Pflegekräfte aus Osteuropa Bis zu 320 Stunden im Monat

Ein Thüringer Pflegedienst nutzt offenbar massiv seine Arbeitskräfte aus. Eine Krankenschwester aus Rumänien hat im Schnitt 80 Stunden pro Woche geleistet. Am Ende konnte sie nicht mehr und wartete auch noch auf Lohn.

"Das hat mich kaputt gemacht", sagt Monika Ruck. Die Krankenschwester hat für einen Erfurter Pflegedienst gearbeitet und zeigt MDR "exakt" ihre Stundenabrechnung: im Schnitt 80 Stunden pro Woche, bis zu 321 Stunden in einem Monat. "Ich habe zu wenig geschlafen und hatte keine Zeit mehr zum Lesen oder Spazieren.“ Ihr Hausarzt lässt sie krankschreiben und sie kündigt.

Dass es so endet, hätte die gebürtige Rumänin nicht gedacht. In ihrer Heimat hatte sie ihre Ausbildung absolviert. Als es auf den Abschluss zuging, kamen Mitarbeiter des Erfurter Pflegedienstes "Nemopflege" in die Schule, um neues Personal anzuwerben. Monika Ruck ließ sich von einer unbefristeten Festanstellung, einem Sprachkurs und der Anerkennung der Berufsabschlüsse locken. Sie glaubte, es würde gut werden. Sie wurde in der Intensivpflege eingesetzt und hatte schwerstkranke Patienten zu betreuen – bis zur Erschöpfung.

Nur wenige können sich einen Anwalt leisten

Doch nach ihrer Kündigung hat ihr Arbeitgeber noch nicht den kompletten Lohn an die Monika Ruck gezahlt. Deshalb hat die 47-Jährige einen Anwalt eingeschaltet. "Das was ich bisher geschildert bekommen habe, das ist eigentlich jenseits von Gut und Böse", sagt Rechtsanwalt Robert Sittkus. "Die Arbeitnehmer werden beschimpft von ihrem Arbeitgeber. Ihnen wird gedroht." Der Arbeitsrechtler sagt, die Firma setze darauf, dass sich ein Großteil der Geschädigten die Klage nicht leisten könne. "Ich würde jetzt sagen: Es ist einer von fünf Fällen, der sich dann wirklich anwaltlichen Beistandes bedient. Und die anderen vier Fälle, die fallen unter den Tisch."

Der Pflegedienst "Nemopflege" ist beim Arbeitsgericht Erfurt nicht unbekannt. Dort sind seit 2015 insgesamt 34 Klagen von ehemaligen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern gegen das Unternehmen aktenkundig. In den meisten Fällen ging es um ausbleibende Lohnzahlungen. Von der Gewerkschaft ver.di erfährt MDR "exakt", dass die Firmengruppe mindestens 200 Mitarbeiter hat. Ein wichtiges Geschäftsfeld ist die lukrative Intensivpflege – in der auch Monika Ruck tätig war.

Intensivpflege ist immer dann nötig, wenn ein Patient etwa im Wachkoma liegt und künstlich beatmet werden muss, oder Patienten eine schwere Behinderung haben. Für die Behandlung rund um die Uhr zahlen die Kranken- und Pflegekassen je nach Diagnose zwischen 6.000 und bis zu 30.000 Euro pro Patient und Monat.

Übermüdete Pflegerinnen - Fehler mit Folgen

Ausländische Pflegerin bei der Arbeit
Pflegerin bei der Arbeit Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Überlastung der Pflegekräfte hat Folgen. Eine Angehörige, deren Bruder als Intensiv-Patient von "Nemopflege" versorgt wurde, berichtet MDR "exakt" von ihren Erfahrungen mit dem Unternehmen. Sie möchte nicht erkannt werden. "Die Pflegerinnen haben übermüdet gewirkt. Die Frauen haben so schlecht Deutsch gesprochen, dass eine Verständigung oft gar nicht möglich war", sagt sie. Zudem hätten die Krankenschwestern offenbar die Aufschrift auf Desinfektionsmitteln in deutscher Sprache nicht verstanden. So habe eine Pflegerin den Ernährungsschlauch, der bei ihrem Bruder durch die Bauchdecke führt, mit Hand-Desinfektionsmittel sterilisiert. "Dann hat sich dort die Haut entzündet." Der Geschäftsführer des Unternehmens wollte zu den Vorwürfen keine Stellung nehmen.

Für den DGB Thüringen sind die Arbeitsbedingungen unzumutbar. "Es kann nicht sein, dass wenn man die Sprache nicht spricht und mit falschen Versprechen hier hergekommen ist, dass man so behandelt wird wie Vieh eigentlich", sagt Delia Dancia. Sie setzt sich mit ihren Kolleginnen vom Projekt "Faire Mobilität Thüringen" für die Rechte von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern aus Osteuropa ein. Sie empört, dass auch Beschäftigte aus anderen Branchen wie Logistik, Bau und Lebensmittel-Industrie unter solchen Bedingungen arbeiten müssen. "Seien wir mal ehrlich, die meisten Fälle sind ja nah an Menschenhandel, wenn man es so nehmen will."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 05. Juni 2019 | 20:15 Uhr

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