Personalmangel Sorge um Zukunft der Rettungsdienste

In Landkreis Meißen und in Nordsachsen fährt nicht mehr der DRK die Rettungsdienste. Die Kreise haben sich andere Anbieter gesucht. Der Grund: Einige Rettungswagen konnten nicht fahren, ihnen fehlten schlichtweg die Sanitäter. In einem Positionspapier kritisieren die Hilfsorganisationen nun den akuten Personalmangel und die Vergabepraxis für Verträge mit Städten und Gemeinden. Sie warnen vor einer akuten Gefährdung der Sicherstellung von Rettungsdiensten. Jetzt soll es weitere Gespräche geben.

von Lydia Jakobi, MDR AKTUELL

Bis Anfang dieses Jahres war es so: Ging im Kreis Meißen ein Notruf ein, dann fuhren die Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) los. Doch im Januar kündigte der Landkreis den Vertrag mit dem DRK und suchte sich einen anderen Anbieter - genauso der Kreis Nordsachsen. Der Grund in Meißen: Die Rettungswagen konnten häufig nicht starten, weil die Sanitäter fehlten. In Nordsachsen erklärte das DRK, man könne die Aufgabe aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr erfüllen.*

Diese Probleme haben das DRK und andere Organisationen in ihrem Positionspapier thematisiert, das MDR AKTUELL vorliegt. Mit teils scharfen Worten weisen sie auf die Lage der Rettungsdienste in Sachsen hin: "Derzeit ist die langfristige Sicherstellung des Rettungsdienstes durch die schlechte Arbeitsmarktsituation und die starren Formalismen der Durchführungsverträge gefährdet."

Zu wenig Personal

Dietmar Link, Vorstandsmitglied der Johanniter Sachsen, erklärt, einer der größten Knackpunkte sei das knappe Personal – nicht zuletzt, weil die Mitarbeiter jetzt besser ausgebildet würden. Aus Rettungsassistenten würden Notfallsanitäter. Die Notfallsanitäter-Ausbildung dauere drei Jahre, die bisherige nur zwei Jahre, da entstünden Lücken in der Personalbesetzung. Das müsse man ausgleichen. Notfallsanitäter würden aber auch gern von Krankenhäusern eingestellt werden, das heißt, ein Teil derer, die man ausbilde, stünden später gar nicht dem Rettungsdienst zur Verfügung.

Der günstigste Anbieter bekommt den Zuschlag

Ein weiteres Problem: Die Auftragsvergabe für den Rettungsdienst. Die Landkreise und Rettungszweckverbände schreiben den Auftrag für sieben Jahre aus. Den Zuschlag bekommt die Organisation, die das günstigste Angebot macht.

Innovation und Weiterentwicklung seien dadurch fast unmöglich, heißt es in dem Positionspapier. Die Verträge würden zu starren Sieben-Jahres-Plänen. Die Rettungsdienste müssten sämtliche Risiken tragen. Zum Beispiel für die technische Ausstattung und die steigenden Personalkosten. Was das konkret bedeutet, dazu gibt man sich sehr zugeknöpft. Man wolle sich lieber nicht öffentlich äußern.

Kritik sei überzogen

Robert Stöhr fährt als Notarzt regelmäßig mit den Sanitätern raus. Er ist der ärztliche Leiter des Rettungsdienstes im Landkreis Leipzig, sozusagen der Chef der Notärzte. Stöhr hält die Kritik aus dem Papier stellenweise für übertrieben: "Der Gesprächsbedarf kann in Teilen nachvollzogen werden, aber die Konstellationen in den Gebieten sind unterschiedlich, sodass pauschale Aussagen über ganz Sachsen keine allgemeine Gültigkeit haben."

Gespräche mit Städten und Gemeinden


Vergangenen Freitag haben sich die Rettungsdienste zum ersten Mal mit Vertretern von Krankenkassen, Städte- und Gemeindebund und dem Landkreistag getroffen.

Veronika Müller, stellvertretende Geschäftsführerin des Landkreistags, sagt: "Ich bin froh, dass wir gemeinsam mit den Hilfsorganisationen diesen Gesprächstermin hatten, denn wir sind ja alle Partner in der Aufgabe Rettungsdienst und ich bin mir sicher, die Aufgabe kann und wird uns nur gemeinsam gelingen."

