gab eine Vielzahl von Dialekten. Und es war manchmal sehr schwierig für Leute aus dem Norden, jemanden zu verstehen, der aus dem Süden kam und umgekehrt." Luther wählte den einzigen ihm bekannten Dialekt, der zumindest Züge einer Verkehrssprache trug. "Er hat eine Mundart aus dem sächsischen Raum gewählt und vor allem die sächsische Kanzleisprache verwendet. Das war schon so eine Art Kunstsprache für den diplomatischen Verkehr, wenn Höfe miteinander kommuniziert haben."

Wie bewusst dem Bibelübersetzer sein sprachliches Dilemma war, spiegelt sich auch in seiner theoretischen Auseinandersetzung damit wider: 1530 entsteht Luthers "Sendbrief vom Dolmetschen".

Man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drumb fragen. Und den selbigen auf das Maul sehen, wie sie reden.

Martin Luther, "Sendbrief vom Dolmetschen"

Und noch ein Dilemma: Für viele Begriffe und Redewendungen des alt-hebräischen, des aramäischen und des alt-griechischen Originals gab es schlicht keine deutschen Entsprechungen. Luther musste selber kreativ werden. So werden ihm unter anderem folgende Begrifflichkeiten zugeschrieben: Lückenbüßer, Machtwort, Lästermaul, Morgenland, Nächstenliebe oder auch Gewissensbisse. Und dann noch diese Redewendungen: "Sein Licht unter den Scheffel stellen", "ein Stein des Anstoßes sein", "Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein", oder "Hochmut kommt vor dem Fall".

Und dann das vielzitierte: "Sein Scherflein dazu beitragen". Und was ist überhaupt ein Scherflein? "Das ist ein halber Pfennig", weiß Alexandra Husemeyer vom Lutherhaus Eisenach. Der halbe Pfennig ist jedoch keine eigenständige Münze, sondern eine rein Thüringer Gepflogenheit. Luther dürfte dem Scherf auf dem Eisenacher Marktplatz begegnet sein. "Geld hatte damals Materialwert. Für eine geringe Ware auf dem Markt, wenn man nur ein paar Knöpfe kaufen wollte, hat man einen Pfennig durchgehackt. Das war ein Scherf."

Zwischen Volk und Gott

Wer jedoch glaubt, Luthers Bibel klänge nach sächsischen Amtsstuben und Thüringer Marktplätzen, der irrt. Nein, sagt Lutherexperte Birkenmeier, dem Eindeutscher der Heiligen Schrift gelang eine bemerkenswerte Kunstsprache:

Er hat nach Formulierungen und einem Klang gesucht, der verständlich, aber keine Alltagssprache ist. Die Bibel ist ja für den gottesdienstlichen Gebrauch gedacht und soll etwas Erhabenes haben. Es ist eben Gottes Wort.

Jochen Birkenmeier, Lutherhaus Eisenach

Das Luther-Deutsch vereinheitlichte einerseits das dialektale Wirrwarr. Aber es setzte auch einen Ton, der ebenso eingängig wie nachhaltig war und sogar die ansonsten wenig bibelfesten Machthaber der DDR inspirierte, wie Alexandra Husemeyer erzählt: "Die große Bedeutung der Bibel bis in die sozialistischen Zeiten sieht man zum Beispiel auch darin, dass Walter Ulbricht zehn Grundsätze der sozialistischen Moral formuliert und sie sprachlich am Alten Testament angelehnt hat."

Du sollst stets nach Verbesserung Deiner Leistungen streben, sparsam sein und die sozialistische Arbeitsdisziplin festigen. Du sollst sauber und anständig leben!

Walter Ulbricht

Die 10 grundlegenden sozialistischen Moralgesetze in bewusstem Anklang an die biblischen 10 Gebote - eine historische Ironie, die dem großen Reformator wohl gefallen hätte.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 31. Dezember 2017 | 05:22 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. Dezember 2017, 14:56 Uhr

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1 Kommentar

30.12.2017 00:48 HERBERT WALLASCH, Pirna 1

Alles wird dem Zeitgeist und den aktuellen Gegebenheiten angepaßt, heutzutage auch. Als Beispiel: Nach den Wahlen, mit dem zweistelligen Wahlergebnis der AFD in den alten Bundesländern wurde als Bezeichnung für deren Wähler im Westen sofort das Wort " Zukunftsverweigerer " kreiert, im Osten blieben es die Wurbürger und noch Schlimmeres. Das wäre sicherlich nicht im Sinne Luthers gewesen, diese Vernebelungen.