Ende der Zeitumstellung Juncker in der Populismusfalle

Jean-Claude Juncker hat mit seiner Entscheidung zur Zeitumstellung genau das Gegenteil bewirkt von dem, was er erreichen wollte: Europa ist gespalten und von Bürgernähe der vermeintlich entrückten EU-Bürokratenblase kommt bei den Menschen nichts an. Eine Einordnung von unserem Brüssel-Korrspondenten Malte Pieper.

von Malte Pieper, Korrespondent in Brüssel für MDR AKTUELL

Selten ist in der jüngeren europäischen Geschichte ein Reformprojekt sehenden Auges so vor die Wand gefahren worden wie die Abschaffung der Zeitumstellung. Und dann auch noch vom Chef selbst, vom EU-Kommissionspräsidenten, von Jean-Claude Juncker, der eigentlich nur Gutes wollte, dann aber doch in die selbst aufgestellte "Populismus-Falle" getappt ist.

Juncker wollte EU nahe beim Menschen zeigen

Am Anfang stand, wie gesagt, das hehre Ziel: In Zeiten, in denen die EU in der öffentlichen Wahrnehmung von Streit zu Streit eilt, sich über Flüchtlingsquoten nicht einigen kann, bei Euro-Rettungspakten sich bis aufs Messer bekämpft und mit Großbritannien eines ihrer wirtschaftlich stärksten Mitglieder verliert, sollten endlich einmal gute Nachrichten aus Brüssel kommen.

Juncker wollte, dass sich die vermeintlich so entrückte EU-Bürokratenblase nah bei den Menschen zeigt. So à la "wir können auch anders". Und wie sollte man das einfacher demonstrieren können, dachte er sich, als wenn man diese nervige Uhrendreherei mit einem Handschlag beendet.

Juncker ist Gespür für Europa verloren gegangen

Doch damit sind wir beim ersten Fehler von Jean-Claude Juncker angekommen. Ihn hat das Gespür für Europas Vielfalt verlassen. Juncker ist Luxemburger, nutzt stark deutschsprachige Medien. In denen ist die Zeitumstellung tatsächlich zwei Mal im Jahr ein großes Thema. Aber nur dort. In weiten Teilen Europas lockt man mit ihr keinen hinter dem Ofen hervor, wie Juncker bei der von ihm selbst initiierten Internet-Befragung eindrucksvoll hätte lernen können. Hauptsächlich Deutsche, Österreicher und Luxemburger beantworteten die Frage, ob man die Zeitumstellung abschaffen soll. In allen anderen Ländern lag die Beteiligung teils deutlich unter einem Prozent!

Das irritierte Juncker aber nicht. Noch bevor seine eigene Kommission, seine eigenen "Minister" sich im Rahmen ihrer Kabinettssitzung dazu äußern konnten, bestellte Juncker das deutsche Fernsehen zum Ort des Geschehens und verkündete die Entscheidung über die Abschaffung der Zeitumstellung, ehe sie also formal gefällt worden war.

"Nun macht mal!"

Er warf also den Mitgliedsstaaten den Brocken einfach so vor die Füße. Verbunden mit der Botschaft: "Nun macht mal!" Die Regierungen von Helsinki über Berlin bis Lissabon müssen die Suppe nun auslöffeln. Sie müssen die wirkliche kniffelige Entscheidung fällen: Wollen wir immer Sommer- oder immer Winterzeit?

Eine Frage, die Europa spalten kann wie kaum eine andere, denn sie greift extrem in das Leben aller Europäer ein.

Erst ab 10 Uhr Sonne in Frankreich

In Deutschland mögen wir wegen unserer zentralen Lage die Auswirkungen noch nicht so deutlich spüren. Im Westen Frankreichs oder Spaniens und im Osten Polens oder der Slowakei sehr wohl. In Teilen Frankreichs und Spaniens würde es nämlich im Dezember oder Januar erst nach zehn Uhr morgens hell, wenn man sich für die immer währende Sommerzeit entscheidet, man säße dort also lange im Dunkeln. In Polen oder der Slowakei wäre es genau der gegenteilige Effekt, wenn man die ewige Winterzeit wählt: Dort würde es im Juni schon gefühlt mitten in der Nacht taghell.

