Figuren einer Familie mit Kindern
Trennen sich Eltern, so bleiben sie dennoch Eltern. Bildrechte: dpa

Probleme beim sogenannten Wechselmodell Wo ist der Wohnsitz des Kindes nach der Trennung?

Wenn sich Eltern mit Kindern trennen, bleiben sie Eltern. Ein Modell des Umgangs ist das sogenannte Wechselmodell. Da pendeln das Kind oder die Kinder zwischen Mutter und Vater und haben zwei Zuhause. Das kann inzwischen per Gericht auf Kindeswunsch angeordnet werden. Dass der Staat es den Menschen schwer macht, gleichberechtigt auch nach einer Trennung zu erziehen, beklagt unser Hörer Andrè Haye. "Kann man da etwas machen?", fragt er.

von Angela Tesch, MDR AKTUELL

Figuren einer Familie mit Kindern
Trennen sich Eltern, so bleiben sie dennoch Eltern. Bildrechte: dpa

Wenn Kinder zwischen den Wohnungen ihrer Eltern pendeln, gilt auch für sie das Bundesmeldegesetz. "Und da steht drin, dass es leider nur einen Hauptwohnsitz geben kann", sagt Jens Belter, Rechtsanwalt in Leipzig. Wenn man also 25 Wohnungen habe, müsse einer davon der Hauptwohnsitz sein. Die anderen seien alle Nebenwohnsitze. "Man macht das deswegen, damit Behörden auf diesen Wohnsitz zugreifen können, zum Beispiel bei der Auszahlung des Kindergeldes."

Aus Wohnsitzentscheidung erwachsen Probleme

Belter weiß, dass da die Probleme beginnen. Auch wenn Kinder regelmäßig bei Mutter und Vater leben, muss nach geltendem Recht ein Lebensschwerpunkt festgelegt werden. Einigen sich die Eltern nicht, werden oft genug vor Gericht die Stunden gezählt, die Kinder bei den Eltern verbracht haben, wo sie im Krankheitsfall gepflegt werden oder am häufigsten ihre Hausaufgaben machen.

Wer sich die Betreuung der Kinder teilen und auch nach einer Trennung am Alltag der Kinder teilhaben will, kann nicht auf die Unterstützung des Staates hoffen. Denn auch das staatliche Kindergeld wird unteilbar nur an ein Elternteil ausgezahlt.  Und die Unterhaltspflicht ist nicht an die Betreuungszeit gekoppelt.

Belter: Gesetzgebung hinkt Lebenswirklichkeit hinterher

Die Gesetzgebung hinke immer etwas der Lebenswirklichkeit hinterher, sagt Belter. Die Rechtssprechung zum Wechselmodell gebe es nur als Rechtssprechung vom Bundesgerichtshof, vom Bundesverwaltungsgericht. "Es fehlt ein griffiges Gesetz. Hier ist der Gesetzgeber gefordert", sagt der Jurist.

Andere Länder, andere Sitten

Belter verweist auf Frankreich und das Ursprungsland des Wechselmodells, die USA oder auf Belgien und Tschechien, wo es Regeln dafür gibt. Aber warum tut sich der Bundestag so schwer, dass Familienrecht anzupassen und zum Beispiel das Melderecht im Sinne von Trennungskindern zu ändern?

Sitta: "Das kann man ändern"

"Das geht natürlich. Das kann man ändern", sagt Frank Sitta aus Halle, er sitzt für die FDP im Bundestag. Sein Name steht unter einer entsprechenden Gesetzesinitiative vom März 2018. "Das wären – bei unserem Gesetzesentwurf – eine Folge-Geschichten, die man lösen muss. Wie zum Beispiel beim Meldegesetz, weil nichts dagegen spricht, für ein Kind einen zweifachen Hauptwohnsitz zu haben.  Das würde gehen, aber diese Debatte wird – glaube ich – noch eine Zeitlang dauern."

Gesetzeslage schürt Konflikte

Die bisherige Gesetzeslage orientiert sich am traditionellen Modell: Einer betreut – meist die Mutter-, der andere zahlt, meist der Vater. Die Möglichkeit trotz Trennung gemeinsam zu erziehen, werde oft genug von der Frage überlagert, wer der bessere Elternteil für das Kind sei, bedauert die renommierte Familienrechterinn Hildegund Sünderhauf-Kravets im MDR. Dabei bräuchten Kinder eine Mutter und einen Vater.

"Diese Frage:  Wer ist besser, wer geht als Gewinner aus diesem Streit hervor, die ist extrem konfliktschürend." Das Wechselmodell als Leitbild würde bei Trennung und Scheidung die Frage stellen, wie können wir erreichen, dass Mutter und Vater beide im Boot bleiben, dass beide eng am Kind sind, dass das Kind viel Zeit mit ihnen verbringen könne.

Sitta für Vielfalt

Einig sind sich die Experten, dass das Wechselmodell mit ständigem Pendeln nicht für jedes Kind geeignet ist.  Auch müssen die Eltern vieles gemeinsam regeln, sich eng absprechen. Und es ist teuer, wenn Vater und Mutter zum Beispiel eine entsprechend große Wohnung brauchen. Frank Sitta will, dass die Gesetzgebung Vielfalt generell möglich macht. "Was im Übrigen eine familienrechtlich sinnvolle Entscheidung wäre, wenn sich Kinder noch für zwei Elternteile verantwortlich fühlen."