Mehr könne man erstmal nicht sagen. Weitere Gespräche sollen folgen. Ergebnis: noch offen.


* Anmerkung der Redaktion

Wir haben die Textstelle überarbeitet. Ursprünglich lautete die Passage folgendermaßen: Der Grund: Die Rettungswagen konnten häufig nicht starten, weil die Sanitäter fehlten.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 24.10.2017 | ab 9 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Oktober 2017, 11:25 Uhr

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19 Kommentare

25.10.2017 11:15 Marco Fischer 19

Guten Morgen, zunächst bin ich sehr froh das diese hochbrisante Thematik endlich in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Es spielen sicherlich mehrere Faktoren eine Rolle wie es zu diesen Misständen kommen konnte. Die Notfallsanitäter Ausbildung trägt sicher verschärfend dazu bei ist aber keine generelle Entschuldigung die seitens der Kommune/Stadt gern vorangeführt wird. Der demographische Wandel, die stetig steigende Einwohnerzahl (Leipzig), die wie schon von anderen kommentierte schlechte Bezahlung, hohe Stundenbelastung, hohe körperliche Belastung, Schichtarbeit, Nicht zu vergessen ist auch die psychische Belastunge, die jeder mit nach Hause nimmt. In den letzten Wochen wurde seitens der IG Metall eine 24h Woche diskutiert. Im Rettungsdienst sind 48h die Regel! Wenn der IG Metall Arbeiter einen Fehler macht fällt eine Packung Schrauben runter. Wenn wir einen Fehler machen, bezahlen Sie es mit ihrem Leben! Wie wollen Sie junge Leute unter solchen Vorraussetzungen motivieren???

25.10.2017 09:17 Mike 18

Lieber MDR ,sehr schlecht recherchiert .In Nordsachsen blieb nicht ein Fahzeug der besagten Wachen wegen Personalmangel stehen. Es wurde nur der Leistungsanbieter ,das DRK Meissen ,welches auch für die Wachen in Nordsachsen zuständig war ,gekündigt. Das Abmelden von Fahrzeugen wegen Personalmangel ist leider keine Seltenheit in Nordsachsen und anderen Rettungsdienstbereichen. Noch konnten die besagten Wachen des neuen Anbieters weiterhin alle Fahrzeuge korrekt besetzen.NOCH...

[Lieber Mike, vielen Dank für Ihre Anmerkung und Kritik. Wir haben uns in der Recherche auf folgende Aussagen gestützt: http://www.mdr.de/sachsen/dresden/landkreis-meissen-rettungsdienst100.html.
Ich muss Ihnen aber insofern Recht geben, als dass die Verknüpfung der Sätze zumindest missverständlich ist. Im Kreis Meißen war der Grund für die Vertragskündigung, dass Rettungswagen nicht besetzt werden konnten, im Kreis Nordsachsen wurden generelle wirtschaftliche Probleme angeführt. Die Stelle wird korrigiert, sodass kein falscher Eindruck entsteht.

Mit freundlichen Grüßen. MDR.de-Redaktion Sachsen]

24.10.2017 21:02 Keller Jürgen 17

Wie wollt ihr Nachwuchs finden mit diesen Konditionen:
Arbeitszeit: 48 Stunden/Woche plus Arbeitsbereitschaft macht mit Überstunden 200 bis 210 Stunden monatlich. Familie,Privatleben kannst vergessen...lach..
Gehalt: Bezahlung nicht nach Qualifikation sondern nach Planstelle, somit verdient man je nach der EG Stufe 200-500 Euro Brutto weniger. Familie gründen und ernähren....ich lache immer noch...
Dienstplan: Absolute Horrorgeschichte vor allem Stadtrettung. Mitarbeiter werden einfach mit 4 bis 5 Schichten/Woche je 12 Stunden verheizt mit einer Auslastung von 80% pro Schicht (nur reine Einsatzdauer ohne weiteren Arbeiten) und bezahlt wird je nach Organisation 9 oder 10 Stunden. Also verdienen Mitarbeiter noch weniger z.B. Zuschläge....
RD Wachen: Ich weis nicht über viele andere RD Bereiche,aber in Leipzig absoluter DDR Stand. Seit 1990 (27 Jahre Karl) wurde in Leipzig keine einzige Wache gebaut außer Wache am Stadion zu WM 2006 (Kostenträger Bund).
So ich habe fertig.

