Interview | 21.04.2017 "Onlinegame" Der blaue Wal: "Gerade noch gerettet"

Das vermeintliche russische Online-Spiel "Blauer Wal" hat Jugendschützer aus mehreren EU-Ländern auf den Plan gerufen. Sie halten es für einen Hoax. Nicht so die russische Journalistin Galina Mursalijewa von der Zeitung "Nowaya Gazeta", die seit knapp einem Jahr dazu recherchiert.

Frau Mursalijewa, warum glauben Sie, dass es sich beim Spiel "Blauer Wal" sowie bei weiteren sogenannten "Todesgruppen" in sozialen Netzwerken um ein seriöses und gefährliches Phänomen handelt?

Heute gibt es deutlich mehr Fakten als im Mai 2016, als wir die erste Geschichte dazu in der "Nowaya Gazeta" veröffentlicht haben. Grundsätzlich kann man jeden Psychologen fragen, der mit einem von diesen Gruppen betroffenem Kind arbeitet. Die meisten Kinder befinden sich in einem katastrophalen Zustand, manche werden sogar zur Sonderbehandlung in die Psychiatrie geschickt.

Die Kinder haben Angst und denken, dass Suizid der einzige Ausweg ist. Ich möchte unterstreichen, dass es sich hier um Personen handelt, die bereits dieses Spiel gespielt haben. Dank unserer und vieler anderer Veröffentlichungen achten die Eltern nun jedoch viel mehr auf Signale, die ihre Kinder aussenden. Außerdem wurden nach unserem Artikel, diese "Todesgruppen" im sozialen Netzwerk VKontakte massenhaft blockiert. Stattdessen steht dort der Link auf die Webseite der Stiftung "Dein Territorium", deren Psychologen online zur Verfügung stehen – und sie sprechen von einer riesigen Nachfrage.

Was sagen denn diese Psychologen konkret?

Wir haben mit ihnen ein Interview in unserer Zeitung veröffentlicht. Sie sagen, es gebe gleich mehrere Gruppen, die aktiv sind. Und sie berichten über besorgte Freunde der Kinder, die erzählen, dass ihre Bekannten ins Spiel verwickelt sind und bereits suizidale Gedanken haben. Diese Freunde sind meist sehr aufgeregt und wissen nicht, an wen sie sich richten sollen – nicht jeder traut sich, all das den eigenen Eltern zu erzählen - aus Angst vor unvorhersehbaren Reaktionen. Die Stiftung und ihre Psychologen haben letztlich viele Leben gerettet. Schließlich ist es nicht leicht, mit Kindern zu arbeiten, die glauben, ausgewählt worden zu sein und deswegen ihr Leben mit einem Suizid beenden.

Welche anderen Beweise haben Sie für Ihre Behauptungen?

Ich glaube, der wichtigste Beweis ist die sehr große Zahl der Kinder, die gleich nach unserer ersten Veröffentlichung durch die Polizei oder durch Psychologen gerettet werden konnte. So sagte in St. Petersburg in diesen Tagen ein Mädchen über ihre Erfahrungen mit diesen Gruppen aus, sie sei auf der Zielgeraden des Spiels gerade noch gerettet worden. Es basiert also bei weitem nicht nur auf den Behauptungen der Eltern, wobei diese schon massiv sind. Denn wenn an einem Tag in verschiedenen Städten unterschiedliche Selbstmorde nach einem ähnlichen Ablauf stattfinden, müssen wir definitiv darauf achten.

Dennoch ist die Kritik an Ihnen ziemlich groß. Immer wieder wird gesagt, Ihre Geschichte sei ein Fake. Auch das russische Innenministerium erklärte, die Zahl der Kinder, die sich durch "Todesgruppen" im Internet das Leben nehmen, liegt bei nur rund einem Prozent.

Wir befinden uns gerade mitten in einer schweren Ermittlung. Die Äußerung des Innenministeriums würde ich dennoch kritisch sehen. Meiner Meinung nach ist es unmöglich, die Quote der Selbstmordgründe richtig einzuschätzen. In sehr vielen Fällen bleibt der eigentliche Grund unklar, die Autopsie sagt meistens so gut wie gar nichts aus. Deswegen wäre ich vorsichtig mit solchen Einschätzungen. Doch auch wenn es sich nur um ein Prozent handelt, wobei ich das ausdrücklich nicht glaube, müssen wir die Entwicklung ernst nehmen.

Trotzdem werden Ihre Texte zum Thema, sowie Ihr Buch nicht nur in Russland, sondern auch im Ausland kritisiert. Wie erklären Sie sich das?

Wir alle möchten in einer perfekten Welt leben. Doch das können wir nicht, deswegen wollen viele die traurige Realität irgendwie ausschalten. Ich glaube, diese Ablehnung führt zu nichts. Das Problem existiert und es ist sehr ernst zu nehmen - nicht nur in Russland.


Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: MDR Aktuell | 30.06.2017 | 17:45 Uhr

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