Eine rote Ampel
Ab ins Auto und erst einmal eine halbe Stunde zur Arbeit fahren? Für viele Deutsche ist das Realität. Bildrechte: imago/Future Image

Langer Arbeitsweg Pendeln macht unglücklich

Wie lange brauchen Sie eigentlich zur Arbeit? Zehn Minuten, 20 oder doch viel länger? Studien zeigen, dass Langstreckenpendler, die über 40 Minuten unterwegs sind, unglücklicher sind. Das bestätigt auch der aktuelle Glücksatlas, eine jährliche Studie der Deutschen Post. Doch warum leiden wir so unter dem Pendeln und was kann man dagegen tun?

von Linda Schildbach, MDR AKTUELL

Eine rote Ampel
Ab ins Auto und erst einmal eine halbe Stunde zur Arbeit fahren? Für viele Deutsche ist das Realität. Bildrechte: imago/Future Image

Eine halbe Stunde benötigt Hannes Zacher täglich zur Arbeit. Unglücklich macht es den Leipziger Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie aber nicht, denn er ist zu Fuß unterwegs.

Pendeln werde zur Belastung, wenn man selbst nicht aktiv werden könne, sagt Zacher. Und: "Es ist natürlich einmal die Investition von Zeit, die eine Rolle spielt. Auf der anderen Seite ist Pendeln mit vielen Stressoren verbunden, also beispielsweise Zugverspätung, Staus, dass man seine Kinder nicht zur der Zeit abholen kann, zu der man sie abholen wollte und sich verspätet."

Besonders unzufrieden: Langstrecken-Pendler

Diese Abhängigkeit und Unkontrollierbarkeit führt zu Stress. Und der Druck ist umso höher, wenn der Arbeitgeber unflexibel ist und auf einem festen Arbeitsbeginn besteht.

Besonders unzufrieden sind die Pendler, die im Schnitt länger als 40 Minuten zur Arbeit brauchen. Das zeigen auch Ergebnisse des aktuellen Glücksatlas – einer Studie, die von dem Wissenschaftler und Ökonomen Max Höfer betreut wurde: "54 Prozent sagen, dass sich das echt negativ auf ihre Lebensqualität auswirkt. Und die Pendelzeiten werden auch immer länger, weil das Verkehrsaufkommen immer größer wird. Das heißt, das Problem wird größer und nicht kleiner."

Pendeln kann gesundheitliche Folgen haben

Dabei mache es für die Unzufriedenheit und das Stresslevel kaum einen Unterschied, ob die lange Strecke mit der Bahn oder dem Auto zurückgelegt wird, darin sind sich die Forscher einig.

Pendler eilen im morgendlichen Berufsverkehr
Viele Menschen in Deutschland erreichen ihre Arbeitsstelle mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Bildrechte: imago/Ralph Peters

Mit schweren Folgen für die Gesundheit, erklärt Hannes Zacher von der Universität Leipzig: "Dass man beispielsweise eher Rückenprobleme hat, dass das Herz-Kreislauf-System einen Schaden nehmen kann. Psychische Konsequenzen sind dann tatsächlich die Wut, die entstehen kann, wenn der Zug sich verspätet oder auch die Nervosität, die man verspürt, wenn man einen wichtigen Termin früh morgens angesetzt hat."

Die negativen Auswirkungen durch das lange Pendeln sind groß. Max Höfer vom Glücksatlas findet deshalb, dass man den Arbeitsweg bei einem potenziellen Jobwechsel noch stärker berücksichtigen sollte: Wer bislang kurz unterwegs gewesen sei und nun einen neuen Job annehme, weil er dort 250 Euro mehr Gehalt bekomme, sollte es lieber lassen, weil das seine Glücksbilanz eben dadurch nicht wirklich verbessere, sagt Höfer.

Pendel-Zeit sinnvoll nutzen

Doch für die, die auf das lange Pendeln per Bahn oder Auto angewiesen sind, hat Hannes Zacher ein paar Tipps. Zum Beispiel sollte man genau schauen, ob man nicht eine Teilstrecke zu Fuß oder per Fahrrad zurücklegen kann. Eine andere Idee: Sich Tätigkeiten zu überlegen, die man beim Pendeln machen könne, "die Sie irgendwie weiterbringen oder die sie ablenken".

Beim Autofahren ist das natürlich schwierig, aber sie könnten Musik oder ein Hörbuch hören. Beim öffentlichen Nahverkehr könnte man sich Arbeitsaufgaben mitnehmen oder eine neue Sprache lernen.

Hannes Zacher | Professor für Arbeits und Organisationspsychologie

Allerdings  sieht Hannes Zacher auch die Arbeitgeber in der Pflicht, Rücksicht zu nehmen. Wichtige Meetings sollten nicht früh morgens oder spät abends stattfinden. Und enorm entlastet würden die Pendler durch flexible Arbeitszeiten. So ließe sich eine Verspätung der Bahn oder ein Stau entspannter abwarten.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 15. Oktober 2018 | 06:11 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Oktober 2018, 08:00 Uhr

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5 Kommentare

15.10.2018 20:26 Exil Meißner 5

Also ich fahre 34 km zur Arbeit und brauch ne halbe Stunde dafür, weil ich einmal die Landstraße, dann die A3 und A9, und zuletzt wieder Landstraße benutze.
Wenn man frühmorgens rechtzeitig einplant, dann kann man entspannt Radio hören und in aller Ruhe zur Arbeit cruisen.
Problematisch wird es im Winter oder bei Staus. Aber zum Glück hab ich bis jetzt einen toleranten Arbeitgeber und Chef, der ebenfalls 70 km Arbeitsweg hat und das sehr gut nachvollziehen kann.

15.10.2018 12:56 Wo ist das Lobbyregister? 4

Das alles ist arbeitsmedizinisch seit JAHRZEHNTEN bekannt. Die sog. "SPD" und ihre Komplizen hat das 2004ff nicht daran gehindert, mehr "Arbeitnehmerflexibilität" zu fördern und zu fordern.

Die allseitigen Schlüsse daraus möge jeder selbst ziehen...

15.10.2018 11:53 Artep 3

Es ist eigentlich zum schreien: erst sind es die flexiblen Arbeitnehmer ,die so gewünscht werden. Dabei sind die besten,die die weite wege auf sich nehmen Dann sollen die jungen doch bitte da hingehen,wo es Arbeit gibt . Und hinterher gibt's Geschrei: Hilfe, unser Land veraltet, hilfe wir sind unglücklich weil wir täglich so lange pendeln müssen. Aber Hauptsache, die Wirtschaft wächst.

15.10.2018 11:27 Fragender Rentner 2

Ach deshalb bin ich so traurig über die Politik?

15.10.2018 07:44 optinator 1

Vor vielen Jahren bin ich selber auch noch gependelt, ca. 2,5 Stunden am Tag sind dafür drauf gegangen.
Derzeit fahre ich mit dem Rad 4 Minuten oder zu Fuß 8 Minuten in die Firma.
Ja, wenn ich in den alten Bundesländern arbeiten würde, wäre mein Lohn/Gehalt als Techniker doch etwas höher.
Aber dafür brauchen wir ein zweites Auto und der Faktor Zeit kommt noch dazu.
Ebenso steigt das Risiko, je länger man im Straßenverkehr teilnimmt, zu verunfallen.

Unterm Strich kommt es fast auf das Gleiche raus.
Einzig, die Rentenanteile wären größer.

Pendeln ist anstrengend, als Schichtarbeiter noch um vieles mehr. Das Einschlafen am Steuer nach der Nachtschicht ist sehr groß.