Pfleger in Krankenhaus
Ein Pfleger schiebt in einer Klinik ein Krankenbett. Bildrechte: dpa

Gesundheitssystem Immer mehr Pfleger flüchten in Leiharbeit

Immer mehr Krankenpfleger entscheiden sich für einen Wechsel in die Leiharbeit. Die Zeitarbeitsfirmen werben mit weniger Arbeitsstress bei gleichem Lohn. Das lassen sich viele nicht zweimal sagen.

von Annett Müller und Anja Neubert

Pfleger in Krankenhaus
Ein Pfleger schiebt in einer Klinik ein Krankenbett. Bildrechte: dpa

Nach fast 30 Jahren Festanstellung kündigte Krankenpfleger Uwe Goldbach seinen Arbeitsvertrag, um auf Leiharbeit umzusatteln. Ein mutiger Schritt. Der 52-Jährige ist mit seiner Entscheidung zufrieden. Er könne sich, sagt er MDR AKTUELL, bei seiner Zeitarbeitsfirma aussuchen, an welchen Wochentagen er arbeiten wolle. "Damit habe ich Planungssicherheit, die ich bei einer Festanstellung nicht hatte. Als Festangestellter musste ich ständig einspringen, als der Chef das forderte."

Wie viele Pfleger zur Zeitarbeit wechseln

Über hohe Arbeitsbelastung, die ein Privatleben oder Familienplanung fast unmöglich machen, klagt nicht nur Uwe Goldbach, sondern viele seiner Kollegen. Die Folge: Immer mehr Pflegekräfte flüchten in die flexible Leiharbeit. Laut Statistik der Bundesagentur für Arbeit stieg die Zahl der Leiharbeiter in der Branche von 2013 bis 2017 um knapp 27 Prozent. Arbeiteten im Juni 2013 bundesweit rund 22.600 Krankenpfleger, Altenpfleger, Helfer und Spezialisten als Zeitarbeitnehmer, waren es 2017 bereits rund 28.800. Auf die drei mitteldeutschen Länder fällt der Zuwachs in der Krankenpflege mit rund 70 Prozent noch deutlich stärker aus.

Zahlen in Altenpflege noch deutlicher

Im Bereich der Altenpflege fällt in Mitteldeutschland der Drang in die Leiharbeit noch deutlicher aus. Laut Statistik der Landesagentur für Arbeit Sachsen gab es in den Jahren 2013 bis 2017 bei jenen Pflegekräften, die sich über Zeitarbeitsfirmen vermitteln lassen, einen Zuwachs von über 100 Prozent.

Zeitfirmen versprechen gutes Gehalt

Pfleger Uwe Goldbach ist derzeit in Dresden Altenpfleger bei einem privaten Träger, er arbeitet wöchentlich 30 Stunden und verdient "etwas mehr pro Stunde als die Festangestellten." Viele Zeitarbeitsfirmen werben in ihren Anzeigen mit höheren Löhnen. Wie hoch sie tatsächlich ausfallen, will von den Zeitarbeitsfirmen keiner sagen. Neben guter Bezahlung versprechen die Firmen ihren Leiharbeitern, sie nicht mehr jener hohen Arbeitsbelastung auszusetzen, die sie zur Genüge kennen.

Der Chef des Bundesarbeitgeberverbandes der Personaldienstleister (BAP), Sebastian Lazay, sagte MDR AKTUELL: "Wir sehen uns auch ein wenig als Anwälte der Beschäftigten. Wenn die Pflegeeinrichtung Doppelschichten verlangt, sagen wir Nein." Denn wenn man keine glücklichen Mitarbeiter habe, dann seien sie weg, sagt Lazay.

Akuter Personalmangel in der Branche

Glückliche Mitarbeiter in der Pflegebranche? Das wünschten sich nicht nur die Pfleger selbst, sondern auch die Patienten. Doch seit Jahren leidet die Pflegebranche unter akutem Personalmangel. Zahlen gibt es unterschiedliche. Während der Arbeitgeberverband Pflege von 30.000 unbesetzten Stellen ausgeht, gibt es laut Gewerkschaft Verdi 70.000 offene Arbeitsplätze. Der Deutsche Pflegerat wiederum schätzt den akuten Mangel auf 100.000 Pflegekräfte, die allein in Krankenhäusern fehlen würden.