Mit anderen Worten: Wie man's macht, macht man's verkehrt.

Gegenteil erreicht

Und ein Zeitchaos, also dass jedes Land die Zeit für sich selbst nach den eigenen Erfahrungen festlegt wie im 19. Jahrhundert, das will auch jeder verhindern. Mit seiner eigenmächtigen Entscheidung hat Jean-Claude Juncker genau das Gegenteil bewirkt von dem, was erreichen wollte: Europa tritt nicht geeint, sondern gespalten auf. Der einzige Kompromiss, den es geben kann, den haben wir nämlich schon: Die Zeitumstellung. Zwei Mal im Jahr gleicht sie die Probleme mit der Helligkeit zwischen Warschau und Madrid, zwischen Oslo und Rom ziemlich elegant aus.

Juncker ist mit Anlauf in seine eigene "Populismus-Falle" getappt. Er hat schlicht das Gespür für die Menschen in Europa verloren.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 26. Oktober 2018 | 08:22 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Oktober 2018, 09:13 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

57 Kommentare

28.10.2018 02:36 NRW-18 57

@ 54 Leopold Breuer
Leider gibt es keine Möglichkeit, die Büroarbeit im Freien durchzuführen. :)
Scheint die Sonne, müssen oft die Jalousien geschlossen werden, um auf dem Monitor etwas sehen zu können. Die speziellen Tageslicht-Leuchtmittel bieten zwar ein gute Farbwiedergabe, ersetzen aber von Ihnen geschrieben nicht das natürliche Tageslicht.
Für mich ist es jetzt sozusagen 1:35 Uhr und ich habe eine Stunde angehängt. Somit geht die Umstellung spurlos an mir vorbei, da ich als Nachtmensch und Spätaufsteher am WE meist zwischen 1 und 2 Uhr schlafen gehe. Nur das fehlende Tageslicht wird mir bis Ende März Probleme bereiten.

27.10.2018 23:08 Vogel 56

Wieso wollen wir unseren angeborenen Biorhythmus dauerhaft unterdrücken, falls die Sommerzeit zur Echtzeit gemacht wird? Die Zeitumstellung ist jedesmal eine psysiche Tortur für den Körper und schränkt das Wohlbefinden ein. ( Ausnahme ggfs. routinierte Berufsgruppen wie z. Bsp Flugpersonal) Bleiben wir bei der Normalzeit , das täte uns allen besser... Anmerkungen man kann nur bei Tageslicht konzentriert arbeiten sind bei den heutigen Möglichkeiten der Lichttechnik für mich keine Argumente.

27.10.2018 20:58 Schrumpel 55

Kann es vielleicht sein, dass wir alle unter dieser besagten EU nur leiden. Warum gibt es wie der Schweiz oder in Großbritannien hier keine Volksabstimmungen?

27.10.2018 20:40 Leopold Breuer 54

Es kann ja niemand sagen, dass diese Online-Umfrage auch nur annähernd demokratischen Standards entsprochen hätte. Demokratisch wäre es gewesen, einen Wahltag festzulegen, davor Informationen herauszugeben um den Menschen zu erklären, was welche Entscheidung für Folgen hat und dann im Wahllokal eine Wahl abzuhalten. Die Online-Umfrage bot zu viel Manipulationsspielraum.

@NRW-18: Aber die kurze Zeit, die sie im hellen auf dem Weg zur Arbeit unterwegs sind, führt dazu, dass sie wacher werden und konzentrierter Arbeiten können. Das wäre mir wichtiger als helligkeit in Freizeit. Gibt es denn keine Möglichkeit, dass si ein der Arbeit natürlichem Licht ausgesetzt sind?

