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MinderheitenKosovoalbaner in Serbien: "Wir sprechen nicht über Politik, das überlassen wir den Medien"

25. Juni 2024, 17:54 Uhr

Wenn es um Kosovo und Serbien geht, sind die Schlagzeilen bestimmt von den Streitigkeiten zwischen den zwei unversöhnlichen ehemaligen Kriegsgegnern. Aus der Zeit vor dem Krieg gibt es aber noch viele Beziehungen und Abhängigkeiten, die eine Art parallele Normalität im täglichen Leben der Bürger zustande kommen lässt.

Am Bussteig Nummer vier am Busbahnhof der kosovarischen Hauptstadt Pristina, hört man ungewöhnliche Töne: Der Busfahrer begrüßt die Fahrgäste mit einem freundlichen "Miredita" auf Albanisch – und dann auch noch mit einem "Dober dan" auf Serbisch, zu Deutsch: "Guten Tag". Überhaupt ist hier viel Serbisch zu hören – denn hier fährt zweimal am Tag der Bus nach Belgrad ab: Rund sechs Stunden Fahrzeit für 15 Euro.

Der rege Reiseverkehr zwischen den beiden Hauptstädten Pristina und Belgrad ist Ausdruck einer Normalität, die trotz der immer wieder aufflammenden Auseinandersetzungen zwischen Albanern und Serben existiert: Als letzten September eine schwer bewaffnete Gruppe aus Serbien Polizisten im Nordkosovo angegriffen hat, herrschten kurz kriegsähnliche Zustände. Ein kosovarischer Polizist und drei serbische Angreifer kamen dabei ums Leben. Denn auch Jahre nach Kosovos Unabhängigkeit 2008 und dem vorangegangenen Krieg ist der politische Konflikt nicht gelöst.

Grenzübergang zwischen Kosovo und Serbien Bildrechte: IMAGO / VXimages.com

Keine normale Grenze

Dieser fragile Zustand ist auch auf der Busfahrt zu bemerken: Wenn man sich nach einer Stunde Fahrzeit dem Grenzübergang nähert, nimmt die Anspannung im Bus zu, denn die Grenze zwischen Kosovo und Serbien ist keine normale Grenze. Offiziell heißt sie administrative Verwaltungslinie. Als in jüngster Zeit die Spannungen zwischen Serbien und dem Kosovo wieder hochkochten, war hier am Grenzort Merdare der Übergang blockiert und auf serbischer Seite brachte sich die Armee in Stellung.

Im Kosovo ist dagegen die Nato-Schutztruppe KFOR aktiv. Ihre Mitglieder werden schon mehrere hundert Meter vor der Grenze mit großen Schildern gewarnt, die Grenze nicht zu überqueren. Die KFOR und auch die UNMIK, die UN Interimsverwaltungsmission der Vereinten Nationen würden ihren Zuständigkeitsbereich Kosovo verlassen, wenn sie nach Serbien weiterfahren würden.

US-Soldaten der KFOR-Truppe an der Grenze zwischen dem Kosovo und Serbien Bildrechte: IMAGO/SNA

Zivilistinnen und Zivilisten dürfen hingegen passieren: Im Bus sitzt Miliana Lasku Canaj, die ihre Tochter in Belgrad besuchen will. Sie ist Albanerin und kommt aus Prizren im Süden Kosovos, und fährt oft mit diesem Bus: "Es ist alles viel einfacher geworden, seit 2022 Serbien und Kosovo gegenseitig ihre Reisedokumente anerkennen", sagt Miliana "vorher mussten wir uns bei der Einreise nach Serbien an der Grenze immer Interimsdokumente ausstellen lassen".

Erst in jüngster Zeit ist es durch EU-Vermittlung gelungen, die beiden Staaten dazu zu bewegen, die Reisedokumente und Autokennzeichen des jeweils anderen anzuerkennen. "Mit den Ausweisen hat es begonnen, das konnte Serbien leichter akzeptieren, weil man die nicht sieht nach dem Grenzübertritt. Schwieriger war die Anerkennung der Autokennzeichen, die ja mit dem Kürzel RKS (Republik Kosovo) offensichtlich aus einem Land kommen, das der Staat Serbien nicht anerkennt", sagt Miliana.

Der Bus fährt dann nicht die schnellste Route via Autobahn nach Belgrad, sondern folgt einer kurvigen Landstraße, um noch in einigen Orten Passagiere zusteigen zu lassen. So dauert die Fahrt nach Belgrad ganze sechs Stunden. Gründe für die Fahrt gibt es viele: Ethnische Albaner wie Serben fahren von Kosovo nach Serbien zu Verwandten oder um Festivals zu besuchen. Aber auch, um sich medizinisch behandeln zu lassen, denn im Kosovo sind nicht alle medizinischen Fachbereiche verfügbar und aus vergangener Zeit sind viele Kosovaren immer noch überzeugt davon, dass die Ärzte in Serbien einfach besser sind.