Die Arbeitsbelastung in den Krankenhäusern ist wegen des Personalmangels in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. Nach veröffentlichten Zahlen der Deutschen Stiftung Patientenschutz kamen im Jahr 1991 in Deutschland auf eine Pflegekraft noch rund 45 Patienten. 25 Jahre später – 2016 - hatte sich eine Pflegekraft bereits um 60 Patienten zu kümmern.

Ohne Leiharbeiter geht es nicht mehr

Fallen Kollegen durch Krankheit, Schwangerschaft oder Urlaub aus, müssen ihre Kollegen Überstunden leisten. Oder aber die Arbeitgeber fragen nach einer Pflegekraft bei einer Zeitarbeitsfirma an. In vielen Krankenhäusern sei die Not inzwischen so groß und die Stammbelegschaft so knapp ausgestattet, meint die Sprecherin des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe (DBfK), Johanna Knüppel, "dass sie bei kurzfristigen Personalausfällen gar nicht mehr anders können, als auf Leiharbeit zurückzugreifen, auch wenn sie viel Geld kostet." Das sei in der Gesamtrechnung dennoch billiger, als Betten oder Plätze unbelegt lassen zu müssen, so Knüppel.

Einfluss auf Dienstplan

Kaum zu Hause, klingelt wieder das Telefon, ob sie nicht noch eine Schicht dranhängen können. Über ein solches Szenario klagen viele Pflegekräfte. Von "miserablen Arbeitsbedingungen" spricht auch der Vorsitzende des Sächsischen Pflegerates, Michael Junge. Dass hier immer mehr Pfleger gerade in der Zeitarbeit einen Ausweg sähen, sei nur verständlich. Pflegekräfte könnten als Leiharbeiter ihren Dienstplan direkt beeinflussen, für Festangestellte sei das angesichts der "geringen Personaldecke" hingegen nicht möglich.

Leiharbeit als Zwischenstation

Pfleger Uwe Goldbach wird von seinen Kollegen in einem Dresdner Altenheim derzeit belächelt. Sie bedauern ihn, dass er als Leiharbeiter ständig von einem Krankenhaus zum nächsten hin- und hergeschoben werde. Goldbach sieht darin genau einen Vorteil. Wenn er mit den Kollegen oder dem Chef nicht zurechtkomme, müsse er "in der Einrichtung nicht bis an sein Lebensende bleiben.“

Die Möglichkeit als Leiharbeiter zu jobben, ist für Goldbach derzeit eine gute Alternative, doch bleibt sie für ihn nur eine Übergangslösung. Er will ganz aus der Pflegebranche aussteigen, auch wenn er seinen Beruf liebt. Er sucht einen Schreibtisch-Job, "denn das ständige Heben und Tragen, den Zeit- und Kostendruck sowie den Fachkräftemangel, den halte ich als Pfleger bis zur Rente nicht aus." 

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 25. März 2018 | 22:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. März 2018, 07:39 Uhr

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46 Kommentare

27.03.2018 06:06 Kritischer Bürger 46

..... wo diese Bürger keine Anstellung in Aussicht haben. Weiterhin ist es auch Auslegungssache, ob nun Überstunden als Doppelschicht angesehen werden wenn diese bis zu 7,5 h max. beinhalten oder nicht.

27.03.2018 06:04 Kritischer Bürger 45

EIN Bundesarbeitgeberverband (BAP) SOLL Anwalt der Beschäftigten SEIN? Ist das ein Druckfehler? Seit wann sind ArbG oder deren Verband (hier wohl im Kranken,- & Pflegedienst gemeint) für das Wohl, dem freundlichen Umfeld des ArbPl. für die Belegschaft. Als Leiharbeitsfirma könnte man es sich als Bürger ggf. denken, das da man ein wenig darauf achtet das die zu Vermittelnden entsprechende Arbeitsstunden erwarten und bei Doppelschichten etc. dann NEIN gesagt wird. Auf der anderen Seite jedoch kann ich mir vorstellen das die ArbG im Kranken,- & Pflegebereich solche Leiharbeitsfirmen zu ALLER LETZT kontaktieren, wenn diese ArbKr. vermittelt / bekommen wollen. Nun was bleibt also am Ende für den Bürger bei der Suche nach einer Arbeit? Nicht viel und selbst ich kann mir nicht vorstellen das eine Leihfirma ohne Vermittlung von ArbKr. in Fachbereichen aus eigener Tasche die Löhne solcher suchenden Mitbürger bezahlen für die Zeit wo diese Bürger keine Anstellung in Aussicht haben.........

