Wohnungsnummer stehen neben Klingelschildern.
Wie stehen Mieter und Vermieter hierzulande zu den Datenschutz-Bedenken? Bildrechte: dpa

Datenschutz Wohnungsfirmen gegen Entfernen von Namensschildern

Mitteldeutsche Wohnungsunternehmen lehnen es ab, Namen von Klingelschildern aus Datenschutzgründen zu entfernen. Vorstand Viehweger vom Verband Sächsischer Wohnungsgesellschaften sagte, das sei "krank". Er frage sich, ob Menschen noch mehr zu Nummern werden sollten. Die Leipziger Wohnungsbau-Genossenschaft "Kontakt" warnt, ein namenloses Klingenschilder würde das Zuordnen von Wohnungen in Notfällen enorm erschweren. Ähnlich reagierten Wohnungsbaugesellschaften in Jena, Gera, Greiz und Altenburg.

von Marc Zimmer, MDR AKTUELL

Wohnungsnummer stehen neben Klingelschildern.
Wie stehen Mieter und Vermieter hierzulande zu den Datenschutz-Bedenken? Bildrechte: dpa

Ein großer Wohnblock nahe des Bayerischen Bahnhofs in Leipzig. Unzählige Klingelschilder, unzählige Familiennamen. Die Menschen, die hier wohnen, haben wenig Verständnis für eine Entscheidung der kommunalen Wohnungsgesellschaft in Wien.

  • "Also das finde ich nicht in Ordnung, denn ich möchte, dass meine Post und meine Besucher wissen, in welcher Wohnung ich wohne.“

  • "Ich weiß nicht, ob das mit dem Datenschutz nicht zu weit geht. Was will man rauskriegen mit den Namen?“

  • "Datenschutz, dafür bin ich auch. Aber man muss auch Grenzen lassen, damit man im Alltag noch vernünftig leben kann.“

Interessen von Mieter und Vermieter berücksichtigen

Der Thüringer Datenschutzbeauftragte Hasse sieht das anders. "Das ist aus datenschutzrechtlicher Sicht eine Datenübermittlung an eine unbekannte Zahl von Dritten." Für diesen Grundrechtseingriff brauche es eine Einwilligung des Mieters. Das Büro des sächsischen Datenschutzbeauftragten, Schurig, teilt auf Anfrage schriftlich mit: Stimmt, aber auch berechtigte Interessen des Vermieters seien mit einzubeziehen. Die macht Jörg Keim geltend, der Vorstandsvorsitzende der Wohnungsbau-Genossenschaft "Kontakt". Die ist verantwortlich für über 30.000 Mieterinnen und Mieter in Leipzig, Böhlen und Zwenkau.

"Nehmen wir die Simon-Bolivar-Straße 90 in Mockau: Ein 16-Geschosser mit über 130 Wohnungen. Sie können dort keinen mehr zuordnen. Sie wissen nicht, wo wohnt der, wer ist es. Das heißt, Sie können weder einen Reparaturauftrag ausführen lassen. Bis hin auch zum Ablesen von Betriebskosten vom Wasserzähler beziehungsweise in Notfällen der Notdienst, der Sie nicht erreichten kann."

Warum es noch schwierig wäre

Auch der Vorstand des Verbands Sächsischer Wohnungsgenossenschaften, Axel Viehweger, kritisiert die Wiener Entscheidung, und zwar aufs Schärfste. Er teilt auf Anfrage von MDR AKTUELL schriftlich mit:

Das ist krank! Sollen wir Menschen noch mehr zu Nummern werden? Für unser Zusammenleben ist eine gute Nachbarschaft enorm wichtig. Und Nachbarn sind Frau Müller und Familie Schulze, nicht 314 und 835.

Axel Viehweger | Verband Sächsischer Wohnungsgenossenschaften

Jörg Keim von der Leipziger Wohnungsbaugenossenschaft "Kontakt" hofft, dass es in seinen Objekten nie zu so einer Klage kommt. "Wenn es so wäre, dass jemand dagegen klagt, dass in einem gesamten Haus die Namensschilder entfernt werden müssen, ist das natürlich mit einem enormen Aufwand verbunden. Wir als Genossenschaft besitzen über 15.000 Wohnungen, das ist auch ein materieller Aufwand."

Mieterbund: Thema spielte bisher keine Rolle

Wenn ein einzelner Mieter partout nicht mehr auf dem Klingelschild stehen möchte, ließe sich bestimmt eine Lösung finden, sagt Keim. Bislang habe aber noch nie jemand datenschutzrechtliche Bedenken über sein Klingelschild geäußert. Diesen Eindruck bestätigt auch der Leipziger Mieterbund: Man könne zu der Sache nichts sagen, heißt es dort, denn in den Beratungen von Mietern habe das noch nie eine Rolle gespielt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 17. Oktober 2018 | 08:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Oktober 2018, 10:27 Uhr

