Junge Frau füttert 77 Jährigen, der mit Latz am Esstisch sitzt.
Viele Kinder und Ehepartner kümmern sich selbst um ihre Pflegebedürftigen Angehörigen. Bildrechte: IMAGO

Orientierungslos im Pflegedschungel Warum pflegende Angehörige Hilfen nicht wahrnehmen

Fast drei Viertel aller pflegebedürftigen Menschen in Deutschland werden zuhause versorgt – oft von ihren Ehepartnern oder Kindern. Die bekommen dafür staatliche Unterstützung. Allerdings: Die Gelder, die ihnen zustehen, nehmen viele nicht in Anspruch. So steht es in einer Studie des Zentrums für Qualität in der Pflege. Etwa 70 Prozent lassen den Entlastungsbetrag verfallen – eine monatliche Zahlung, mit der Betreuungskosten oder Haushaltshilfen finanziert werden können.

von Lydia Jakobi, MDR AKTUELL

Junge Frau füttert 77 Jährigen, der mit Latz am Esstisch sitzt.
Viele Kinder und Ehepartner kümmern sich selbst um ihre Pflegebedürftigen Angehörigen. Bildrechte: IMAGO

Angelika Hoffmann berät Demenzkranke und deren Angehörige. Sie leitet das Leipziger Beratungszentrum "Selbstbestimmt Leben" und stellt immer wieder fest, dass Pflegebedürftige und ihre Ehepartner oder Kinder nicht wissen, wo sie Hilfe bekommen und welche Gelder sie beantragen können. Die Ergebnisse der Studie des Zentrums für Qualität in der Pflege, kurz ZQP, überraschen sie deshalb kaum.

"Das ist ein alter Zopf. Wir wissen seit Jahren, dass das so wenig in Anspruch genommen wird", erklärt Hoffmann: "Weil zum einen die Menschen nicht richtig beraten worden sind, sondern sie sind einfach darüber informiert worden. Und Sie müssen davon ausgehen, dass die meisten hochbetagt sind. Die vergessen das ganz einfach wieder. Also die wissen nicht, dass diese Gelder von der Pflegekasse zur Verfügung stehen, um sich entlasten zu lassen."

Verloren im Pflegedschungel

Auch die Mitarbeiter der Volkssolidarität erleben häufig, dass die Betroffenen sich erschlagen fühlen von Pflegegeldern, Entlastungsbeträgen, Pflegehilfsmitteln und –sachleistungen, Angeboten wie Verhinderungs- oder Kurzzeitpflege – allesamt Leistungen, die alte und kranke Menschen, die zuhause umsorgt werden, in Anspruch nehmen können.

Wir sprechen da gerne auch von dem Pflegedschungel. Die Leute müssen erstmal Beratung erfahren, was gibt es überhaupt für Versorgungsformen und wie sind die Sachen zu finanzieren. Das ist sehr komplex.

Martin Gey, Sprecher der Leipziger Volkssolidarität

Es gebe natürlich Anlaufpunkte von den Pflegekassen und anderen Einrichtungen. Aber manchmal müsse man es noch etwas mehr auf den Punkt bringen, damit die Leute sich zurechtfänden, meint Gey.

Weniger Beratungsstellen auf dem Land

Mehr als 4.500 Beratungsstellen hat das Zentrum für Qualität in der Pflege in einer Datenbank gesammelt. Auf dem Land gebe es aber oft weniger Anlaufstellen als in der Stadt, erläutert Simon Eggert vom ZQP.

Mancherorts seien sie überlaufen, anderenorts gebe es sie kaum. Und dann sei noch ein Faktor, dass Angebote nicht in die Lebensrealität von Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen passen würden.

Wenn eine Familie die demenzkranke Großmutter etwa nur tagsüber betreuen lassen will, die Zeiten der Tagespflege aber nicht mit den Arbeitszeiten zusammenpassen. Für viele sei aber auch die eigene Scham eine Hürde, nach Hilfe zu fragen, sagt Janka Große, die auch beim Leipziger Verein "Selbstbestimmt leben" arbeitet.

Viele, die pflegen, wollen den Erkrankten aber auch nicht im Stich lassen, wenn sie dann das Haus verlassen, oder den irgendwo hingeben, damit sie mal Zeit zur Erholung haben. Die schämen sich, wenn fremde Helfer ins Haus kommen, für die Situation oder dafür, dass sie keine Kraft mehr haben.

