Schüler waehrend einer Unterrichtsstunde.
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat sich genauer angesehen, wer auf eine Privatschule geht. Bildrechte: imago/photothek

Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Ost-Akademiker wählen immer häufiger Privatschulen für ihre Kinder

Privatschule klingt in den Ohren vieler Menschen elitär. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat sich nun genauer angesehen, wer da eigentlich hingeht. Inzwischen besucht jedes zehnte Kind in Deutschland eine Privatschule. Was die Forscher aber vor allem verblüffte: Ganz besonders in Ostdeutschland sind es die Eliten, die ihre Kinder privat beschulen lassen.

von Ralf Geißler, MDR AKTUELL

Schüler waehrend einer Unterrichtsstunde.
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat sich genauer angesehen, wer auf eine Privatschule geht. Bildrechte: imago/photothek

Vor dem Evangelischen Schulzentrum Leipzig ist morgens viel los. Rund 1.000 Schüler strömen in die Gebäude. Wer hier lernt, muss in der Regel bezahlen: monatlich 110 Euro. Trotzdem hat die Schule in kirchlicher Trägerschaft mehr Anmeldungen als freie Plätze.

Privatschulen im Osten haben einen Boom erlebt, sagt Katharina Spieß vom DIW, dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung: "Insgesamt ist es so, dass Ostdeutschland jetzt sogar einen leicht höheren Anteil von Privatschülern hat an allen Schülern als Westdeutschland. In Ostdeutschland haben wir tatsächlich eine Privatschulnutzung, die bei zehn Prozent ist, während sie in Westdeutschland etwas geringer ist."

Ost vor West

Vor allem ostdeutsche Akademiker schicken ihre Kinder vermehrt auf Privatschulen. Dazu ein paar Zahlen des DIW: Grundsätzlich stellen Akademiker-Kinder an öffentlichen Schulen etwa zwölf Prozent aller Schüler. An den Privatschulen im Osten ist ihr Anteil viel höher, nämlich bei 35 Prozent, an den Privatschulen im Westen sind es 21 Prozent Akademiker-Kinder.

Noch deutlicher sind die Unterschiede beim Einkommen. Hier gilt: Je mehr eine Familie verdient, desto häufiger wird die Privatschule gewählt. Auch hier ist das Phänomen im Osten viel ausgeprägter als im Westen.

Katharina Spieß sagt: "Es ist nicht unproblematisch, weil wir eben Kinder in unterschiedlichen Lernumwelten beschulen. Und wenn wir als Gesellschaft sagen, wir wollen eigentlich ein Schulsystem, in dem die Kinder aus unterschiedlichen sozioökonomischen Gruppen gemeinsam beschult werden, dann ist dieser Trend tatsächlich bedenkenswert."

Woher kommt der Trend, gerade im Osten?

Manja Bürger ist Geschäftsführerin des Verbandes Deutscher Privatschulen in Sachsen und Thüringen. Sie sagt, viele Private seien eingesprungen, wo der Staat Schulen schließen ließ. Das erklärt allerdings nicht den hohen Anteil von Kindern aus wohlhabenden oder Akademikerfamilien in den privaten Einrichtungen.

Manja Bürger erklärt: "Also ich glaube, es gibt viele individuelle Entscheidungen der Eltern, warum sie ihre Kinder auf so eine Schule schicken. Natürlich sind Akademikereltern bildungsnahe Eltern, die sicherlich entscheiden vom Schulweg, vom Erziehungsstil, Hobbys, Interessen, Nachmittagsbetreuung. All diese Wege führen dann gegebenenfalls auch in unsere Schulen."

Sonderungsverbot und fehlende Ermahnung

Grundsätzlich muss eine Privatschule auch Kinder aufnehmen, deren Eltern sich das Schulgeld nicht leisten können. Das Bundesverwaltungsgericht spricht vom Sonderungsverbot. Sozial Schwachen steht ein Nachlass zu. Wie häufig dieser in Ostdeutschland eingefordert und auch gewährt wird, ist aber unklar.

Thüringen schaut inzwischen genauer hin, sagt Bildungsstaatssekretärin Gabi Ohler: "Uns werden die Verträge vorgelegt. Das wird sich dann angeschaut. Es wird sich auch angeschaut, ob es eine soziale Staffelung gibt in den Schulen. Und dann wird entschieden werden müssen, ob an den freien Träger heranzutreten ist, um zu sagen, dass er seine Schulgeldgestaltung verändern muss."

Vorgekommen ist so eine Ermahnung aber noch nie. Man sei mit der Datenauswertung noch nicht so weit, sagt Ohler. Die Forscher vom DIW empfehlen drei Dinge: Privatschulen noch mehr öffnen, das Schulgeld noch deutlicher staffeln und vor allem die staatlichen Schulen verbessern. Genau diesen Weg gehe man, heißt es in Thüringen. Man habe gerade so viele Lehrer eingestellt wie nie zuvor.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 14. Februar 2019 | 06:17 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Februar 2019, 06:17 Uhr

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46 Kommentare

14.02.2019 21:38 Benutzer 46

tja da scheint das Bildungsniveau doch nicht so gut zu sein wie uns die Politik (und damit auch die Medien) versichern will

14.02.2019 20:37 Dr. Peter Müller an Hans Frieder Leistner #36 45

Natürlich war und ist der Osten benachteiligt. Er hatte schließlich 2 De-Industrialisierungen auszuhalten, von denen jeweils der Westen profitiert hat. Aber wo genau habe ich lamentiert? Halluzinationen? Und wo soll ein Zusammenhang sein, zwischen diesen Benachteiligungen und dem besseren Bildungswesen? Ein Bildungswesen, daß derart auf Selektierung ausgerichtet ist, kann nun mal nicht besser sein, da viele viel zu früh durchs Netz fallen. Im Osten hat man übrigens auch verstehendes Lesen gelernt und hätte meinen letzten Satz kaum derart falsch interpretiert.

