Ein Arzt sitzt 2013 in seiner Praxis an einem Computer.
Die Bundesärtzekammer hofft darauf, dass die Telemedizin ab Mai breiter betrieben werden kann. Bildrechte: dpa

Digitale Behandlung Telemedizin soll ausgeweitet werden

Das rezeptpflichtige Medikament ohne Arztbesuch in der Apotheke abholen, nicht mehr stundenlang in der Praxis wegen eines Attestes sitzen und nicht mehr monatelang auf einen Termin beim Facharzt warten. Während die Telemedizin in der Schweiz und in Schweden schon längst Gang und Gebe ist, schränkt in Deutschland das Fernbehandlungsverbot die Ärzte ein. Beim nächsten Ärztetag im Mai fordern die Mediziner eine Öffnung des Gesetzes.

 Ein Arzt sitzt 2013 in seiner Praxis an einem Computer.
Die Bundesärtzekammer hofft darauf, dass die Telemedizin ab Mai breiter betrieben werden kann. Bildrechte: dpa

Seit dem 01. April 2017 ist die Videosprechstunde in Deutschland per Gesetz nicht nur erlaubt, sondern wird auch als reguläre Leistung der gesetzlichen Krankenkassen abgerechnet. Allerdings unterliegen die Ärzte der Berufsordnung und dem darin festgelegten Fernbehandlungsverbot.

Telemedizin vs. Berufsordnung

Im § 7 Abs. 4 der Musterberufsordnung für die in Deutschland tätigen Ärztinnen und Ärzte ist geregelt, dass die "individuelle ärztliche Behandlung, insbesondere auch Beratung, nicht ausschließlich über Print- und Kommunikationsmedien durchgeführt werden darf“. Der Arzt muss den Patienten zumindest einmal vorher gesehen haben um telemedizinische Behandlungen anzubieten oder Rezepte zu verordnen und Krankschreibungen auszustellen. Erlaubt ist es aber, dem Patienten über eine Videosprechstunde Informationen zur schon persönlich gestellten Diagnose oder Therapie an die Hand zu geben und unkomplizierte Nachkontrollen, beispielsweise bei der Wundheilung, durchführen. Bei Diabetes- und Herzpatienten kann der Arzt per Videoschalte den Verlauf der Werte und eventuelle Abweichungen mit dem Patienten diskutieren.

Die Bundesärztekammer strebt für Mai 2018 eine Änderung der Muster-Berufsordnung an. Aus dem Protokoll einer Vorstandssitzung berichtete der Spiegel, dass es künftig in der Berufsordnung heißen soll: "Eine ausschließliche Beratung oder Behandlung über elektronische Kommunikationsmedien ist erlaubt, wenn dies im Einzelfall ärztlich vertretbar ist." Voraussetzung solle sein, dass der Patient über die "Besonderheiten" einer reinen Onlineberatung aufgeklärt wird und der Arzt alle Befunde und Behandlungen sorgfältig dokumentiert.

Schweden und Schweiz sind Vorreiter in der europäischen Telemedizin

In Schweden ist die telemedizinische Behandlung unbekannter Patienten längst Standard. Dort haben sich Dienstleister etabliert, die (Video-)Konsultationen anbieten und Rezepte ausstellen dürfen. Auch die Schweiz erprobt dieses Modell seit fast 20 Jahren. Der Patient schildert bei einem Mitarbeiter eines medizinischen Callcenters seine Symptome und Beschwerden. Ein Arzt ruft zurück, stellt die Diagnose, bespricht die Behandlung und kann gegebenenfalls auch Rezepte ausstellen oder den Patienten an einen Facharzt überweisen.