Eine winzige Minderheit in Belgrad

Im Vergleich zu Pristina ist Belgrad eine Metropole. Die serbische Hauptstadt hat 1,2 Millionen Einwohner, während in Pristina gerade einmal 250.000 Menschen leben. Ein prominentes Gebäude in der Belgrader Innenstadt heißt ausgerechnet "Palast Albanija". Das Haus wurde 1939 erbaut und war damals mit seinen 13 Stockwerken das höchste Hochhaus Südosteuropas. Den Namen hat das Gebäude aber nicht wegen der vielen Albaner dort, sondern von einem Gasthaus, das dort vorher stand.

Der "Palast Albanija" wurde 1939 erbaut und galt bei seiner Fertigstellung als das höchste Hochhaus Südosteurpas Bildrechte: IMAGO / allOver

Laut der letzten Volkszählung vor mehr als zehn Jahren leben in Belgrad heute rund 2.000 Menschen, deren Nationalität als "Albanisch" angegeben wird. Milianas Tochter Bojana ist eine davon. Gemeinsam mit ihrem Mann Asaf lebt sie seit sieben Jahren hier. Zuvor waren sie oft nach Belgrad gereist, weil ihre Tochter nach der Geburt immer wieder medizinische Hilfe brauchte. Dadurch merkten sie, dass das Leben für sie in Belgrad ganz normal ist und sie auch unter den Serben Freunde finden konnten. Dann bekam Asaf einen Job in einer Autowerkstatt angeboten und sie entschieden sich, hier zu bleiben. "Seither habe ich nie Probleme mit den Serben gehabt." sagt Bojana Lasku Lekaj. Aber: "Wir sprechen nicht über Politik, das überlassen wir den Medien." Auch sie hatte vor der Geburt ihres zweiten Kindes einen Job, arbeitete als Dekorateurin. Mittlerweile hat ihr Mann die Autowerkstatt übernommen, und so planen sie, weiterhin in Belgrad zu bleiben. 

Der Journalist Idro Seferi lebt inzwischen seit 17 Jahren in Belgrad – und kennt die kleine albanische Minderheit, zu der er als Kosovo-Albaner selbst gehört gut: Seiner Beobachtung nach arbeiten sehr viele Albaner in Bäckereien oder Konditoreien, in verschiedenen Kunsthandwerksläden und in den albanischen Restaurants, von denen in letzter Zeit immer mehr aufmachen. Und: "Heute gibt es auch gut integrierte Menschen mit höherer Bildung wie Mediziner, Journalisten, oder Künstler", so Seferi.

Ein gelunges Beispiel für Integration ist in Seferis Augen die Skadarlija-Straße, die auf albanisch "Rruga e Shkodres" heißt. Die ist bei den Albanern in Belgrad beliebt, weil in den Kneipen und Restauraunts hier serbische Musiker immer wieder auch albanische Evergreens wie "Vaj, vaj,vaj gishtat me kajmak" und "Shota" – zwei albanische Liebeslieder – singen. "Das sind die berühmtesten albanischen Songs in Serbien", sagt Seferi.

Bloß keine Politik!

Dass in Belgrad dennoch nicht alles eitel Sonnenschein ist, zeigt ein Vorfall aus dem April 2019. Da blockierte eine Gruppe aus etwa 100 Serben in Borça, einem Stadtteil von Belgrad, eine albanische Bäckerei. Sie hatten eine riesige serbische Flagge dabei, skandierten "Stoppt die albanische Produktion in Serbien" und "Der Ofen der Albaner in Borça wurde gerade aufgrund der Propaganda Großalbaniens blockiert" - und verklebten das Schaufenster mit Landkarten, die Kosovo als Teil Serbiens zeigten. Für Idro Seferi war das allerdings ein Einzelfall: "Normalerweise leben die Serben und Albaner hier in Belgrad normal und friedlich miteinander". Das klappt aber nur, solange die Politik außen vor bleibt.

In der Metropole Belgrad leben insgesamt 1,2 Millionen Menschen Bildrechte: picture alliance/dpa | Silas Stein

Auch der Grenzverkehr funktioniert zum überwiegenden Teil gut. Dennoch sollte man einen Blick auf die politische Situation werfen, bevor man sich auf den Weg zur Grenze macht, denn die Emotionen zwischen Serbien und Kosovo schaukeln sich immer wieder mal an einer Kleinigkeit hoch. Es braucht wohl noch einiges an politischem Dialog, um die Streitpunkte auszuräumen, damit die Busreise von Pristina nach Belgrad eine Fahrt wie jede andere sein kann.

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Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL | Heute im Osten | 15. Juni 2024 | 11:24 Uhr