27.03.2018 05:48 Kritischer Bürger 44

@Mediator 39: ...........KURZFRISTIGE PERSONALAUSFÄLLE. Wer nun noch davon spricht das eine Leiharbeitstätigkeit eine Chance für den 1.Arbeitsmarkt sein soll der möchte mal belegen wie oft aus einer solchen Tätigkeit eine Festanstellung auf den 1.Arbeitsmarkt wurde. Ich denke die Zahl deckt sich höchsten mit der Anzahl des hauptberuflichen Pflegepersonals, was aus Altersgründen die Arbeit aufgibt! Mehr wird nicht! Somit zu Fünftens und Letztes: +....Die Möglichkeit als Leiharbeiter zu jobben, ist für Goldbach derzeit eine gute Alternative, doch bleibt sie für ihn nur eine Übergangslösung....+ & Gegensätzlich dazu: +...Goldbach sieht darin genau einen Vorteil. Wenn er mit den Kollegen oder dem Chef nicht zurechtkomme, müsse er "in der Einrichtung nicht bis an sein Lebensende bleiben.“ ...+Somit wird die Chance hier als ggf. Fachkraft oder im schlechteren Fall als Hilfskraft auf den 1.Arbeitsmarkt "Fuss zu fassen" schon von vornherein abgelehnt! Was ist also nun noch vom Vorteil? NICHTS!

27.03.2018 05:39 Kritischer Bürger 43

@Mediator 39: +...All das sind Probleme die sich aus dem Personalmangel ergeben...+ Personalmangel ergibt sich aus den betreffenden Auswahlkriterien. Das mal zu Ersten. Hilfskräfte,die KEINEN berufstypischen Abschluss=Fachkraft=haben muss man als ArbG nicht einstellen ! Das zum Zweiten. Zum Dritten: +...Fallen Kollegen durch Krankheit, Schwangerschaft oder Urlaub aus, müssen ihre Kollegen Überstunden leisten. Oder aber die Arbeitgeber fragen nach einer Pflegekraft bei einer Zeitarbeitsfirma an. ...+ WARUM NOCH? Dazu muss man den Hintergrund erfragen! Stammpersonal kann nicht so einfach gekündigt werden. Demnach wird da der Personalschlüssel aus (FEST)Kostengründen so knapp wie möglich gehalten. Zum Vierten: +...Johanna Knüppel, "dass sie bei kurzfristigen Personalausfällen gar nicht mehr anders können, als auf Leiharbeit zurückzugreifen, auch wenn sie viel Geld kostet." ...+ auch vor den Hintergrund zu sehen KURZFRISTIGE PERSONALAUSFÄLLE. ..............

26.03.2018 23:35 Mediator an ralf meier(41) 42

Wenn der Pflegedienst knapp bei Kasse ist, dann ist es doch umso ärgerlicher, wenn er aus mangel an qualifiziertem examinierten Personal auch solche Kräfte behalten muss, die erwiesenermaßen unpassend sind?

Was glauben sie denn, wie Herr Schäuble die schwarze null und die damit aktuell verbundenen Handlungsspielräume erreicht hat? Sicher nicht indem er allen Begehrlichkeiten nachgegeben hat.

Persönlich habe ich etwas gegen erpresserische Argumentationen im Stil von: <Kriegt der Flüchtling einen € dann will ich selber mindestens 10 € mehr kriegen sonst geh ich auf die Barrikaden>

Der Staat hat übrigens im neuen Haushalt kräftig Mittel für die Bürger zusätzlich eingeplant. Die Spielräume des Staates werden dadurch spätestens in 2 Jahren wieder enger werden.

26.03.2018 20:49 ralf meier 41

@Mediator Nr 3: Hallo Mediator, zum Thema 'dumme, unfähige und unwillige Kräfte' verweise ich auf @Max W. . Nr 32.

