Trotz Energiekrise Slowakei: Energiesparen? Fehlanzeige!

19. Februar 2023, 05:00 Uhr

Während viele Deutsche lieber einen Pulli mehr anziehen als die Heizung aufzudrehen, halten die Slowaken auch in Zeiten der Energiekrise nichts vom Sparen. Dort gelten Wohnräume mit 23 Grad Celsius als gerade noch so gemütlich. Hohe Gas- und Stromrechnungen muss dank staatlicher Subventionen niemand befürchten. Die Kehrseite der Medaille: Niemand hat wegen dieser Politik einen Anreiz, seinen Verbrauch zu senken, obwohl das Land nach wie vor von russischem Gas abhänging ist.

Alexandra Sabolová
Bildrechte: Alexandra Sabolová/MDR

Als Milan Sogel 2018 sein Einfamilienhaus nahe der nordslowakischen Stadt Čadca umbaute, wollte er sich ein bisschen Luxus gönnen – Luxus, der seinen Energieverbrauch allerdings enorm nach oben schnellen ließ. Er riss den alten Holzboden weg und verlegte in allen Zimmern Travertin-Fliesen, installierte im Wohnzimmer außerdem üppige Wandpaneele aus Stein und kaufte für den neu entstandenen offenen Küchenbereich einen großzügig bemessenen Kühlschrank.

Eigenheimbesitzer Milan Sogel in seiner renovierten Küche am neuen, stromfressenden großen Kühlschrank
Milan Sogel an seinem stromfressenden Kühlschrank Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der durchschnittliche Energieverbrauch seines Hauses habe sich dadurch mehr als verfünffacht, berichtet der 61-jährige Elektriker – von 9.500 Kilowattstunden pro Jahr auf 50.000 Kilowattstunden! Doch graue Haare lässt er sich deswegen nicht wachsen: "Es ist zwar wirtschaftlich unvorteilhaft, aber endlich kann ich mir diesen Komfort nach Jahren anstrengender körperlicher Arbeit im Ausland leisten", sagt er.

Slowaken heizen weit über EU-Schnitt

So wie Sogel verwenden Millionen Slowaken beim Umbau ihrer Domizile Materialien, die unter dem Gesichtspunkt von Energieeffizienz ungeeignet sind. Hinzu kommt: Die Menschen in der Slowakei haben es gerne warm in der Wohnung. Wie das Unternehmen Ista Slovensko ermittelte, sind die Innenraumtemperaturen in der Slowakei durchschnittlich um vier Grad Celsius höher als in den übrigen EU-Ländern, die wegen des Ukraine-Krieges bei der Heizung derzeit besonders sparen.

Milan Sogel hat seine eigene Theorie dazu: "Es ist verständlich. Wir tragen den ganzen Tag warme Klamotten. Am Tag ist es jetzt im Februar draußen minus 13 Grad Celsius kalt. Wir wollen es uns dann zu Hause gemütlich machen, und gutes Heizen ist dabei unerlässlich. Außerdem wird in der Slowakei gesagt, dass unbeheizte Räume schimmelig werden."

EU will Gas sparen – nicht mit der Slowakei!

Die Europäische Kommission empfiehlt in Wohnräumen eine Temperatur von 20 Grad Celsius. Viele Menschen in Europa drehen die Thermostate derzeit sogar auf 18 oder 16 Grad herunter, auch wenn sie dazu nicht alle direkt von ihren Regierungen aufgerufen werden. Ihre Motivation sind nicht nur exorbitante Energiekosten, sondern auch Solidarität mit den Ukrainern.

Erklärbox: Wie will die EU Gas sparen?

Ende 2022 bestätigten die EU-Mitgliedstaaten offiziell die Verordnung über eine freiwillige Reduzierung des Gasverbrauchs in diesem Winter. Damit reagiert die EU auf gesunkene Gaslieferungen aus Russland. Die Mitgliedstaaten verpflichteten sich, ihren Gasverbrauch zwischen Anfang August 2022 und Ende März 2023 um 15 Prozent gegenüber dem Durchschnitt der letzten fünf Jahre zu senken. Der Slowakei wurde allerdings eine Ausnahme zugestanden, so dass sie mehr Gas verbrennen kann.

Außerdem soll das Prinzip der Solidarität unter den EU-Ländern gelten. EU-Vorschriften verpflichten Mitgliedstaaten, Gas in einen Nachbarstaat zu schicken, dessen Haushalte oder lebenswichtige Einrichtungen wie Krankenhäuser mit gravierenden Engpässen konfrontiert sind.

Die Slowaken heizen dagegen wie vor dem Krieg. Dabei hätten auch sie allen Grund zum Sparen, denn Gas ist in der Slowakei der am häufigste genutzte Energieträger beim Heizen und das Land ist nach wie vor stark von russischem Gas abhängig. Eventuelle Gasengpässe hätten zudem gravierende Folgen für die slowakische Wirtschaft: Laut Internationalem Währungsfonds könnten sie das Bruttoinlandsprodukt des Landes um bis zu sechs Prozent schrumpfen lassen.

Trotzdem erhielten private Haushalte in der Slowakei keine Ziele zur Gaseinsparung. Wirtschaftsminister Richard Sulík handelte in Brüssel vielmehr eine Ausnahme vom EU-weiten Ziel der Gaseinsparung um 15 Prozent aus. Sulík hält es für einen extremen Schritt, den Menschen ihre Gas- oder Stromversorgung einzuschränken. "Wir haben bessere Optionen auf dem Tisch", erklärte er in einem Pressestatement.

Winterliches Bratislava
Winterliches Bratislava: Die Regierung hier kennt nur eine Antwort auf die Energiekrise – subventionierte Gas- und Strompreise. Bildrechte: IMAGO / Wolfgang Simlinger

Staat subventioniert Gas und Strom

Sein Rezept für die Energiekrise ist eine Obergrenze für Gaspreise für slowakische Haushalte. Dadurch sollen die Gaspreise für Verbraucher dieses Jahr nur moderat im Vergleich zum Vorjahr steigen – durchschnittlich um knapp 16 Prozent. Außerdem friert die slowakische Regierung die Strompreise für Haushalte für die nächsten drei Jahre ein. Die Maßnahme wird mit der Besteuerung übermäßiger Gewinne aus dem Verkauf von Atomstrom finanziert. "Wir werden von den Reichen nehmen und den Armen über den Staatshaushalt geben", erklärt Finanzminister Igor Matovič.

Ohne diese Eingriffe wären die Preise für Strom und Gas bereits im Januar 2023 um 380 Prozent gestiegen – eine Entwicklung, die nicht nur die Bürger fürchten, sondern auch die slowakischen Politiker, die mit Angst beobachten, wie die tschechischen Nachbarn wegen steigender Energiepreise und Inflation wütend auf die Straßen gehen.

Verfehlte Energiepolitik?

Doch die Regierung setze damit keinerlei Anreize, Gas zu sparen und die Abhängigkeit von Russland zu verringern, klagt Juraj Petras von der Slowakischen Technischen Universität. Dank der Preisbremsen sei niemand gezwungen, seinen Energieverbrauch zu drosseln, so Petras. "Sobald die Leute die Motivation zum Sparen verlieren, hören sie damit auf, weil es keinen Grund gibt zu sparen. Das ist der schlimmste Teil der neuen Energiepolitik." Obendrein verursacht diese Energiepolitik enorme Kosten: "Sechs Milliarden Euro muss die Regierung irgendwo auftreiben. Am wahrscheinlichsten ist ein Anstieg der Schulden und Steuern."

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL | 18. Februar 2023 | 07:17 Uhr

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