Antonov am Flughafen Leipzig/Halle
Antonov am Flughafen Leipzig/Halle Bildrechte: MDR/Secilia Pappert

Frachtflieger Was machen die Antonovs am Flughafen Leipzig-Halle?

Der Flughafen Leipzig-Halle liegt direkt an der Autobahn 14. Über den Köpfen der Autofahrer schwebt nicht selten ein Flugzeug. Ebenso ein Hingucker sind die Riesenflugzeuge der Marke Antonov, die man recht häufig beim Vorbeifahren sieht. "Wolga-Dnepr" steht an den Flugzeugen, sie fliegen unter russischer Flagge. MDR-AKTUELL-Hörerin Svitlana Frühauf, die selbst aus der Ukraine stammt, wundert sich, wie das sein kann, wo es doch EU-Sanktionen gegen Russland gibt.

Antonov am Flughafen Leipzig/Halle
Antonov am Flughafen Leipzig/Halle Bildrechte: MDR/Secilia Pappert

Seit der Annexion der Krim durch Russland hat die EU Sanktionen verhängt. Für Sabine Schlemmer-Schulte, Wirtschaftsjuristin an der Leipziger Handelshochschule, ist die Frage von Svitlana Frühauf durchaus naheliegend: "Ich finde das eine ausgesprochen gute Frage, was sie da beobachtet hat. Das könnte natürlich so aussehen, denn es werden Militärausrüstungen in die Frachtflugzeuge geladen. Und die Maschinen fliegen von Leipzig/Halle nach Russland. Das könnte so wirken, als ob Militärgüter gehandelt werden, Export und Import eben."

Das würde dann tatsächlich unter die EU-Sanktionen fallen. Seit der Krimkrise dürfen keine militärischen Produkte oder auch zivile Produkte, die militärisch nutzbar sind, gehandelt werden. Beschränkungen gibt es auch im Energiesektor. Normale Lebens- oder Genussmittel wie Wodka, Sekt oder Kaviar hingegen kann man nach wie vor handeln.

Antonov fliegt für die Nato

Was aber machen jetzt die Antonovs am Flughafen Leipzig-Halle? Flughafensprecher Uwe Schuhart klärt auf: "Die Antonov-124-Maschinen der Wolga-Dnepr-Gruppe sind hier am Flughafen Leipzig-Halle im Rahmen des Salis-Projekts stationiert. Sie führen Transporte für die Bundeswehr oder andere Nato-Staaten durch."

Zwei Antonovs sind permanent unterwegs. Bei Bedarf können es innerhalb von 72 Stunden bis zu sechs Maschinen werden. Die Nato braucht die Antonovs, denn der Riesenflieger ist konkurrenzlos. "Die Antonov 124 kann Transporte bis zu 150 Tonnen durchführen. Das ist auch militärisches Gerät. Wir haben hier Kampfhubschrauber nach Mali ausgeflogen, aber auch Panzer, Sanitätsgerät, schwere Technik. Sachen also, die für alle anderen Flugzeuge zu groß, zu schwer, zu sperrig ist."

Schon 2006 hat die Nato den Salis-Vertrag mit einem russisch-ukrainischen Joint Venture geschlossen. Dieses zerbrach über der Krimkrise. 2016 wurde der Vertrag verlängert, die Nato hat nun eine Vereinbarung mit zwei getrennten Firmen. Mit der russischen Ruslan Salis GmbH und der ukrainischen Antonov Salis GmbH, beide mit Sitz in Leipzig.

Russisches Unternehmen wartet Antonovs

Dass man öfter Antonovs der russischen Wolga-Dnepr-Gruppe am Flughafen sieht, hat einen anderen Grund, erklärt Uwe Schuhart vom Flughafen: "Die Wolga-Dnepr-Gruppe unterhält als größter Betreiber dieses Flugzeugmusters am Flughafen Leipzig-Halle seit 2007 eine Wartungsbasis, seit 2013 auch einen Hangar, in dem umfassende Wartungsmaßnahmen an den Maschinen vorgenommen werden." Dienstleistungen wie Wartungsarbeiten fallen nicht unter die Sanktionen. Auch die Flugleistungen für die Nato nicht.

Kritik am Salis-Vertrag ist nicht neu

Es gibt jedoch Stimmen, die die Zusammenarbeit der Nato mit den Russen kritisch sehen. Franz-Josef Jung war 2006, zur Zeit des Vertragsabschlusses mit der Nato, Bundesverteidigungsminister. Schon 2014 warnte er im ARD-Magazin "FAKT": "Durch die aktuelle Lage hat sich die Situation verändert und auch mit der Krim verschärft. Da ist es problematisch auch im Hinblick auf den Salis-Vertrag. Ich kann nur sagen, wenn sich die Situation nicht hin zu einer friedlichen Entwicklung einstellt, muss das auch Konsequenzen haben, was den Salis-Vertrag betrifft." Hatte es aber nicht.

Widerspruch zum Nato-Vertrag?

Die Juristin Sabine Schlemmer-Schulte von der Handelshochschule sieht in der Zusammenarbeit sogar einen Widerspruch zum Nato-Vertrag: "Das ist ein politisches und militärisches Verteidigungsbündnis des Westens, das dazu dient, den Westen zu stärken, die Demokratien des Westens zu stärken. Da kann ich mich nicht exponieren, indem ich einen Auftrag an einen mittlerweile potenziellen Gegner vergebe. Das widerspricht eigentlich der Charta der Nato."

Besser wäre es gewesen, so Schlemmer-Schulte, den Vertrag ausschließlich mit den Richtung Westen, EU und Nato orientierten Ukrainern zu schließen.