Die zuständige Bundesjustizministerin Katarina Barley räumt Änderungsbedarf ein. Eine Arbeitsgruppe soll bis Mitte 2019 Details vorlegen. Wie das Unterhalts-und Sorgerecht reformiert werden kann, damit will sich auch der Deutsche Juristentag befassen. Er findet im September in Leipzig statt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 27. August 2018 | 07:21 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. August 2018, 07:43 Uhr

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8 Kommentare

28.08.2018 15:28 Matthias 8

@Hant... Meine Ex-Partnerin zog vor Gericht, um mir das Aufenthaltsbetimmumgsrecht für die Kinder im Rahmen des gemeinsamen Sorgerechtes entziehen zu lassen. Ein Schelm, der etwas Böses dabei denkt! Kurzfassung der Richterin: Nicht das Aufenthaltsbestimmumgsrecht für die Kinder ist hier das Problem, sondern die Kommunikation zwischen den Eltern. Sollte die Antragstellerin auf einem Urteil bestehen, so werde ein Urteil gesprochen werden müssen. Ob dieses dann im Sinne der Antragstellerin sei, wird man dann sehen. Meine Ex-Partnerin zog daraufhin die Klage zurück.

28.08.2018 12:10 Arne 7

@ Hant... Kindeswohl = Mutter...?!?! Was ist denn das für ein Argument? Aus meiner Erfahrung sind es gerade die enttäuschten Mütter, die zu gerne das Kind benutzen, um es dem Vater "heimzuzahlen". Die Ratio bleibt dabei völlig auf der Strecke und damit einhergehend das Wohlergehen des Kindes. Aber man kann sich ja alles schön reden und für sich selbst legitimieren, nicht wahr?

28.08.2018 10:35 Hant... 6

@ Matthias... Bei Eltern welche nicht verstritten sind werden ja auch keine Gerichte benötigt und es gibt kein Gezerre um die Kinder. Das ist leider nicht immer so. Sobald die Gerichte tätig werden müssen ist der Keil schon geschlagen und da sollte, wenn das Wohl des Kindes nicht gefährdet ist, immer die Mutter gestärkt werden um die Situation zu entschärfen. Es gibt leider viel zu oft unnötige Verfahren aufgrund von persönlichen Differenzen von Eltern zu Lasten der Kinder.

27.08.2018 16:39 Frank 5

Betrachtet man den extremen Wählerschwund der SPD ist wohl kaum damit zu rechnen, dass die SPD Bundesjustizministerin Katarina Barley sich für eine wirkliche Reform einsetzten wird. Die Strategie der SPD ist: Verzögern, verwässern, aussitzen und Väter als Unterhaltsverweigerer zu beschimpfen.
Zu groß dürfte die Angst der SPD sein, auch noch die wenigen SPD wählenden Mütter zu verlieren. Zumal im SPD-Programm steht, dass die SPD das Männliche überwinden will und Männer = Täter sind.
Die Reaktion ist insoweit auch verständlich - den welcher Mann wählt den eine Partei, die ihn und sein Geschlecht sexistisch diskriminiert?

27.08.2018 14:30 Matthias 4

@ Hant... Die Rechte von Müttern sollten wieder gestärkt werden! Dem setzte ich entgegen, die der Väter müssen weiter gestärkt werden!
Nicht nur Mütter können Kindern ein stabiles Umfeld geben, Väter ebenso!
Wir praktiziern das Wechselmodell seit 7 Jahren und unsere Kinder sind nicht verstört - im Gegenteil.
Es kommt darauf an, das die Elternteile miteinander kommuniziern und nicht ihre unverarbeiteten Partnerschaftsprobleme unter dem Deckmantel Kindeswohl auf dem Rücken der Kinder austragen.

27.08.2018 12:55 Rumsdibums 3

Nach einer Trennung hat die Mutter das alleinige Recht auf "Eigentum am Kind".
So stellt sich für mich die derzeitige Situation in Deutschland dar.

27.08.2018 12:07 Hant... 2

Die Kinder von getrennt lebenden Eltern werden heut zum Spielball der Eltern. Wer kann den Wissen was das Kind möchte oder benötigt. Ein Kind wird immer den Argumenten der Eltern folgen und daraus entsteht ein Konflikt beim Kind. Ein Kind benötigt ein stabiles Umfeld! Was soll es den lernen bei einem hin und her der Eltern und wie verändert sich die Wahrnehmung unserer Kinder dadurch. Hier werden nur die Rechte der Eltern gestärkt und was ist mit dem Kind? - Die werden mit Hilfe unserer falschen Sicht völlig verstört. Die Rechte von Müttern sollten wieder gestärkt werden!

27.08.2018 11:22 Markus 1

Am besten gar keine Kinder, sonst alles zu kompliziert. So denken immer mehr Männer. Danke Deutschland!