Janka Große, "Selbstbestimmt leben"

Eine gute Beratung sei das A und O, meint Martin Gey von der Volkssolidarität. Er appelliert deshalb auch an die Pflegekassen, Informationen einfacher aufzubereiten.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 27. Februar 2018 | 06:08 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Februar 2018, 07:39 Uhr

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10 Kommentare

28.02.2018 13:50 Kritischer Bürger 10

@Brigitte Bührlen 8: Wenn häusliche Pflege ein Arbeitsplatzniveau haben soll und damit einmal sozialpflichtigt uz sein hat und zum Anderen ein Einkommen erbringt, wo es für die zu Pflegenden zum Einen teuer und zum Anderen werden damit unausgebildete Personen für zu pflegende Familienmitglieder als ArbK angesehen, was wiederum nicht mit dem Recht.- und der Gesetzestreue einher gehen kann. Das wiederum ist versicherungsmäßig (schuldhaftigkeit) nicht abgedeckt ist, wenn da bei der Pflege etwas schief geht. Kann also möglich werden das Mitmenschen, für die Pflege für eigenen Familienangehörige einen Nachweis der Fähigkeiten erbringen müssen in kommender Zukunft. Nur solange es zu wenige Pflegeplätze gibt wird diese schulische zu erwartenden Basis für die Pflege wohl nicht umsetzbar sein. Nur was nicht ist das kann noch werden!

28.02.2018 13:35 vivacus care GmbH 9

Sicher ist es nicht ganz einfach, sich durch die unterschiedlichen Gestze und Regelungen zu kämpfen. Aber es gibt ja auch professionelle Hilfe. Pflegekurse und individuelle haüsliche Schulungen sind Pflichtleistungen der Pflegekassen und können von Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen kostenlos in Anspruch genommen werden. Auch eine finanzielle Vorleistung beim Entlastungsbetrag ist in der Regel nicht nötig. Anerkannte Anbieter (Unternehmen und Einzelpersonen) der niedrigschwelligen Betreuungs- und Entlasungsleistung können direkt mit der jeweiligen Pflegekasse abrechnen.
Das wichtigste: Informationen einfordern, einholen und Hilfe auch annehmen.

27.02.2018 23:42 Brigitte Bührlen 8


Ist "pflegende/r Angehörige/r" eigentlich eine Berufsbezeichnung? Wie ist die rechtliche Definition bzw. : Gibt es eine Arbeitsplatzbeschreibung?
Ich finde es sehr erstaunlich, dass Politik und Pflegwirtschaft davon ausgehen, dass die Bevölkerung sich auch im 21. Jahrhundert immer weiter vor den Bismarck`schen familien-und generationesolidarischen Pflegekarren des 19. Jahrhunderts spannen lässt. In einer globalisierten , digitalisierten Welt, in einer Gesellschaft in der Frauen gut ausgebildet sind und von der Wirtschaft als Arbeitskraft benötigt werden kann man nicht mehr von "Vater-Mutter-Kind-Ehen mit Trauschein ausgehen in denen der Mann arbeitet und die Frau Kinder erzieht und pflegt. Das geht nicht mehr "so nebenher". Wie können wir nur immer weiter davon ausgehen, dass die häusliche Pflege neben allen Herausforderungen unentgeltlich geleistet werden kann?
Wie lange sollen brisante Fakten denn noch tabuisiert werden?

27.02.2018 17:15 Monika Ort 7

Der entlasstungsbetrag muss über eine Stelle laufen, es wäre sinnvoller diese 124.-auszubezahlen dann könnte man Nachbarn, Freunde... eine Kleinigkeit geben die auch eine bessere Verbindung zum pflegenden haben. Außerdem bleiben von dem Geld nur etwa die Hälfte weil der Rest für Büroarbeit drauf geht.