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13 Kommentare

18.10.2018 14:12 pedro 13

Hallo,
Ich würde es haben wollen, dass aus Sicherheitsgründen die Namen der Bewohner nicht mehr an der Klingel, Briefkasten und Wohnungstür stehen.
Stattdessen nur noch die Nummer dieser Wohnungseinheit.
Die Bewohner müßten dann diese Nummer natürlich stets angeben.
Ein Zusteller würde den Briefkasten, die Klingel und die Wohnung schneller finden.
Stellen Sie sich vor in einem Plattenbau mit 150 Bewohnern gibt es 10 Schulze und 12 Müller.
Oder ein Bewohner wurde von einer zwielichtigen Gestalt aus der Unterwelt bedroht.
Diese Gestalt weiß ungefähr, wo er nach diesem Bewohner suchen muss.
Der Bewohner kann dann nur noch hoffen, dass der Suchende ein Analphabet ist.
Oder im o.g Plattenbau kommt es zu einem Polizeieinsatz nach einem Müller, der jedoch dort 12 mal wohnt.
Dann wird die falsche Wohnung gestürmt oder von einem Gerichtsvollzieher versehentlich falsch zwangsgeräumt.
Mit einer einzigartigen Nummer pro Wohnungseinheit dürfte das nicht mehr passieren.

18.10.2018 08:38 Gewöhnungssache 12

Ich schließe mich dem Nr.9 an (sein Name ist mir übrigens ganz egal). Für die Postzustellung und Notfalldienste werden keine Probleme auftreten. Kenne ich selber aus Russland - dort gab es nie Namen an Briefkästen und Klingeln. Ich zweifele auch, dass die unendlichen Klingelschilder an 16-geschossigen Häusern zu einer friedlichen Nachbarschaft beitragen. Das ist eher etwas für Nörgler, die sich ständig über Nachbarn beschweren und diese dann Namentlich bei Vermietern anzeigen.

18.10.2018 07:39 Jenaer 11

Mag sein, das dies in Österreich seit langem erprobte Praxis ist, gemeinschaftsförderlich ist dies aber nicht. In den früheren Stasi-Gefängnissen wurden die politisch Gefangenen nicht mit ihrem Namen, sondern immer mit "ihrer Nummer" angesprochen. So wollte man ihnen auch noch das letzte bisschen Menschenwürde nehmen. Ich persönlich freue mich, wenn ich die nette Verkäuferin im Supermarkt mit ihrem (auf einem kleinen Schild lesbaren) Namen ansprechen kann.

18.10.2018 06:03 Sr.Raul 10

1777, dass ist freilich zu pflegende Tradition, hat sich über Jahrhunderte bei Euch so etabliert und ist nicht einem spinnerten Verfolgungswahn, "Huch, da könnte einer meinen Namen lesen.", geschuldet. Kam gestern, MDR-Brisant, dazu auch ein Beitrag. Mitarbeiter der Post, Feuerwehr und Rettungsdienst lehnen es samt und sonders ab. Herzliche Grüße nach Wien und Glück auf für den SK Rapid!

17.10.2018 21:08 Stefan Dworak 9

Servas,

bei uns in Österreich, besonders in Wien gibt es kaum Namen an den Klingeln (hier übrigens "Glocke" genannt). zB. Kirchengasse 19/1/16 in 1160 Wien
Die Zahlen stehen für Hausnummer/Stiegennummer/Türnummer oder auch Wohnungsnummer genannt, (ach ja: Stiege heißt Treppenhaus). Und bevor dieser Beitrag noch zum Österreichisch-Sprachkurs wird, komme ich jetzt zu Punkt: Hier haben wir das schon seit 1777 Türnummern und es funktioniert prima: die Post kommt an, Freunde finden meine Wohnung und auch die Feuerwehr kennt sich aus.

Hawidere
Stefan

17.10.2018 19:03 Anke Heinrich 8

Das wird in der Realität nicht funktionieren. Jeder Empfänger von Briefen/Bescheiden müsste die Ämter usw. über die "Postfachnummern" informieren. Die Post kann nur zustellen, wenn die Namen am Briefkasten stehen. Es gibt ein Postgesetz. Woher soll der Zusteller wissen, wem das Postfach gehört? Was ist wenn der Mieter ausgezogen ist?

17.10.2018 16:14 Klaus Pfister 7

Wenn schon denn schon enfernt meinen Namen vom Finanzamt und Steuerzahler Listen!
Ich fordere ab sofort 100 Prozentige Anonymitaet und 100 Prozentiges Datenschutzrecht!

17.10.2018 16:01 wwdd 6

Wichtig ist nicht, was der Verband der Wohnungsgesellschaften davon hält, sondern was das Gesetz dazu sagt. Ich finde es gut, wenn nicht jeder Dahergelaufene meinen Wohnsitz kennt.

17.10.2018 15:09 Fragender Rentner 5

Bei t-online habe ich vorhin gesehen, dass es auch in Österreich zu dem Tollen Ergebis kommt.

Ist ja auch ein "sehr guter EU-Beschluß" !!! :-(((

Überall wo man heute hinkommt muß man einen Zettel wegen dem Datenschutz unterschreiben !!! :-(((

Letztens beim Zahnarzt, gestern bei einer Schadensaufnahme und beim Gutachter, heute im KH, es ist zum K... !!! :-(((

17.10.2018 14:17 Sr.Raul 4

Nur sind wir hier nicht in Spanien und erst recht nicht in der geilen Stadt Barcelona. Ich kenne in Prag auch das Anwesen von Jaromir Jagr und da ist, aus nachvollziehbaren Gründen, auch kein Namenschild angebracht. Das sind jedoch Ausnahmen und dabei sollte es auch bleiben. Man muss nicht jeder Spinnerei hinterher Hecheln.