Ein Lehrer wischt während des Mathematik-Unterrichts die Tafel sauber.
Sachsen hält sich akribisch an seine Standards - und verliert hochqualifizierte Lehreranwärter an andere Bundesländer. Bildrechte: dpa

Trotz Riesenbedarfs Sachsen vergrault angehenden Physiklehrer

Steven Reichardt aus Leipzig wollte in Sachsen Lehrer für Mathe und Physik werden - als Seiteneinsteiger. Aber er hat eine Absage bekommen. Dabei werden Lehrer in Sachsen doch dringend gebraucht. Jetzt geht er nach Niedersachsen. Dort hatte seine Bewerbung nämlich Erfolg.

von Britta Veltzke, MDR AKTUELL

Ein Lehrer wischt während des Mathematik-Unterrichts die Tafel sauber.
Sachsen hält sich akribisch an seine Standards - und verliert hochqualifizierte Lehreranwärter an andere Bundesländer. Bildrechte: dpa

Damit hatte Steven Reichardt wirklich nicht gerechnet: Es gebe einen riesigen Bedarf an Lehrern, hatte er gehört, gerade in den Naturwissenschaften. Er als promovierter Physiker werde mit Kusshand genommen, sagten ihm viele Lehrer. Aber das Sächsische Landesamt für Schule und Bildung machte nicht mit. "Als ich die Absage bekommen hatte, dachte ich, ich hätte die Situation völlig falsch eingeschätzt, könnte im Sommer vielleicht völlig ohne Job dastehen und ich müsste mich neu umorientieren. Und das war ein großer Schock."

Leistungspunkte im Zweitfach als Ablehnungsgrund

Der Grund für die Absage: Reichardt fehlen Leistungspunkte in seinem zweiten Fach. Das Landesamt für Bildung und Schule findet, er habe sich an der Uni zu wenig mit Mathe beschäftigt, insbesondere mit Geometrie. Reichardt wundert das: "Man muss wissen, dass man im Physikstudium, wenn man einen Bachelor und Master macht, einen sehr hohen Anteil an Mathematik hat, gerade hier in Leipzig." Aber dem Landesamt reichte das nicht. 80 Leistungspunkte in beiden Fächern sind gefordert. So steht es in der Prüfungsordnung.

Niedersachsen sieht es deutlich gelassener

Einzige Alternative: Um doch noch Lehrer in Sachsen werden zu können, hätte Reichardt nochmal an die Uni gemusst - Leistungspunkte in Mathe nachholen. Das wollte er nicht. Also entschied sich der 35-Jährige zu gehen. Kein Problem, denn die gleiche Bewerbung hatte Reichardt nach Niedersachsen geschickt und eine Zusage bekommen. Denn die Latte liegt dort deutlich niedriger. Um es Kandidaten wie Reichardt einfacher zu machen, so das niedersächsische Kultusministerium: "Eine Anhebung der zu erreichenden Credit Points für das Zweitfach würde eine hohe Zahl potenzieller Bewerberinnen und Bewerber von vornherein ausschließen."

GEW-Chefin hat wenig Verständnis

Ein Frau steht im Grünen
GEW-Landeschefin Ursula-Marlen Kruse Bildrechte: MDR/Cindy Baumgart

Im Fall von Steven Reichardt verwies das sächsische Landesamt für Schule in Sachsen schriftlich auf die geltenden Regeln: "Es gibt keinen ersichtlichen Grund, weshalb die Fächer unterschiedlich bewertet werden sollen. Erst- und Zweitfach werden gleichwertig behandelt." Warum Sachsen nicht flexibler auf Kandidaten wie Steven Reichardt reagiert, ist Ursula-Marlen Kruse schleierhaft. Sie ist Chefin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Sachsen. "Das neue Schuljahr fängt mit einer Riesenlücke an. Und dann sagt man: 'Du hast aber die und die Punkte nicht', obwohl die für andere Länder dicke reichen. Das ist nicht verständlich. Denn er ist dauerhaft verloren." Wie könne Sachsen, fragt sich Kruse, einen promovierten Physiker ziehen lassen?

Das ist abenteuerlich. Das kann ich nicht anders sagen.

Ursula-Marlen Kruse | GEW Sachsen

Aus Sicht der Gewerkschafterin wird in Sachsen allzu oft das Haar in der Suppe gesucht. Mit dem Effekt, dass Anwärter das Land verlassen.

