Estland Impfkampagne mit Tücken

Ausgerechnet in Estland, das in der EU als digitaler Vorreiter gilt, gab es bei der digitalisierten Impfkampagne technische Pannen. Bei sommerlichen Temperaturen haben viele Esten das Gefühl, die Pandemie sei vorüber. Auch das lässt die Impfbereitschaft schwinden.

Impfzentrum in Estland in zweitgrößten Stadt des Landes, Tartu
Blick in ein Impfzentrum in Estlands zweitgrößter Stadt Tartu Bildrechte: imago images/Scanpix

Mit dem Slogan "Pane olg alla", auf Deutsch, "runter mit den Ärmeln", wird auf der Website des estnischen Gesundheitsamtes für die Corona-Schutzimpfung geworben. Jetzt seien die Esten nur wenige Klicks von ihrer Impfung und damit vom normalen Leben entfernt, heißt es weiter.

Wie viele andere staatliche Dienstleistungen, lässt sich natürlich auch der Impftermin im nördlichsten baltischen Staat online buchen, ebenso der gewünschte Impfstoff und der bevorzugte Impfort. Doch das kleine Land, das wegen seines starken Wirtschaftswachstums im Zuge des EU-Beitritts 2004 oft als "baltischer Tiger" bezeichnet wird, hat bei der Impfkampagne aufzuholen.

Astrazeneca vom Markt genommen

"Im europäischen Vergleich stehen wir nicht gut da", sagt Raimo Poom, Journalist bei der estnischen Tageszeitung "Eesti Päevaleht". Rund 44 Prozent hatten bis Mitte Juli eine Impfung erhalten, im Vergleich dazu waren es in Deutschland bis dato über 58 Prozent. Die Gründe für das langsamere Impftempo sind vielfältig. Zum einen wurde der Impfstoff von Astrazeneca im Zuge der Diskussion um Nebenwirkungen vom Markt genommen, seither werden nur noch drei Impfstoffe eingesetzt: Biontech/Pfizer, Moderna und Johnson & Johnson.

Technische Pannen bei Terminvergabe

Andererseits gab es Probleme mit der digitalen Terminvergabe, sagt Journalist Poom. Und das passiert ausgerechnet Estland, das in der Europäischen Union wegen der konsequenten Digitalisierung von Wirtschaft und Verwaltung als digitaler Vorreiter gilt. Längst gibt es neben der elektronischen Staatsbürgerschaft auch eine volldigitale Patientenakte. Letztere sei auf Erleichterungen bei Facharztbesuchen ausgelegt, nicht aber auf eine Durchimpfung der gesamten Bevölkerung, sagt Poom. "Man kann ein digitales System haben, aber es gibt auf diesem Weg auch digitale Probleme", konstatiert der 39-Jährige. So gab es lange Wartezeiten auf dem Server oder die Impf-Website war zeitweise gar nicht aufrufbar.

Russische Minderheit besonders impfskeptisch

Die Impfbereitschaft der Esten geriet aber auch mit den sommerlichen Temperaturen ins Stocken, sagt Poom. "Viele meinen, es gibt jetzt Besseres zu tun, als sich impfen zu lassen." Unter ihnen seien auch viele Mitglieder der russischen Minderheit. Mehr als ein Viertel der 1,3 Millionen Einwohner des kleinsten baltischen Staates gehört zur russischen Minderheit im Land.

Ein Großteil von ihnen wohnt im Nordosten Estlands. Dort falle, sagt Journalist Poom, die Impfquote noch einmal niedriger aus, auch weil viele russische Desinformationen über das Coronavirus und die Impfstoffe kursieren. Die estnische Regierung hat inzwischen auf größere Impfskepsis der russischen Minderheit reagiert. Auf der Website des nationalen Gesundheitsamtes klärt sie auf Russisch ausführlich über das Coronavirus und die Vakzine auf. Mit dem russischen Slogan "Podstavte Plecho" ("Zeig deinen Oberarm") versucht man die Menschen zu motivieren.

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 18. Juni 2021 | 21:45 Uhr

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