Eine Frau spritzt sich in den Arm.
Immer mehr Menschen in Deutschland sind an einer Diabetes erkrankt. Bildrechte: Colourbox

Offener Brief an Kanzlerin Tausende Ärzte warnen Merkel vor Diabetes-Epidemie

Deutschland droht eine Diabetes-Epidemie, begründet durch das Leben in einer ungesunden Umwelt. Zu dieser Einschätzung kommen deutsche Ärzte, Krankenkassen, Fachverbände und Verbraucherschützer. In einem offenen Brief an die Kanzlerin fordern sie staatliche Eingriffe in die Ernährungsindustrie.

Eine Frau spritzt sich in den Arm.
Immer mehr Menschen in Deutschland sind an einer Diabetes erkrankt. Bildrechte: Colourbox

Ein Bündnis aus 15 Ärzteverbänden, Krankenkassen und Fachorganisationen sowie der bekannte "TV-Arzt"-Eckart von Hirschhausen fordern in einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel konkrete Maßnahmen gegen Fehlernährung.

Tausende Ärzte aus ganz Deutschland haben sich dem Aufruf mit ihrer Unterschrift angeschlossen und fordern Unterstützung im Kampf gegen Übergewicht, Adipositas und damit zusammenhängenden chronischen Krankheiten. Der Brief soll am Mittwoch der Bundesregierung vorgestellt werden.

Forderung: Zuckersteuer, Werbeverbote und Aufklärung

Hungriger Mann mit Fastfood
Weil Fast Food leider gut schmeckt, reicht den Unterzeichnern die Eigenverantwortung nicht. Bildrechte: Colourbox.de

In dem offenen Brief heißt es, es sei höchste Zeit, dass die zuständigen Minister "ernst machen" mit der Prävention von Fettleibigkeit, Diabetes und Co. Gesundheit sei ein Mix aus Eigenverantwortung, Aufklärung und gesellschaftlichen Regeln. Deshalb brauche es etwa eine wirksame Zuckersteuer, konsequente Werbeverbote sowie eine sinnliche und humorvolle Vermittlung von Gesundheitskompetenz an Schulen.

Die vier Kernforderungen zitiert die "Ärztezeitung"

  • Deutschland solle eine Nährwertampel einführen.
  • Es sollen verbindliche Standards für Schul- und Kitaverpflegung erlassen werden.
  • An Kinder gerichtete Werbung für Lebensmittel soll beschränkt werden.
  • Es müssen Anreize für die Lebensmittelindustrie gesetzt werden, gesündere Rezepturen zu entwickeln.

Zudem sollen Einnahmen aus den Sondersteuern eins zu eins in die Prävention chronischer Krankheiten fließen.

Mehr als die Hälfte der Erwachsenen übergewichtig

Einer Studie des Robert-Koch-Instituts zufolge gelten 15,4 Prozent der Kinder und Jugendlichen von drei bis 17 Jahren als übergewichtig oder adipös, 5,9 Prozent aller untersuchten Kinder als definitiv adipös. Bei den Erwachsenen gelten 67 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen als übergewichtig oder adipös.

Den Autoren des Briefes zufolge kosten Diabetes und Adipositas in Deutschland jährlich knapp 100 Milliarden Euro.

Bislang keine staatlichen Eingriffe

In Deutschland wird seit Jahren um staatliche Eingriffe gegen Fehlernährung, etwa Fastfood und Softdrinks gerungen. Deutschland hat, anders als andere europäische Länder, aktuell keine nationale Diabetes-Strategie. Die bisherigen Gesundheitsminister hatten staatliche Konsumsteuerung abgelehnt und auf freiwillige Vereinbarungen mit der Industrie gesetzt.

Die Unterzeichner und Unterstützer

  • Die Deutsche Diabetes-Gesellschaft
  • Der Berufsverband Kinder- und Jugendärzte
  • Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft
  • Die Verbraucherorganisation "foodwatch"
  • verschiedene Krankenkassen, darunter AOK und TK
  • "TV-Arzt" Dr. Eckart von Hirschhausen
  • Die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten
  • Die Bundeszahnärztekammer
  • Der Verband der Diabetes-Beratungs- und Schulungshilfe in Deutschland
  • Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin
  • Die Deutsche Herzstiftung
  • Die Diakonie Deutschland
  • Die Deutsche Gesellschaft für innere Medizin
  • Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie, Herz- und Kreislaufforschung
  • Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland
  • einzelne (Fach)ärzte

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 02. Mai 2018 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Mai 2018, 14:05 Uhr

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37 Kommentare

03.05.2018 21:02 Sabrina 37

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,

verlangen Sie von diesen Ärzten und Organisationen, den wissenschaftlichen Beleg, dass Medikamente als Ursache für den Diabetisanstieg ausgeschlossen sind
-
also kontrollierte Studien zwischen Personengruppen, die Medikamente einnehmen und solchen, die diese nicht einnehmen.