Niedersachsen: Verbeamtung inklusive

Im Moment machten die reichen Länder die besten Angebote für Lehrer, sagt Kruse. Sie hofft, dass dieser Wettbewerb eines Tages aufhört. Allerdings unternähmen die Kultusminister zu wenig dagegen: "Alle Länder versuchen, in den anderen Ländern Lehrer abzuwerben. Dadurch werden es aber nicht mehr." Steven Reichardt, seine Frau und die zwei Kinder haben bereits die Sachen gepackt: "Schade, dass Sachsen mich nicht haben wollte. So gehe ich nun weg." Jetzt fängt Reichardt also als Referendar in Göttingen an. Verbeamtung inklusive, ganz selbstverständlich.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 06. August 2018 | 06:08 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. August 2018, 11:15 Uhr

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58 Kommentare

08.08.2018 09:47 norbert 58

@Sabrina 56

Wie kommen Sie zu den irrigen Auffassung, ich sei Lehrer? Umgekehrt, ich kenne Mathematiker, Physiker und Ingenieure in ihrem Studium. Wenn Sie Funktional- und Signaltransformationen ansprechen, meinen Sie damit eine Problematik der E-Techniker, in der Physiker auch nicht besonders bewandert sind, die aber auch nicht schulrelevant ist.

Und was den Mathematik-Umfang bei Mathematiker, Mathematik-Lehrern und Physiker angeht: Mathematik-Lehrer haben nachweislich mehr (schulrelevante) Mathematik als Physiker und davon einen Teil gemeinsam mit Physikern. Nicht gemeinsam ist die Analysis im zweiten Studienjahr, wo die Physiker viele Themen schnell abklappern (müssen). Diese Themen sind anspruchsvoll, aber nicht schulrelevant, werden aber beim Seiteneinstieg wie auch Teile der Physik mit angerechnet. Das mathematische Niveau ist bei den LV für Mathematiker, Physiker und Mathe-Lehrer ähnlich, insbesondere weil es zum Teil gemeinsame Veranstaltungen sind.

08.08.2018 08:11 norbert 57

@AufmerksamerBeobachter 46
Woher kommen Sie zu der überheblichen Behauptung, ein Physiker mit Promotion stecke jeden Lehramtsstudenten in jedem MINT-Fach in die Tasche, auch Biologen, Chemiker, Informatiker? Mit jeder Promotion in jedem Gebiet der Physik? Auch mit rite? Auch in Physik oder Mathematik promovierte Lehramtsabsolventen? Physiker und Mathematiker streifen in ihrem Studium den Aufbau der Zahlenbereiche, eine für die Schule nötige Vertiefung fehlt. Physiker haben in ihrem Studium keine Stochastik, obwohl sie sie anwenden.
Ein sehr gut prom. Physiker könnte sich durchaus im Selbststudium die für Mathematik für das Lehramt erforderlichen Inhalte selber aneignen. Er müsste sich dann nur prüfen lassen.
Im Unterschied zu den meisten Mitdiskutanten kenne ich die Studienordnungen der Mathematiker, Physiker, Ingenieure, Lehrämtler und Seiteneinsteiger (Fach Mathematik) aus der Praxis und weiß, dass auch Physikern das Studium Seiteneinstieg Mathematik keinesfalls leicht fällt.

08.08.2018 02:53 Sabrina 56

@ 07.08.2018 20:16 norbert
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Noch zur Didaktik
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Die Vermittlung von Wissen und dessen Anwendung wird an den Ingenieurwissenschaftlichen Fakultäten hervorragend beherrscht.
Das können Lehrer an den Schulen nicht besser.
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Wo ich einen Vorsprung bei Lehrern sehe, ist beim Umgang mit Schülern, die sich schwierig anstellen.
Aber auch das endet nicht selten damit, dass der Schüler aussortiert wird. Also ganz so toll sieht es auch da nicht aus.
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Sie fühlen sich einfach in ihrem Selbstwertgefühl verletzt durch Seiteneinsteiger.
Das lässt befürchten, dass Sie in der Schule ein Machtausüber sind, der seine Schüler das auch spüren lässt.
Die besten Lernergebnisse erreicht man sicher nicht, wenn man die Schüler zur Feindpartei macht.
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In meiner Schule waren die Lehrer am erfolgreichsten, die die Schüler beim Lernen mitgenommen haben und nicht die, die man schon von weitem nicht sehen konnte.

