Valsartan
Etwa 900.000 Menschen in Deutschland haben regelmäßig den Blutdrucksenker Valsartan eingenommen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Verunreinigte Blutdrucksenker Valsartan-Skandal: Darum informierten die Krankenkassen Patienten nicht

Hunderttausende Deutsche haben die Blutdrucksenker Valsartan genommen – bis im Sommer bekannt wurde, dass einige Präparate krebserregende Verunreinigungen enthalten. Auch MDR-AKTUELL-Hörer Peter Gierth bekam früher Valsartan verschrieben. Er möchte wissen, warum die Kontrollbehörden nicht aufmerksam geworden sind und wieso die Krankenkassen die Betroffenen nicht informierten.

von Grit Bobe, MDR AKTUELL

Valsartan
Etwa 900.000 Menschen in Deutschland haben regelmäßig den Blutdrucksenker Valsartan eingenommen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Franka Ramisch ist Allgemeinmedizinerin in Leipzig. Als sie im Sommer aus der Fachpresse erfuhr, dass bestimmte Chargen von Valsartan mit einer potentiell krebserzeugenden Substanz versetzt sind, reagierte sie sofort. Sie erstellte eine Liste ihrer Patienten, die Valsartan nehmen. Es sei ein häufig eingesetztes Medikament.

Aktiv auf die Patienten zugegangen sei sie aber nicht. Um nicht noch mehr Verunsicherung und Panik zu verbreiten, habe sie nicht anrufen lassen. "Wer so ein Medikament hat, muss sich ja sowieso regelmäßig sein Rezept holen." Die Ärztin habe gewartet, bis die Patienten regulär wieder dran waren.

Wenig Aufklärung durch die Kassen

Die meisten Betroffenen hatten im Sommer aus den Medien vom Valsartan-Skandal erfahren. Viele fragten daraufhin bei ihrer Krankenkasse nach. Die Antwort der Kassen lautete stets: Valsartan nicht absetzen, den Arzt oder Apotheker fragen. Mehr Aufklärung war nicht drin.

Die Kassen erhielten nach dem heutigen Abrechnungssystem die Abrechnungsdaten von Ärzten, die Medikamente verschrieben und Leistungen erbracht haben, in der Regel mit einem Zeitverzug von einem Quartal, erläutert Hannelore Strobel, Sprecherin der AOK Plus.

Selbst wenn wir später wissen, welche Patienten das Medikament bekommen haben, dürften wir nicht auf sie zugehen. Das ist die Krux an der Datenschutz-Grundverordnung.

Hannelore Strobel, Sprecherin der AOK Plus

Gesundheitsministerium agiert zögerlich

Die Krankenkassen durften nicht aufklären. Der Bund konnte informieren, aber keinen Rückruf auf Patienebene starten, weil die Medikamentenaufsicht in Deutschland Ländersache ist. Patienten blieben im Wirrwarr der Zuständigkeiten informatorisch auf der Strecke.

Kordula Schulz-Asche will sich damit nicht zufrieden geben. Die Arzneimittelexpertin der Grünen im Bundestag sagte MDR AKTUELL, nach datentschutzrechtlichen Regelungen sei klar, dass die Krankenkassen nicht informieren dürften. "Aber deswegen braucht man eben eine Anordnung des Ministeriums, um das tun zu können."

Antrag auf Gutachten abgelehnt

Zwar hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn inzwischen angekündigt, dass Medikamenten-Rückrufe künftig stärker vom Bund koordiniert werden sollen. Schulz-Asche drängt sich aber weiter der Eindruck auf, dass versucht wird, den Skandal kleinzuhalten. "Wir haben beantragt, dass ein Gutachten dazu erstellt wird, um die gesundheitliche Situation zu klären - welche Auswirkungen und Langzeitwirkung durch die Einnahme von verunreinigten Valsartan entstanden sind." Der Antrag aber sei mit den Stimmen von SPD, CDU und AfD abgelehnt worden, so Schulz-Asche weiter.

Die Verunreinigungen im Fall Valsartan wurden nicht von den Kontrollbehörden entdeckt, sondern letztlich vom Hersteller selbst offengelegt, sagte die Europäische Arzneimittelagentur. Warum die Hersteller der Medikamente ihren Wirkstoffzulieferer aus China nicht genauer kontrollierten, wird derzeit noch untersucht. Genauso wie die Frage, welche Folgen die jahrelange Einnahme kontaminierter Tabletten haben kann.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 03. Dezember 2018 | 06:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Dezember 2018, 06:00 Uhr

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24 Kommentare

06.12.2018 18:08 maheba 24

Es reicht langsam. Mittlerweile sind auch noch andere sartanhaltige Medikamente betroffen.
Insbesondere bei Importen aus Indien sind weitere Anhaltspunkte für Krebs auslösende Substanzen gefunden worden.