Zuletzt aktualisiert: 10. Januar 2018, 07:12 Uhr

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10 Kommentare

11.01.2018 11:39 Mathias 10

@9 vigilando ascendimus - Transnistrien? Was hat Deutschland dort vergessen? Für mich sind die Briten beispielhaft: England hat keine Freunde, England hat nur Interessen. Es wäre nicht schlecht, wenn auch Deutschland sich mehr um eigene Interesse kümmert, statt "Freunden" überall versuchen zu helfen: die bleiben nur solange Freunde, bis sie etwas von Deutschland brauchen. So ist das Leben.

11.01.2018 11:07 vigilando ascendimus 9

In diese Zusammenhang:

Weiß jemand um die aktuelle Rolle Russlands und der Ukraine in Transnistrien (Ost-Moldawien)?

11.01.2018 10:57 vigilando ascendimus 8

Kompliment an den mdr, dass er sich des politisch brisanten Themas sachlich annimmt.

Er zeigt doch die Widersprüchlichkeit der deutschen und alliierten Verteidigungpolitik auf.

Selten seit 1813 war das deutsche Militär in einer solch schlechten Verfassung.

11.01.2018 09:16 Mathias 7

Deutschland ist leider technisch nicht in der Lage, ähnliche Flugzeuge wie Antonov 124 selbst herzustellen und zu warten. So bleibt Salis-Vertrag für Deutschlang wichtig, egal Sanktionen, Krim oder noch so etwas kommt. Es genügt, dass viele deutschen Firmen dank Sanktionen große Verluste haben und sogar Personal kürzen sollten. Ukraine sollte ihre Probleme mit Russland lieber selbst und nicht auf Kosten Deutschlands lösen.

11.01.2018 08:47 colditzer 6

Hallo Witz!
Ohne russische AN-124 ist die NATO/ BW nicht fähig größere Rüstungsgüter zu transportieren.
Der größte Teil der schweren Waffen der BW würde heute noch in Afghanistan stehen.
Das positive Element-ohne AN-124 fällt der Krieg aus.
Die Transportflieger der BW sind fast alle flügellahm.

10.01.2018 16:31 Ulf Jacob 5

Die Meinung von Frau Schlemmer-Schulte ließt sich für mich, als wären wir mit Russland demnächst im Krieg. Potentielle Gegner hat man früher schon mal als Erbfeind bezeichnet und bekämpft. Das ist uns nicht gut bekommen. Ich habe den Eindruck, dass die Russophobie des kalten Krieges im Westen Deutschlands (von dort kommt die Frau mit dem Doppelnamen) nie überwunden wurde und man jetzt endlich wenigsten wieder potentielle Gegner hat, an denen man sich abarbeiten kann. Ein stabiles Feindbild, das in den 90er Jahren fast abhanden gekommen wäre, ist scheinbar für die westdeutschen Eliten unverzichtbar. Schade nur, dass sie Ihre Hassbotschaften inzwischen auch im Osten Deutschlands proklamieren können. Da waren wir schon mal weiter. Wenn ich die Aussagen von Frau Schlemmer-Schulte richtig interpretiere, geht es ihr nicht um ein Zusammenarbeiten innerhalb Europas zum gegenseitigen Nutzen, sondern es geht um Orientierungen Richtung Osten oder Westen, also die alte Freund-Feind-Betrachtung

10.01.2018 12:14 Ralf Richter 4

@ 1- 3: Alles zusammen gefaßt, was es dazu zu sagen gibt.
Hier zeigt sich doch wieder mal, wie "unvoreingenommen" der MDR arbeitet. Man springt auf eine Vorlage einer ukr.-stämmigen Hörerin auf und glaubt, Dank einer "Expertin" den Feind aus dem Osten auf die Schliche gekommen zu sein.

10.01.2018 10:47 insider 3

Danke an @ 1 das Sie hier zur seriösen Aufklärung beigetragen haben. Vor allem erwähnen Sie ein wichtiges Detail. Das der ukrainische Antonov Ableger unter Fachleuten deutlich kritischer gesehen wird als der russische Volga Dnepr sollte in einer seriösen Berichterstattung erwähnt werden. Eigentlich der Job des mdr. Ohne Worte. Propaganda in Reinstkultur.

10.01.2018 09:21 Der Lange 2

Der Werdegang der Frau Schlemmer-Schulte gibt klare Auskunft, woher diese einseitige Betrachtungsweise kommt. Also nicht wundern.
Und als Vehikel im neuen kalten Krieg (bitte nicht schon wieder löschen - ist eine freie Meinungsäußerung) taugt dies immer.

09.01.2018 22:46 Nico 1

Es wäre sinnvoller gewesen, in diesem Zusammenhang jemand zu befragen, der einen thematischen Bezug hat. Eine Wirtschaftsjuristin hat den mit Sicherheit nicht, und so entstehen diese falschen Aussagen und Behauptungen. Wer ein privatwirtschaftliches Unternehmen den "potentiellen Gegner" nennt, hat den Zusammenhang nicht verstanden und nach einem sensationslustigen Schlagwort, schließlich fliegt hier nicht die RAF. Ein Kontrakt nur mit Antonov war abgesehen davon gar nicht möglich, zu verflochten sind beide Nationen im Betrieb und Erhalt der An-124. Volga Dnepr ist darüber hinaus deutlich westlicher orientiert als Antonov: Der deutsche Wartungsbetrieb AMTES für die Antonov und in diesem Jahr zudem noch die Gründung einer ebefalls deutschen Tochterfluggesellschaft, die auch An-124 betreiben wird. Von Russland nach Leipzig/Halle fliegen die Maschinen auch selten bis gar nicht - da die Maschinen in Leipzig stationiert sind, deshalb gibt es für einen Rückflug nach Russland keinen Grund.

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