27.02.2018 16:23 Andrea 6

Selbst wenn man weiß, welche Entlastungsleistungen
wie Verhinderungspflege, Kurzzeitpflege, Entlastungs-
betrag 125 Euro und Umwandlung Sachleistungen
in Betreuungsleistung gibt und diese auch teilweise nutzt, der darf wegen seinen verauslagten Geldsummen bei der Pflegekassen hinterher rennen, weil diese mit der Rückerstattung teilweise
nicht hinterherkommen. Und man sich noch dumme Sprüche anhören muss, die Bearbeitungszeiten dauert eben so sehr lange. Ich
muss teilweise 6 bis 8 Wochen warten bis ich eine
Erstattung bekomme für Verhinderungspflege.
Ich habe ein Kind mit einer Mehrfachbehinderung.
Und für pflegende Angehörige werden nur unnötige
Steine in den Weg gelegt von den ganzen Pflegekassen. Die meisten haben durch die ganze Pflege keine Kraft für so etwas. Man brauch wirklich
sehr viel Durchsetzungskraft und Haare auf den Zähnen. Sich nicht alles gefallen lassen.

27.02.2018 15:41 Chris 5

warum wo, weil man unheimliche Nerven braucht bei der Pflegekasse es durch zusetzten, die warscheinlich nicht jeder hat, und dazu noch das zum größten teil es erstmals abgelehnt wird so das man erst wieder in Widerspruch gehen muß.
Dazu kommt jetzt noch wo man als Rentner lieber schon einen Sarg bestellen sollte bei dem Hass neuen
Gesundheitsm. der die Rentner sehr liebt ...........
Gröhe war schon eine zumudung aber der erst es kann einem Himmelangst werden demnächst.

27.02.2018 15:37 Yvonne Hösel 4

Es gibt auch Kinder die aufgrund ihrer Behinderung einen Pflege grad haben und für diese braucht es durchaus auch mal nicht nur Ersatz Betreuung sondern spezialisierte Betreuung die ist aber schon im Rahmen der Therapie verbraucht für Entlastung der Angehörigen ist dann leider nicht mehr Verfügung gegeben.

27.02.2018 10:58 Fragender Rentner 3

Man will so manches beantragen bei der Pflegekaase nur wird es zu oft gleich wieder abgelehnt !!! :-(((

Hatten selber die Erfahrung gemacht, sind in den Widerspruch gegangen und bis vors Sozialgericht.

Manchmal gab es einen Vergleich oder bekamen recht.

27.02.2018 10:28 Wo geht es hin? 2

Wir haben sogar mehrfach die Erfahrung machen müssen, dass die Pflegekassen (ob nun bewusst oder unbewusst sei dahingestellt), falsche Aussagen getroffen haben. Wenn man nicht jedes Detail haarklein hinterfragt, ist man auf verlorenem Posten. Teilweise ging es sogar soweit, dss wir unseren unstrittigen Rechtsanspruch sogar einklagen mussten. So sollen die Leute mürbe gemacht werden und bei einem Teil funktioniert das auch - leider! Ich verstehe einfach nicht, wie bei den Schwächsten der Gesellschaft so was versucht wird. Diese Leute gehören umgehend aus den Bearbeitungsbüros entfernt. Aber es ist eben auch ein Spiegelbild unserer Gesellschaft...HIER sieht man am eindrucksvollsten, WER wirklich was für die Menschen übrig hat, die sich selber nicht wehren können. Und eben auch, wer nicht!

27.02.2018 10:14 Kritischer Bürger 1

+....Pflegedschungel. ....+ Ist das FALSCHE WORT DAFÜR! Behördendschungel, Antragsschreiberei, das würde eher zu den Gegebenheiten passen. Was muss aber nun alles auf den Anträgen ausgefüllt werden? Die blanke " finanzielle Nacktmacherei" der pflegenden Familienangehörigen und so viele medizinische Gutachten, die niemand bezahlt! (außer wer wohl?) Gutachten alle 6 Monate bestenfalls erneuern usw. Sicherlich mit den Pflegebedürftigen dann auch noch zum Mediziner fahren oder wenn dieser kommt dann dies auch noch bezahlen! Sicher ist dies alles mit bedacht von den obrigen Verantwortlichen gemacht das es zwar Geld geben würde wenn... Nur das WENN ist hier in vielen Fällen extra groß zu schreiben. Daher werden viele Bürger wohl in den seltensten Fällen auf UNkenntnis der Möglichkeiten kein Geld beantragen sondern eher aus Schutz vor den ganzen Bürokratismus! Geht doch das Vorhaben der hohen Politiker auf! Geld wäre ja da doch wenn die Bürger ... usw. Eine Schande in diesem reichen Land!!!!