06.12.2018 17:11 maheba 23

Ich kann das alles nicht mehr hören. Die Krankenkassen hatten einfach keinen Plan für solche Fälle.

04.12.2018 18:03 Atze 22

Fatal, es gibt Gesetze, die den Krankenkassen (angeblich) verbieten, ihre Kunden bzw. Patienten zu warnen. Die konnten es aus Datenschutz nicht! Unglaublich! Den Ärzten kann man meiner Meinung keine Schuld geben. Sollen sie sich noch um die Zusammensetzung der Pillen kümmern?
Die Katze beisst sich in D. in den Schwanz. Überreguliert. Was geht denn nun vor, das Leben und die Gesundheit des Menschen, oder sein Datenschutz?
Wer wird dieses Gewirr irgendwann mal vom Kopf auf die Füsse stellen? Ich habe keine Hoffnung. Und selbst die AfD hat , wie ich hörte, gegen die Benachrichtigung der Patienten gestimmt. Wenn mal ein " Störfall" irgendwo eintritt, da werden wir doch alle hintergangen. MfG

04.12.2018 08:29 Schrumpel 21

Zitat: " Kordula Schulz-Asche will sich damit nicht zufrieden geben. Die Arzneimittelexpertin der Grünen im Bundestag sagte MDR AKTUELL, nach datentschutzrechtlichen Regelungen sei klar, dass die Krankenkassen nicht informieren dürften. "Aber deswegen braucht man eben eine Anordnung des Ministeriums, um das tun zu können."

Da kann man aber auch erkennen, wozu dieser übertriebene Datenschutz führen kann.

03.12.2018 20:46 Dr. Gerlinde Hofmann 20

Warum soll es in der Arzneimittelindustrie anders zugehen als bei BAYER oder VW oder in unserer Lebensmittelindustrie? Unsere Politiker sorgen schon dafür, dass alle Konzerne maximale Gewinne einstreichen. - Ich habe Valsartan jahrelang eingenommen und möchte betonen, wie sicher und gut versorgt ich mich in diesem Staat fühle!!!

03.12.2018 20:38 Rasselbock 19

Valsartan, freilich ein Skandal und der nächste folgt: Das Problem: Nicht genügend Impstoff INFLUVAC Tetra, wegen der Kosten, es wurde einfach nicht genug bestellt und damit gefertigt. Auch da haben die Krankenkassen ihre Aktie dran. Schon 2017, man wusste, der dreifach Impfstoff wirkt nicht so gut, trotzdem bezahlten die Kassen nur diesen, nahmen bewusst und nahm im Interesse der Kosten viele Tote damit in Kauf. Arzneimittelindustrie und Gesundheitswesen, es muss verstaatlicht werden, die vielen Krankenkassen, abschaffen, eine genügt. Aber, die Lobby selbiger als auch der Industrie verhindert es. Ein Merz und seine CDU genügt völlig,mehr CDU ist schädlich.

03.12.2018 19:23 maheba 18

Ach ja, übrigens werden in der Automobilbranche die Halter von Fahrzeugen im Zusammenhang mit Rückrufaktionen angeschrieben. Bei sicherheitsrelevanten oder der Zulassung betreffenden Mängel seitens des Kraftfahrbundesamtes ansonsten vom Hersteller.

03.12.2018 19:17 maheba 17

Ich möchte nicht wissen was noch für Überraschungen im Bezug auf Medikamente kommen.
Immerhin werden ja bekanntlich eine Unmenge davon in Fernost oder Indien hergestellt oder die Grundstoffe dazu.

03.12.2018 17:40 Anne2018 16

Wie bitte, wenn Gefahr für die Gesundheit besteht, darf man die Patienten nicht informieren? Wer soll das denn glauben?
Meiner Meinung nach wäre man sogar dazu verpflichtet zu informieren.....

03.12.2018 17:35 Jakob 15

Mal neben den ganzen Schwätzchen hier drüber nachdenken, dass es durchaus sinnvoll gewesen sein könnte, zunächst keine Panik unter den Patienten aufkommen zu lassen. Die Einnahme weniger Dosen der möglicherweise verunreinigten Arznei barg keine akute Gefahr für die Patienten, während es durchaus problematische gesundheitliche Folgen haben kann, wenn Blutdruckpatienten plötzlich aus Angst ihr Medikament ganz weglassen. Vor diesem Hintergrund ist der Ratschlag "bewahren Sie Ruhe, sprechen Sie mit Ihrem Arzt" durchaus angebracht.

Ob irgend jemand eine schuldhafte Pflichtverletzung oder gar Straftat begangen hat, beim Hersteller, bei den Krankenkassen, bei den Politikern (hat auch die Kirhce vielleicht Schuld oder Donald Trump?), das aufzuklären dazu ist jetzt genügend Zeit.