Schlüsseldienst
Wucher ist eher selten - wenn es dazu kommt, sind meist Menschen betroffen, die Schlüsseldienste in einer Notlage anfordern müssen. Bildrechte: imago/McPHOTO

Handwerk Ab wann spricht man von Wucherpreisen?

Wer einen Handwerker braucht, kommt oft aus dem Staunen über die Preise nicht heraus. Vielen kommt dann der Verdacht: Hier wird Wucher betrieben! Aber ab wann spricht man überhaupt von Wucherpreisen?

von Ralf Geißler, MDR Aktuell

Schlüsseldienst
Wucher ist eher selten - wenn es dazu kommt, sind meist Menschen betroffen, die Schlüsseldienste in einer Notlage anfordern müssen. Bildrechte: imago/McPHOTO

Volker Lux ist Hauptgeschäftsführer in der Handwerkskammer in Leipzig – er gibt gern zu, dass die Preise im Bauhandwerk gestiegen sind. Mit Wucher habe das aber nichts zu tun, meint er. Vielmehr würde er von Marktwirtschaft sprechen. Die steigende Nachfrage nach Handwerkerleistungen und die Niedrigzinsphase hält er für maßgeblich.

Auch der fehlende Nachwuchs in Handwerksbetrieben verknappe die Leistungen – so bilde sich ein Preis, sagt er. Einen weiteren Grund sieht Lux darin, dass viele Menschen in ein Grundbuch und damit in eine eigene Immobilie statt in ein Sparbuch investieren.

Erst der doppelte Marktpreis ist Wucher

Und so kann eine Handwerkerstunde heute schon mal 60 Euro kosten. Ohne Mehrwertsteuer. Ab wann man von Wucher spricht, haben Gerichte klar definiert, sagt Michael Hummel von der Verbraucherzentrale Sachsen.

Von Wucher spricht man zivilrechtlich dann, wenn der Preis, der von mir gefordert wird, den Marktpreis um das Doppelte übersteigt.

Michael Hummel von der Verbraucherzentrale Sachsen

Den Marktpreis, also das, was die konkrete Dienstleistung im Durchschnitt kostet, müsse man natürlich kennen. Dafür kann man sich von verschiedenen Handwerkern Angebote einholen. Nimmt man ein Angebot an, und sei es noch so hoch, hat man den Preis akzeptiert. Wuchervorwürfe gibt es deshalb vor allem dann, wenn Handwerker in eine Notsituation gerufen werden und die Rechnung bar bezahlt werden soll. Und da ist man dann schnell bei den üblichen Verdächtigen:

Bei unseren Beratungen hier in der Verbraucherzentrale stellen wir fest, dass Wucher ganz besonders häufig auftritt bei Schlüsseldiensten. (…) Das sind Schlüsseldienste, die ziehen meistens ferngesteuert aus dem Ruhrgebiet durch die Gegend und zocken systematisch Menschen ab.

Michael Hummel von der Verbraucherzentrale Sachsen

Wucher ist eine Straftat – die Hürden einer Verurteilung sind jedoch hoch

Dabei ist Wucher eine Straftat, die mit Gefängnis belegt werden kann. In Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt wurde Wucher 2017 insgesamt 255 Mal angezeigt. Im Vergleich zu den 55 Anzeigen im Jahr 2014 ist das ein deutlicher Zuwachs. Trotzdem spielt Wucher in der Kriminalstatistik nur eine kleine Rolle. Und die Hürden für eine Verurteilung sind hoch, sagt Rechtsanwalt Harald Rotter. Denn es reicht nicht, dass eine Rechnung unverschämt war:

Derjenige, der da über den Tisch gezogen wird, muss sich entweder in einer Zwangslage befunden haben. Oder er muss in den Geschäften, mit denen er über den Tisch gezogen wird, unerfahren gewesen sein. Oder er muss ein mangelndes Urteilsvermögen gehabt haben. Oder es muss eine erhebliche Willensschwäche vorliegen.

Rechtsanwalt Harald Rotter

1.000 Euro für freigepumptes Toilettenrohr

Alle anderen Kunden hätten ja den Auftrag ablehnen oder die Bezahlung der Rechnung verweigern können. Zu Verurteilungen kommt es deshalb vor allem in Fällen wie dem des Hamburger Klempners, der einer jungen Mutter das Toilettenrohr frei gepumpt hat. Arbeitszeit: 45 Minuten. Rechnung: knapp 1.000 Euro.

Bleibt die Frage, um wieviel teurer seriöse Handwerker geworden sind. Zwischen 2015 und 2018 stiegen die Preise um elf Prozent, sagt Kammergeschäftsführer Lux. Gefühlt kommt einem das mehr vor. Lux entgegnet, das Gefühl täusche eben oft.

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Zuletzt aktualisiert: 30. Januar 2019, 07:37 Uhr