Übrigens bedeutet erhöhter Zuckerspiegel keine Diabetes, solange die Insulinspiegel normal sind.

03.05.2018 20:58 Sabrina 36

02.05.2018 12:36 Atze

Zu DDR-Zeiten hat Bratwurst sehr gut geschmeckt. Wir sind trotzdem nicht fetter gewesen.

03.05.2018 14:59 Wolpertinger 35

Wird eigentlich bei alkoholischen Getränken auf das Abhängigkeitspotential hingewiesen ?
War ´ne rhetorische Frage.

03.05.2018 13:48 part 34

Die Lobbyisten der Lebensmittelindustrie haben die Politik fest im Griff. Alle Versuche eine Ampelkennzeichnung auf Lebensmittelverpackungen zu etablieren sind kläglich gescheitet. Zu viel Zucker, Fette oder Salz oder gefährliche unnatürliche Süsstoffe erzeugen designte Produkte die schnell abhängig machen und das Belohnungszentrum im Gehirn ansprechen aber mit eigentlichen Lebensmittel immer weniger zu haben. Mehr Druck auf Politik und Hersteller wäre also nötig um die Panscherei zu reduzieren.

03.05.2018 12:35 Kaffeesachse 33

Man sieht es ja, wenn man in einen Supermarkt reingeht. Nach unverarbeiteten Lebensmitteln wie Hülsenfrüchte, Grieß usw. sucht man sich tot. Naturjoghurt, Quark usw findet man fast kaum zwischen immer mehr werdenden zusammengemischten Milchprodukten. Das Erste, was einen ins Auge springt und immer unübersichtlicher wird, sind industriell verarbeitete Lebensmittel und Fertigprodukte. Als ich mal eine Verkäuferin darauf ansprach, antwortete sie mir verständnislos: Die Kunden wollen das so.

03.05.2018 11:37 Ureinwohner 32

Forderung: Zuckersteuer. Da müsste man sicherlich nicht lange betteln. Aber nicht zu unterschätzen sind die Lobby der Zuckerindustrie und die Bauernverbände.

03.05.2018 05:51 Spottdrossel 31

Also Preise rauf für Lebensmittel wie in der Inflation nach dem 1. WK. Fettlebe für wenige Reiche, Hungersnot für die restlichen 99% der Menschen.

02.05.2018 23:42 wwdd 30

Ich zahle mittlerweile für so viele fremde Menschen, da übernehme ich doch glatt auch die Gesundheitskosten meiner Mitmenschen.

02.05.2018 21:37 pkeszler 29

@Mutter: " "ein Lehrer macht sich öfter über sie lustig, weil es bei uns noch regelmäßig Mittagessen gibt und sie für die Pause noch ein Butterbrot und Obst oder Gemüse mitnehmen."
Der Lehrer ist wohl noch ziemlich jung und hat von einer gesunden Ernährung scheinbar gar nichts verstanden. Ich habe das im Unterricht ganz anders unterrichtet und einen speziellen Kurs zur gesunden Ernährung durchgeführt. Bei meinen Kindern wurden manchmal die Brote noch von anderen Kindern gegessen.

02.05.2018 21:03 Krause - "lieber nackt als rechtsextremistisch!" 28

@ 27:
Es gibt sicherlich auch 'unreife' Lehrer - irgendwo müssen auch die reifen.

Ich bin zwar selbst schon Großvater, nehme aber trotzdem fast täglich meine 'Stullen' mit:
nicht, weil es 'gesünder' oder 'günstiger' ist (das nimmt man so als Nebeneffekt mit), sondern aus dem Hauptgrund, weil es mir schmeckt! Außerdem kann man dann selbst bestimmen, wieviel Zucker man zu sich nehmen möchte.

Wenn Deine Söhne ihre Butterbrote nicht mögen würden, würden sie sie auch nicht mitnehmen.
Auf 'unreife' Menschen trifft man tagtäglich - das muß man als 'Toleranz-Training' ansehen, weil sich das nicht ändern wird.

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