Alte Apotheke in Bottrop
Die "Alte Apotheke" in Bottrup. Dort soll der beschuldigte Apotheker die Infusionen für Krebspatienten gestreckt haben. Bildrechte: IMAGO

Prozessauftakt Apotheker soll Krebsmedikamente gepanscht haben

Im Skandal um gestreckte Krebsmedikamente hat am Montag der Prozess gegen den beschuldigten Apotheker aus Bottrop begonnen. Mit den gepanschten Infusionen sollen auch Patienten in Sachsen versorgt worden sein. Doch wieso dürfen Apotheken überhaupt Krebspräparate anmischen, die riesige Gewinne versprechen?

Alte Apotheke in Bottrop
Die "Alte Apotheke" in Bottrup. Dort soll der beschuldigte Apotheker die Infusionen für Krebspatienten gestreckt haben. Bildrechte: IMAGO

Im Landgericht Essen hat am Montag der Strafprozess gegen einen früheren Apotheker begonnen. Er soll seinen Patienten jahrelang minderwertige oder unwirksame Krebsmedikamente verkauft haben.

Mehr als 1.000 Patienten betroffen

Der Angeklagte soll systematisch gepanscht und in insgesamt 62.000 Fällen 35 verschiedene Infusionsarten gestreckt haben, teils mit Kochsalzlösungen. Die gestreckten Medikamente wurden in der Chemotherapie und bei anderen Krebstherapien eingesetzt.

Die Staatsanwaltschaft geht von mehr als 1.000 Krebspatienten aus, die von dem Apotheker aus dem nordrhein-westfälischen Bottrop zwischen Januar 2012 bis November 2016 versorgt wurden. Wer die betroffenen Krebskranken sind, bleibt aber weitestgehend ungeklärt. Die Stadt Bottrup hat eine Hotline für Patienten eingerichtet. Die Betroffenen können dort Namen von Ärzten und Krankenhäusern erhalten, mit denen sie darüber reden können, ob sie gestreckte Infusionen erhalten haben.

Auch Patienten in Sachsen versorgt

Die Dimension des Falls reicht weit über das Ruhrgebiet hinaus. So gelangten die Infusionen an Ärzte und Mediziner in sechs Bundesländern, darunter auch an eine Klinik in Sachsen. Den Namen will die Staatsanwaltschaft nicht nennen.

Wer darf Krebsinfusionen herstellen?

Ein kleiner Junge, der an Leukämie erkrankt ist, erhält im Rahmen einer Chemotherapie eine Infusion.
Ein krebskrankes Kind erhält eine Infusion bei einer Chemotherapie. Bildrechte: dpa

Doch warum dürfen Krebsmedikamente überhaupt in einer Apotheke hergestellt werden? Der beschuldigte Apotheker hatte eine besondere Art von Infusionen hergestellt, die schnell verabreicht und auf die Patienten einzeln angepasst werden müssen. In Deutschland gibt es lediglich knapp 200 Apotheker, die Krebspräparate herstellen dürfen. Die Medikamente versprechen große Gewinne. Die Apotheker benötigen eine besondere Zulassung, auch gilt das Vier-Augen-Prinzip: So muss ein zweiter Mitarbeiter in der Apotheke bestätigen, dass bei der Mischung alles korrekt gelaufen ist. Eine solche Kontrolle hatte es in Bottrop offenbar nicht gegeben. Die Infusion nach ihrer Herstellung zu prüfen, ist schwierig, da sie versiegelt wird. Eine Probe würde das Medikament unwirksam machen.

Wie werden Apotheken kontrolliert?

Recherchen der ARD und den gemeinnützigen Netzwerkes "correctiv.org" ergaben, dass der Ex-Apotheker nur mit Vorwarnung kontrolliert wurde. In der Regel werden Apotheker von sogenannten Amtsapothekern einmal pro Jahr überprüft. Hier wird vor allem kontrolliert, ob die Hygiene im Labor stimmt. Eine Prüfung der Buchhaltung gibt es bislang aus Zeitgründen nicht. Auch hier würde die Panscherei auffallen, da die Einkaufszahlen nicht mit den Verbrauchszahlen übereinstimmen würden.

Von Buchhalter überführt

Der beschuldigte Apotheker aus Bottrop flog auf, als seine Buchhaltung überprüft wurde. Der ehemalige kaufmännische Leiter der Apotheke stieß dabei auf Unregelmäßigkeiten. Ende 2016 gab es dann eine Razzia, bei der der Tatverdächtige festgenommen und sein Speziallabor geschlossen wurden.

Beschuldigter schweigt zu Vorwürfen

Warum der frühere Pharmazeut die Medikamente panschte, ist bislang unklar. Er schweigt zu den Vorwürfen. Die Anklage lautet auf versuchte Körperverletzung und Abrechnungsbetrug, ebenso muss sich der Mann wegen des Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz verantworten. Für den Prozess sind 17 Nebenkläger zugelassen, bei denen die Staatsanwaltschaft konkret nachweisen konnte, dass die Dosierung ihrer Infusion nicht stimmte. Das Urteil wird Mitte Januar erwartet.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 17.08.2017 | 07:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. November 2017, 16:06 Uhr