27.10.2018 20:20 Zucki 53

Bei den Zeitzonen sollte man sich vielleicht einmal an den Meridianen orientieren.
Für Frankreich, Spanien, Niederlande und Belgien ist bereits mit der Normalzeit die Sommerzeit eingeführt; die Normalzeit für diese Staaten wäre GMT +/- 0 und nicht wie bereits jetzt GMT +1

Für Kommunikation und Transport sind keine Probleme zu erwarten - oder man muss zugeben, dass man für internationale Beziehungen nicht geeignet ist.

27.10.2018 19:06 Schneiker Mathias 52

Zeitumstellung von Sommer auf Winterzeit. 0:30 Uhr zurück auf 0:00 drehen und jeder kommt zu seinem Recht. 30,00 Minuten mehr Sommer und 30,00 Minuten mehr Winterzeit. Jeder kommt zu seinem Recht. Für mich die perfekte Lösung und dann für immer und ein ende mit diesem Thema.

27.10.2018 17:26 Ulf 51

"Der einzige Kompromiss, den es geben kann, haben wir schon". Vor Einführung der Zeitumstellerei sind die Menschen auch mit den Gegebenheiten der Zeit zurecht gekommen. Große Länder leben auch gut mit unterschiedlichen Zeitzonen und so sollte sich Europa nicht unbedingt an einer einheitlichen Zeit orientieren. Es ist auch nicht richtig, Juncker sein Verhalten in diesem Punkt vorzuwerfen, als ob er das Gespür für Europa verloren hätte. Er kann das so machen und sollte sich nicht von allen möglichen Befindlichkeiten leiten lassen, weil sonst nichts wird. Ob die Zeitumstellungsfrage so eine knifflige Frage ist, kann ja wohl angezweifelt werden. Wie will den Europa die wirklich großen Probleme lösen, wenn es selbst bei solch kleinen Problemchen keine Lösung finden würde?

27.10.2018 13:52 der Uwe 50

Eigentlich haben wir definierte Zeitzonen, wenn es den Westfranzosen zu lange dunkel ist, dann soll Frankreich in die Londoner -Zeitzone wechseln . Selbiges gilt analog gen (nach) Moskauer Zeitzone für die Slowakei oder Polen.Vor der Sommerzeit- Einführung haben die Menschen doch auch "überlebt". Die Bewohner der Polarkreisländer müssen sich auch mit dem Tageslicht nach astrologischen Gegebenheiten abfinden. Ich kann mich entsinnen, dass vor der Sommerzeit in der DDR und Westeuropa die damalige CSSR diese bereits ein Jahr vorher hatte, ( müßte also schon 1979 gewesen sein..? 10:00Uhr in Plauen = 11:00Uhr in Cheb) - davon ist auch die Welt nicht untergegangen.

27.10.2018 12:09 Leopold Breuer 49

@NRW-18 : Ich persönlich habe schon seit Jahren probleme mit der Umstellung und sage ganz ehrlcih: Ob ich nun einen Abend im Hellen oder Dunklen feiere oder im Hellen oder dunklen joggen gehe oder spazieren gehe, ist mir sch****egal, aber wen ich arbeite brauche ich Tageslicht.

27.10.2018 12:06 Leopold Breuer 48

ch sehe ja das Hauptproblem darin, dass die Zeitzone zu groß ist. Würde man tatsächlich irgendwo in Europa eine weitere Zeitzone einführen könnte man bei einer Zeit bleiben (mein Favorit: Normalzeit (sogenannte Winterzeit)) und man hätte diese Verschiebung des Biorythmus nicht mehr.

@NRW-18: Die helligkeit am Morgen ist elementar wichtig, dass die Leute, die arbeiten ihre hohe Konzentration aufrechterhalten können und Bestleistungen erbringen können. Kein künstliches Licht kann Tageslicht ersetzen.