Zum Stichwort 'examinierte Kräfte' : Auch der von mir ausgewählte renomierte kirchliche Pflegedienst beschäftigt in der ambulanten Pflege vor Ort kaum examinierte Fachkräfte. Der Leiter dieses Dienstes sagte mir ganz offen, daß könne man sich im 'Alltagsgeschäft' finanziell nicht leisten. Laut Auskunft von Pflegekräften scheitert es sogar am Geld für regelmäßige interne Weiterbildungsmaßnahmen. Im Ergebnis muß z.B. für das Anlegen eines Pflasters zusätzlich eine Spezialkraft kommen.

Können Sie sich vorstellen, daß manch einer die Zähne zusammenbeißt, wenn ein Herr Schäuble, der uns jahrelang die schwarze Null vor gepredigt hat, am Donnerstag dem 20. Oktober 2016 im Bundestag verkündete: 'Am Geld wird die Integration nicht scheitern'

26.03.2018 20:08 Nelly 40

@ 39: Hallo "Herr Tetzlaff" (Diese Bezeichnung für Sie von 22 passt auf Sie wie die Faust auf das Auge) Sie stänkern ohne jede Sachkompetenz lustig weiter. Wenn ich mir dazu noch Ihr fehlerhaftes Deutsch verinnerliche, habe ich erhebliche Zweifel an Ihrer Fähigkeit , alle Foristen immerzu zu belehren. Thema ist egal, Sie sind "Prof. Allwissend." Wer sich so benimmt wie Sie, hat was? Ein übersteigerdes Geltungsbedürfnis. Warum? Im eigenen Leben kläglich versagt?

26.03.2018 18:30 Mediator an ralf meier(31) 39

Lieber Ralf,

ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie mich nur kritisieren, weil es um meine Person geht.

Ich habe als Auswirkung für den Personalmangel in der Pflege folgendes ausgeführt:
"Man muss auch die dummen, unfähigen und unwilligen Kräfte behalten, weil man keine anderen kriegt."

Wo lesen sie denn da bitte eine Diffamierung gegenüber alle Pflegekkräften heraus? Es gibt aber durchaus Pflegekräfte, die möchte man nicht als Arbeitnehmer, Kollegen oder Pfleger haben.

Durch persönlichen Kontakt zu Pflegedienstleitungen kenne ich Fälle, in denen man Personal behält, dass schon das dritte Auto geschrottet hat oder das sich schlicht nicht an Anweisungen hält. Teilweise bezahlt man Personal nach dem Berufsabschluss als examinierte Fachkraft, kann aber diesen Personen nur die Hilfstätigkeiten anvertrauen, wenn man nicht das Leben seiner Patienten riskieren will. All das sind Probleme die sich aus dem Personalmangel ergeben.


26.03.2018 16:35 Nelly 38

Nun man kann den Wechsel in die Leiharbeit als Flucht bezeichnen. Bei Lichte betrachtet folgen die Mitarbeiter aber eher wirtschaftlichen Zwängen, die eigene Existenz betreffend. Damit legen sie zugleich schonungslos offen, wie krank und dringend reformierungsbedürftig dieses Konstrukt Pflege ist. Meine eigene Mutter war ein Pflegefall, ich kenne also die Befindlichkeiten.

26.03.2018 16:14 Pfingstrose 37

Ich habe selbst viele Jahre als Krankenschwester und ex. Altenpflegerin im Krankenhaus und Pflegeheim gearbeitet. ALs Mitarbeiter steht man nur unter Zeitdruck und Stress. Die Zeiten bekommt man vorgegeben wie lange man sich mit einen Patienten beschäftigen oder unterhalten darf. Allein schon die Körperpflege bei nicht mehr mobilen Menschen darf bloß ca. 12 Minuten dauern. Alles im Schnelldurchlauf. Da ist ein Wechsel, ja auch nicht besser, auch wenn es versprochen wird. Mit Speck fängt man Mäuse. Und diese Leiharbeitsunternehmen achten weder auf Arbeitschutz, Zeitarbeitsgesetz noch auf vieles mehr wie Gesundheit, denen geht es nur um Masse und Gewinn aber nicht um die Menschen weder um den AN nocht um den Patienten. Diese Leihbuden sind gewinnorientiert bis ins Knochenmark. Wer in der Gewerkschaft ist soll seine Rechte einklagen und darum kämpfen anstatt seine Firma zu wechseln. Ohne Kampf kein Sieg!! Und wer daran glaubt an einen Wechsel soll es machen.