Interview Die Pflegekarawane

Bis zu 400.000 Pflegekräfte aus Osteuropa, so schätzen Experten, betreuen in deutschen Familien die Alten und Kranken. Der MDR-Film "Die Karawane der Pflegerinnen" beleuchtet die Situation der Pflegekräfte aus dem Osten. Die Reportage ist mit dem Deutsch-Polnischen Journalistenpreis ausgezeichnet worden. Wir haben mit dem Autor Ingo Dell gesprochen.

Ingo Dell
Bildrechte: Ingo Dell

War es schwer, Protagonisten für den Film zu finden?

Das war tatsächlich schwer. Wir haben vier Monate gebraucht, um eine Familie zu finden, bei der wir die Betreuung einer alten, kranken Frau durch eine Polin filmen konnten. Dass das so schwer war, hat mehrere Gründe. Zum einen ist das ein sehr sensibles Thema. Viele Menschen bzw. deren Angehörige wollen nicht, dass die zu betreuende Person mit ihren körperlichen Gebrechen oder kognitiven Defiziten gefilmt wird, was aus meiner Sicht auch vollkommen nachvollziehbar ist. Zum anderen müssen auch noch die Betreuerin und unter Umständen auch die Agentur, die die Betreuerin nach Deutschland vermittelt hat, den Dreharbeiten zustimmen.

Gibt es ein Schuldbewusstsein, wenn man eine Frau aus Osteuropa einstellt? Oder wenn man überhaupt jemand Fremdes zur Pflege seiner Familienangehörigen einstellt?

Das habe ich nicht erlebt. Die Familien sehen einfach keinen anderen Ausweg. Die Kinder leben oft weit entfernt von ihren Eltern und können sich deshalb nicht intensiv um sie kümmern. Und finanziell gesehen ist es ja so, dass die deutschen Familien viel Geld für eine solche Betreuerin bezahlen und oft gar nicht wissen, wie wenig bei der Betreuerin, die die Arbeit macht, hängenbleibt, weil eine oder mehrere Vermittlungsagenturen mitverdienen.

Haben Sie Fälle von Ausbeutung hinter der Kamera erlebt?

Bei der Recherche sind wir auf krasse Fälle gestoßen, die dann aber filmisch nicht umsetzbar waren. Oft wurde uns von unmenschlichen Arbeitszeiten erzählt. Aber es gab auch andere Probleme: Ich erinnere mich an eine bulgarische Betreuerin, die ein Jahr lang ununterbrochen bei einer alten Dame gewohnt und sich um diese gekümmert hat. Als sie dann ihren im Arbeitsvertrag vereinbarten bezahlten Urlaub nehmen wollte, hat die Familie sie einfach abgewiesen. Oder ein polnischer Betreuer musste bei offenem Fenster mit im Zimmer eines alten Mannes schlafen, weil dieser das so gewohnt war. Nach einer Woche hatte er eine Lungenentzündung und musste zur Behandlung und Genesung wieder zurück nach Polen.

Gibt es immer mehr Pflegekräfte aus Osteuropa?

Der Pflegebedarf wird immer höher und deswegen gehen Experten davon aus, dass auch die Zahl der Betreuerinnen, nicht nur aus Polen, sondern auch aus anderen osteuropäischen Ländern oder auch vom Balkan, weiter steigen wird. Wie viele derzeit in Deutschland arbeiten, ist schwer zu sagen. Expertenschätzungen liegen zwischen 150.000 bis 400.000 im Jahr. Ihre Zahl ist auch deswegen schwer zu bestimmen, weil viele Frauen in den Familien schwarz arbeiten. 

Was sind die größten Probleme, mit denen eine osteuropäische Betreuungskraft hier zu kämpfen hat? Was schätzen Betreuer an ihrem Job?

Das Hauptproblem sind meines Erachtens die oft viel zu langen Arbeitszeiten. Von einer 40-Stunden-Woche können die meisten nur träumen. Dabei muss man auch bedenken, dass bei Angestellten in Deutschland auch die Bereitschaftszeit als Arbeitszeit gilt. Es gibt aber auch andere Probleme wie fehlende Krankenversicherungskarten und schlechte Arbeitsverträge. Viele Betreuerinnen sind darüber hinaus zum Beispiel bei Demenzkranken vollkommen überfordert, weil sie nicht dafür ausgebildet sind, mit solchen Kranken umzugehen, insbesondere wenn diese aggressiv werden.   

Meines Erachtens ist die Hauptmotivation, in Deutschland zu arbeiten, vor allem das Geld, das sie hier verdienen können. In ihren Heimatländern bekommen diese Frauen oft keine Arbeit mehr und wenn doch, dann verdienen sie nur einen Bruchteil dessen, was sie hier als Betreuerin bekommen.

Was muss geschehen, um die 24-Stunden-Pflege für die ausländischen Betreuerinnen vertretbar zu gestalten? Kann man als Deutscher, der eine Betreuerin anstellt, dazu beitragen?

Ich denke, man muss vor allem darauf achten, dass die Frauen genug Pausen und Ruhezeiten haben. Und da hat die Familie, die eine solche Betreuerin beschäftigt, schon die Möglichkeit, das in geordnete Bahnen zu lenken. Und falls man die Betreuerin nicht selbst anstellt, ist es ja vor einem Vertragsabschluss mit einer Agentur auch nicht verboten nachzufragen, was die Betreuerin verdient, so dass man sicher sein kann, dass man nicht Teil eines Ausbeutungsmodells wird.

Auf welcher Seite wird das System kriminell? Bei den etwa 300 Vermittlungs-Firmen in Deutschland oder bei den polnischen Kooperations-Firmen?

Kriminell ist es vor allem dann, wenn schwarz gearbeitet wird. Hier haben die Behörden aber große Probleme, intensiver zu kontrollieren, weil in Deutschland die Unverletzlichkeit der Wohnung im Grundgesetz verankert ist. Beim Problem unmenschlicher Arbeitszeiten und schlechter Entlohnung ist der Gesetzgeber gefragt. Er muss die arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen dieser 24-Stunden-Betreuung so festlegen, dass Ausbeutung einfach nicht mehr möglich ist.

Würden Sie selber eine polnische Betreuerin anstellen?

Wenn ich keine andere Möglichkeit mehr sehen würde, um einen Angehörigen gut zu  versorgen – und das geht ja unzähligen Familien in Deutschland so - ja.  

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im Fernsehen : Die Karawane der Pflegerinnen | 24.06.2018 | 22:00 Uhr

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