14.02.2019 20:26 Dr. Peter Müller an Wolpertinger #30 44

Bitte informieren sie sich über den Unterschied zwischen statistischem Mittel und Einzelfall (Mathematik ab 5. Klasse). Dann können Sie auch die Kommentare einordnen.

14.02.2019 20:17 Mentor an Werner #38 43

Ich kenne diese Doku gut. Sie war eine Weile auf Youtube auf einem Privatkanal. Sie ist dann leider gelöscht worden. Ich fürchte, da hat der Urheber abmahnen lassen (*hüstel*). Die Tochter ging vorher auf das beste Privatgymnasium in Bad Godesberg und kam dann auf die POS "Clara Zetkin" in Freiberg. Dort war das Niveau deutlich höher als auf dem Privatgymnasium. Da die POS' republikweit identisch waren, war also das Niveau auf diesen Gesamtschulen deutlich höher als auf den besten bundesdeutschen Gymnasien. Zitat aus der Doku: "In Physik, da hatten die Sachen drauf ... ich wußte gar nicht, wie ich da schaffen sollte..."

14.02.2019 19:21 Dieter 42

Es ist völlig legitim, für sein Kind nach der besten Schule zu suchen und alles für seine Entwicklung zu tun. Was viele empört (mit Recht!) ist die Doppelmoral: In einem faz-Artikel wurde aus Frankfurt berichtet, wo sich grüne Eliteneltern um Schulplätze in Schulen mit wenig Migranten stritten und gar prozessierten oder Frau Schwesig, die ihr Kind auf eine Privatschule schickt.

14.02.2019 17:27 Atze 41

Es ist ja schon so weit gekomnen, dass Eltern, die in der Stadt wohnen, ihre Kinder auf manche Dorfschule schicken. Dorfschule meine ich hier nicht abfällig. Mir ist ein Beispiel bekannt, wo die staatliche Schule so gut ist und die Gemeinde so finanziell aufgestellt ist, dass sie ihre Kinder jedes Jahr mit Grossstadtkindern auffüllt. Sie hat mit Fördermitteln sogar eine neue Schule ausbauen können. Sogar die Transportkosten für die Kinder aus der Stadt wurden übernommen. Das zeigt aber auch die Leistung der Lehrerschaft an dieser Schule und das gute Klima, das dort herrscht. Die meisten Lehrer waren, als das vor über 10 Jahren anfing, bewährte DDR- Lehrer. Hut ab! Ich favorisiere eine staatliche Schule. Kinder unter einer Glasglocke...das funktioniert sowieso nicht.
MfG

14.02.2019 16:44 Rasselbock 40

Diskussion hin und her, der DDR kann man viel vorwerfen. Aber: Die Qualität der Mat Nat Bildung wurde im wiedervereinigten Deutschland nie wieder erreicht, auch nicht in den privaten Klippschulen oder in BW oder Bayern.

14.02.2019 16:03 gerd schulz 39

[Wegen des Verstoßes gegen unsere Richtlinien (http://www.mdr.de/service/kommentarrichtlinien100.html) wurde dieser Kommentar entfernt. Die MDR.de-Redaktion]

14.02.2019 16:00 Werner 38

@MDR / @Atze 25: Seit einiger Zeit suche ich eine ältere Doku des MDR, zum ehemaligen Leiter der Bergakademie Freiberg aus NRW(?). Er hatte nach der Wende das Institut übernommen, und eine etwa 12 Jährige Tochter "aus dem Westen" in die Schule mitgebracht. Sie hatte als Erwachsene in der Doku ausgesagt, dass sie Anfangs nicht nur mit dem Dialekt, sondern in Deutsch und vorallem Mathe nur Bahnhof verstanden hatte: "die waren viel weiter". Sie hatte sich für die "Anstrengung" bedankt, die ihre berufliche Entwicklung bestimmte. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit passt diese Doku heute nicht mehr ins politische Bild - wegen den Mühlen auf dem Wasser. @MDR: Das war nur mal ne grobe Schätzung von paar Zahlen, mit deren Folgen.

14.02.2019 15:55 schwabohans 37

@36 Hans Frieder Leistner: Ich aus dem Osten kommend und noch immer dort lebend, lamentiere weder noch protze ich. Aber im Beitrag von Dr. Peter Müller steckt schon sehr viel Wahres, ebenso in Ihrer Einschätzung zu Bayern und BW. Aber hier wie da wette ich, dass das Niveau sich eher rasant nach "unten" bewegen wird. Die ganze Entwicklung hat Herr Sarrazin in "Deutschland schafft sich ab" eindrücklich beschrieben. Ich hatte immer gehofft er irrt. Mittlerweile glaube ich aber, es wird noch schlimmer.