24.10.2017 19:26 Tino 16

@ Klaus: Tolle Idee, den RD vollsständig an die Feuerwehr zu hängen und damit die ganze übrige med. Notfallvorsorge im Katastrophenschutz und Sanitätsdienst davon abzuhängen (es sei denn, die Feuerwehren sollen auch das übernehmen).
Nur: Selbst der Feuerwehr wird es auch mit mehr Geld nicht gelingen, mehr (geeignete) Fachkräfte einzukaufe (wie den Organisationen auch nicht).
Letztlich wäre das eine Situation, wo alle verlieren würden.
Mehr Geld können die Helfer auch mit den Organisationen als beauftragte Arbeitgeber bekommen .

24.10.2017 19:15 lex 15

Nachtrag:
KH egal ob in Trägerschaft der Kommunen, DRK, Kirche, Helios etc. müssen auch nicht regelmäßig ausgeschrieben werden. Initiativen der Länder sind bisher am Bund gescheitert.

24.10.2017 19:06 lex 14

Ich habe Erf. mit jeglicher Form von RD. Der Staat hat schon aus gutem Grund Möglichk. geschaffen auch andere mit hohetlichen Rechten zu beleihen. Der TÜV ist ein Verein wie die Hiorg. auch und führt hoheitliche Aufgabe mit beliehenen hoheitlichen Rechten durch. Zudem gibt es Krankenh. auch in Trägerschaft des DRK, Kirche und anderer. Aus eigenenr ERf. muss ich sagen , das in manchen kirchl. KH das Pers. freundlicher ist als in manchem kommunalen KH. Ein staatl. RD löst keine Probleme. Zumal bei vielen BF und auch anderen Formen der kommunalen Rettung Personalknappheit herrscht. Zumal ich aus eigener Erf. und von vielen anderen die ich quer durch das Bundesgebiet kenne für viel dei erst ein Handwerk lernen und dann zur BF gehen, blauen Dienst machen. Für die ist der RD nichts als eine lästige Pflichtaufgabe. Das Thema Ausschreibungen hätte man längst auf nationaler Ebene entschärfen können. Wäre der RD im SGB eine medizinische Aufgabe und nicht wie jetzt eine Transportleistung.

24.10.2017 18:06 Dariusz Anjeko 13

Lieber MDR Redaktion, Ihre Berichterstattung zu diesem Thema macht mich wütend!

Frank Beier hat in seinem Kommentar alle wesentlichen Probleme genannt, die zu dieser Situation geführt haben.

Wenn Sie an einer korrekten interessiert sind, dann fragen Sie die betroffenen Mitarbeiter. Von den verantwortlichen Greisen der Hilfsorganisationen und der ignoranten Lokalpolitik werden alles zu hören bekommen nur nicht was richtig ist. Danke

24.10.2017 17:47 4711 12

Überall nur Probleme im eigenen Land u. unsere Regierung u. auch die (vielleicht) Jamaika Regierung werden sich nicht ums eigene Land scheren, sondern um die Rettung der Welt!

24.10.2017 17:33 Klaus 11

Herr Kretschmer, Rettungsdienst muss an die Feuerwehren ran, genauso wie die Berg-, Wasser-
und Sonstwas-Wacht. Und die Gesamttruppe entweder organisatorisch an das Land oder an die Landkreise. Wir brauchen eine schlagkräftige Gefahrenabwehr!! Sie sorgen für annähernd gleiche Lebensverhältnisse und entlasten die Gemeinden. Also ran.

24.10.2017 17:16 Markus 10

Angebot und Nachfrage regelt sich in der Wirtschaft über den Preis, sprich Stundenlohn. Kann es nicht fassen, staatliche Einrichtungen, Kommunen usw. sich aktiv am Lohndumpimg beteiligen und dann stöhnen, es gäbe keine Arbeitskräfte. Die gibt es garantiert, aber nicht für 9€.

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