Erste Schritte in Deutschland

Eine Hautärztin präsentiert 2017 ein Programm, mit dem Ärzte aus der Ferne Diagnosen stellen können.
Diagnose und Behandlung ohne den Patienten zu kennen - in einem Pilotprojekt in Baden-Württemberg schon möglich. Bildrechte: dpa

Um Telemedizin auch hierzulande in der Form umsetzen zu können, müsse die Berufsordnung und das darin enthaltene Fernbehandlungsverbot verändert werden. Erste Weichen um das Gesetz zu lockern, legte im Juli 2016 die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW). Dabei hat die Landesärztekammer ein Modellprojekt genehmigt, in denen Ärzte die Behandlung von Patienten online abwickeln können, ohne je mit ihnen in einem Raum gewesen zu sein. Im März 2018 soll das Projekt "DocDirekt“ in Stuttgart und Tuttlingen anlaufen. Dafür kooperiert die KVBW mit dem Münchener Start-Up-Unternehmen TeleClinic GmbH. Das Prinzip besteht darin, dass Patienten bei akuten Erkrankungen, sofern sie ihren behandelnden Arzt nicht erreichen, werktags zwischen 9 und 19 Uhr eine Hotline anrufen können. Speziell geschulte Medizinische Fachangestellte erfassen die Personalien und Krankheitssymptome. Je nach Dringlichkeit wird der Patient dann entweder an die 112 weitergeleitet oder an einen Telearzt übergeben. Dieser stellt die Diagnose und berät den Patienten hinsichtlich der Behandlung. Falls medizinisch erforderlich, stellt der Arzt einen Berechtigungscode aus und leitet den Patienten am gleichen Tag an eine dienstbereite Praxis weiter.

Telemedizin kann das Gesundheitssystem entlasten

Hand auf einer Tastatur
Telemedizin kann die Ärzte unterstützen, soll die persönliche Sprechstunde aber nicht ersetzen. Bildrechte: dpa

Erik Bodendieck, Präsident der Sächsischen Landesärztekammer befürwortet die Telemedizin und empfindet die Öffnung des Fernbehandlungsverbots als zeitgemäß. "In den Arztpraxen, Krankenhäusern und Notfallambulanzen werden wir mit einer Flut von Anfragen beladen, die jetzt nicht zwingend einen persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt gebraucht hätten“. Telemedizin kann als Unterstützung die Ärzte entlasten und auch dem Patienten viel Aufwand und Zeit ersparen. Auch Dr. Ulrike Schramm-Häder, Sprecherin der Landesärztekammer Thüringen, hält die Telemedizin für eine gute Ergänzung, die den direkten Arzt-Patienten-Kontakt allerdings nicht ersetzen sollte: "Man muss bedenken: einen Ausschnitt zu sehen ist immer noch etwas anderes als einen ganzen Menschen zu untersuchen.“

Hohe Kosten und fehlende digitale Infrastruktur

Obwohl in Deutschland seit April die Videosprechstunde bei den Krankenkassen abgerechnet werden kann, wird sie nur von wenigen Ärzten angeboten. Erik Bodendieck sieht den Grund dafür in den hohen Kosten für die Ärzte.

Das Anschaffen der Technik kostet viel Geld. Den gesamten Aufwand den wir da betreiben und das Geld, was wir dafür von den Krankenkassen bekommen wird vollständig aufgefressen. Es bleibt für den Mehraufwand nichts übrig – ganz im Gegenteil wir haben dort selbst noch zuzusetzen.

Dr. Erik Bodendieck, Präsident der Sächsischen Landesärztekammer und selbst praktizierender Arzt

Hinzu kommt, dass sowohl Arzt, als auch Patient für die Sprechstunde am Computer entsprechende Übertragungsgeschwindigkeiten benötigen. Unzuverlässige Softwares oder rucklige Bilder behindern die Ärzte in ihrer Arbeit, statt sie zu entlasten. Insbesondere auf dem Land, wo schnelles Internet keine Selbstverständlichkeit ist, könnte es bei der Umsetzung der Telemedizin Probleme geben.

Das Problem ist: die Technik, die wir bräuchten steht nicht zur Verfügung, um die Anwendungen, die wir gerne hätten, durchzuführen.

Dr. Erik Bodendieck

Nicht alle Patienten sind im Umgang mit Computern geübt. Insbesondere die ältere Bevölkerung verfügt selten über das technische Wissen, um Telemedizin in Anspruch nehmen zu können.