08.08.2018 02:14 Sabrina 55

@ 07.08.2018 20:16 norbert
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Mit ihrer Diskussion über SWS geben Sie doch selbst zu, dass die Mathematik-Kenntnisse von Lehrern nicht besonders hoch sind.
Über die inhaltliche Qualität und Tiefe des Wissens sagt das nämlich gar nichts.
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Was wissen denn Mathe-Lehrer beispielsweise über Signal- und Funktionaltransformationen?
was über mathematische Statistik?
was über Differentialgleichungen?
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Mathelehrer glauben immer noch, die Differenzierung einer Konstante ergibt Null. Und das ist falsch.
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Das, was Lehrer wissen, kann man daran erkennen, was in den Schulen gelehrt wird und wie es gelehrt wird.
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Trotziges Beharren, man sei kompetent, ist dann immer das, was kommt, wenn man die Helden entzaubert. Bei Lehrern offensichtlich genau so wie bei unseren Contergans (ähm' Ärzten) und juristischen Gutachteneinholern.
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Diplom-Ingenieur, Universität

07.08.2018 01:48 Sabrina 54

@ 07.08.2018 07:50 Norbert

Da kann ich nur mit Hinweis auf die Klima-Schwindel-Gläubigkeit sagen:
Man kann sich mit viel Aufwand wenig Wissen aneignen.
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Wäre das Ganze wirklich Ausdruck von Fachwissen, würde die Lehrerschaft gegen Impfwahn, Bruskrebsscreening, Chemotherapie und HIV-Behandlung Sturm laufen. Denn alles das ist mathematische Statistik (Frage nach kontrollierten Studien) und sogar auf einem recht wenig komplexen Niveau.
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Offensichtlich sind diese
Auswahl und Pünktchenvergaben / Kriterien nichtssagende Spielchen.

07.08.2018 01:27 DER Beobachter @ Dr.Alvers 27 53

Warum haben Sie sich denn nicht weiter an der Semperschule versuchen wollen? An einer anderen Dresdner Schule in freier Trägerschaft kam ein Softwareentwickler, der bewusst von seinem guten und gutbezahlten Job die Schnauze voll hatte, als Info-Lehrer sowohl unter der Schülerschaft als auch der Kollegenschaft als auch der Geschäftsführung menschlich und pädagogisch-didaktisch bestens an und fühlt sich sauwohl...

07.08.2018 01:11 DER Beobachter @ Dieter 37 52

Ziemlich hinkender Vergleich. Aber wo Sie schon dabei sind: Ich vertraue der medizinischen Urteilskompetenz eines in Syrien/Afghanistan ausgebildeten Arztes ähnlich der Urteilskompetenz eines Afd-verstehenden MINTlers... Obwohl: wenn ich drauf angewiesen wäre, dann doch lieber der des ersteren ;) ;( ...

07.08.2018 00:51 DER Beobachter 51

Ich würde die Debatte gern pragmatisch behandeln. Das ganze Streichungskonzert in Sachsen und die "Bildungsmisere" durch die vergangenen 30 Jahre letztlich durch den Wähler der eben hier hingenommenenen "Bildungsminister" wird uns offensichtlich jedenfalls im staatlichen Bildungssektor noch Jahre verfolgen. Wenn der Herr "halbwegs didaktisches Talent" besitzt und halbwegs bereit ist, sich didaktisch und pädagogisch auf Schüler, also Kinder und Jugendliche, und auf den übrigens im Wesentlichen sehr guten sächsischen Lehrplan einzulassen, wird er jedenfalls im Bereich der Schulen in freier Trägerschaft gerade als MINT-vertrauter Quereinsteiger beste Chancen haben...

07.08.2018 00:16 DER Beobachter @ Bernd L. 32 50

Ihr Vergleich hinkt komplett. Wie so ziemlich alles, was Sie hier so schreiben. Einschließlich Ihres Nicknamens nach dem erzwungen freiwilligen Ausscheidens des echten Bernd L. aus der sogenannten Alternative...

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07.08.2018 22:29 Phrasenhasser 49

Es ist, so muss man es als Sachse mit schlichtem Gemüt anmerken, mal wieder ein vor Sarkasmus triefender Beitrag, MDR. Dabei ist der Sachverhalt schlichtweg so, dass der mit Sicherheit in Physik hoch gebildete und auch engagierte junge Mann eben nicht auf die hier für eine Anstellung geforderte Punktezahl gekommen ist. Tja, daran dürfte die von Ihnen gewürdigte Meinung der feschen Gewerkschaftsdame auch nicht rütteln können, es sei denn, man handelt ab sofort nach dem Ausnahmeprinzip - früher hieß das, "nach dem Gesicht"... "Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil" - ich kann also nicht anders, ich muss darauf "meinen Senf dazu geben" in sarkastischer Form:
"Für Schüler, die das Hamburger Abitur ablegen werden, ist er als Lehrer besser geeignet."
Schöne Restwoche noch!