Online-Sprechstunde voraussichtlich ab Mai

Sowohl Dr. Ulrike Schramm-Häder als auch Erik Bodendieck gehen von einer Liberalisierung des Fernbehandlungsverbots im Mai aus. Eine Änderung der Muster-Berufsordnung müsste dann auch noch von den Landesärztekammern in ihre jeweiligen Berufsordnungen übernommen und von den Landesministerien für Gesundheit genehmigt werden. Um die Telemedizin in Deutschland dann wirklich umsetzen zu können, müsse sowohl eine entsprechende digitale Infrastruktur, als auch Finanzierung geschaffen werden.

Die Sprechstunde per Videoschalte oder Telefon kann dann das Gesundheitswesen digital unterstützen und kleine Beschwerden schnell und effizient behandeln, sollte aber dennoch immer eine Ergänzung des persönlichen Arzt-Patienten-Kontaktes bleiben.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 24. Oktober 2017 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. Februar 2018, 05:00 Uhr

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4 Kommentare

25.02.2018 19:50 Manistbestandteildesmediensystems (Haseloff) 4

@25.02.2018 11:12 NRW-Wessi:

Vorweg: Ich war anno 2006 an den Vorbereitungen zu einem telemedizinischen Dienst in einem Herzzentrum in NRW beteiligt - damals noch auf MoDem-Technik aufbauend und an den hohen Investitionen letztlich gescheitert. In der TM werden nicht mehr Daten erhoben und zugänglich gemacht, als bei ihrem Hausarzt - SOLANGE die Betreiber mit harten Strafen konfrontiert sind, wenn sie Datenhandel betreiben. Sog. "Studien" explizit eingeschlossen - wobei das nicht für alle Fälle gilt. Das System ist in dünn besiedelten Gebieten mit einem hohen Durchschnittsalter und Arztrevieren von 120 Km Durchmesser (Uckermark) eine echte Hilfe und führt im Nebeneffekt dazu, dass sich die Patienten bewusster mit ihrer Lage befassen. Man kann das als eine Art persönliche Knowledge Base betrachten, die viele Risiken im Vorfeld erkennbar macht. Unter einem anderen Justizminister als Genosse Maas oder etwa einem FDP-"Politiker" wären ihre Besorgnisse eher gegenstandlos.

25.02.2018 11:12 NRW-Wessi 3

@ 1 Atheist aus Mangel an Beweisen
Eins vorweg: Seien Sie doch froh, dass Sie einen umsichtigen Arzt haben, der auf das Händeschütteln verzichtet. Sicherer als mit dem Handschlag kann man Erreger nicht verteilen. Auch unter Arbeitskollegen gehört dieses oft tägliche Begrüßungsritual ganz abgeschafft, oder zumindest überdacht - besonders jetzt, wo viele Menschen schniefen und husten.
Nun zur Telemedizin:
Möchten Sie wirklich, dass Ihre persönlichen Daten und Gesundheutsdaten durchs Netzt geistern? Die einst angedachte Krankenkarte, auf der alle persönlichen, medizinischen Daten gespeichert werden sollten, empfinde ich schon als Unding.
Wie gläsern sollen wir uns denn noch machen lassen? Ich glaube, Mielke und Honecker würden ausgelassen feiern, wenn die wüssten, wie die Menschen heutzutage widerstandlos alles über sich preisgeben.
Digitalisierung bis zu einem gewissen Maß ja, aber totale Kontrolle unter dem gern genutzten Vorwand der Bequemlichkeit, ein ganz klares nein.

25.02.2018 10:34 Auf der Sonnenseite des Lebens 2

Viagra und einen Krankenschein übers www.

Deutschland, ein Land in dem ich gut und gerne lebe.

25.02.2018 09:27 Atheist aus Mangel an Beweisen 1

Warum nicht.
Wenn ich früher als junger Mensch zu meiner Hausärztin bin hat sie mir die Hand gegeben, Blutdruck gemessen, sich die Zunge angesehen, und mich abgehört.
Heute empfängt mich bei meinen Hausarzt ein Schild auf dem steht das man aus hygienischen Gründen auf den Handschlg verzichtet, und anfassen tut er mich auch nicht mehr, es reicht noch nicht mal mehr zum Blutdruck messen, was bei mir als Herzpatient doch Logo sein sollte.
Also kann ich auch Telemedizin nutzen