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Ukrainische Flüchtlinge, die über den rumänischen Grenzübergang in Siret eingereist sind. Bildrechte: IMAGO/ZUMA Wire

Ukraine-KriegWarum ukrainische Flüchtlinge in Rumänien so gefragt sind

von Annett Müller-Heinze

Stand: 23. April 2022, 15:10 Uhr

Rumänien hat in den vergangenen Jahren vor allem Auswanderung statt Einwanderung erlebt. Die Folge: Ein landesweiter Arbeitskräftemangel. Durch den Krieg in der Ukraine halten sich nun zehntausende ukrainische Geflüchtete im Land auf. Viele Firmen würden sie gerne einstellen – doch stoßen sie dabei auf zahlreiche Probleme.

Ihr neues rumänisches Zuhause ist ein Hotelzimmer mit Wasserkocher, Flachbildschirm und Kühlschrank. Nadiya Samko teilt es sich seit kurzem mit ihrem 17-jährigen Sohn, den sie "um alles in der Welt in Sicherheit bringen wollte." Ihre westukrainische Heimatstadt Stryi ist bislang von Militärangriffen verschont geblieben, doch als ihr befreundete Familien am Telefon erzählten, wie sie sich in Kiew und Charkiw tagelang vor den Luftangriffen in Kellern verstecken mussten, dachte die 43-jährige Ukrainerin umgehend an Flucht: "Ich hatte enorme Angst, dass wir in eine Situation geraten, aus der es keinen Ausweg gibt."

Nadiya Samko und ihr Sohn Artem in ihrem Hotelzimmer. Laptop und Handy sind gerade ihre wichtigsten Utensilien. Bildrechte: MDR/Annett Müller-Heinze

Produktionsausfall in Ukraine lässt Bänder in Sachsen still stehen

Die Flucht Anfang März war für die Samkos keine Reise ins Ungewisse, sondern eine zwölfstündige Busfahrt ins rumänische Bistritz – organisiert von Nadiyas Arbeitgeber, dem deutschen Autozulieferer Leoni. Der weltweit agierende Konzern lässt auch im benachbarten Rumänien Kabelbäume und Bordsysteme für deutsche Autohersteller produzieren. Die Branche boomt seit Jahren, die Produktion lief Tag und Nacht – bis das Nürnberger Unternehmen kurzzeitig beide Werke in der Westukraine schließen musste, als Putins Krieg begann. Wegen des Produktionsausfalls standen wenig später auch die Bänder bei VW, BMW und Porsche still. An den Standorten in Zwickau, Dresden und Leipzig wurden die Beschäftigten für mehrere Wochen in Kurzarbeit geschickt, weil die Kabelbäume – das "Nervensystem" eines jeden Fahrzeugs – fehlten.

Die Autohersteller haben keine nennenswerten Lagerbestände, denn die Kabelbäume werden in der Regel "just in time" geliefert. Gefertigt werden sie vor allem von Frauen. Sie fädeln die Kabel, Stecker und Schläuche an einem Nagelbrett zusammen. Wegen der Handarbeit nennt man sie auch die "Teppichknüpfer der Autobranche". Allein in Osteuropa gibt es Tausender solcher Arbeitsplätze. Da sich die Arbeitsprozesse in den Werken ähneln, kann der Hersteller Leoni auf andere Standorte ausweichen. Ukrainischen Beschäftigten, die sich vor dem Krieg in Sicherheit bringen wollten, wurde ein Job im Nachbarland Rumänien angeboten, inklusive Hotel mit Vollpension.

Werk des Autozulieferers Leoni im rumänischen Bistritz Bildrechte: MDR/Annett Müller-Heinze

Arbeiten im Nachbarland, aber wie zuhause

Durch die Hotellobby in Bistritz rollen Hula-Hoop-Reifen, Kinder laufen aufgeregt hinterher. Man könnte an ein Ferienlager denken, würden in der Empfangshalle nicht Frauen mit ernsten Gesichtern sitzen, die gerade in die Ukraine telefonieren. "In der Lobby ist das Internet am stärksten", sagt Nadiya Samko über das rege Treiben. Die rund 90 ukrainischen Leoni-Mitarbeiter produzieren in Bistritz im Drei-Schicht-System – wie auch zuhause. Wer gerade nicht arbeiten muss, betreut im Hotel die Kinder der anderen mit. Über den Krieg spricht die große Flucht-Gemeinschaft nur wenig: "Das Thema ist für alle schwierig, weil wir immer anfangen zu weinen", sagt Samko.

Firmen klagen über stetigen Personalmangel

Chef der Industrie- und Handelskammer in Bistritz (Rumänien), Vasile Bar Bildrechte: MDR/Annett Müller-Heinze

Dass Leoni einen Teil seiner ukrainischen Produktion nach Rumänien verlegt hat, hält der Chef der Bistritzer Industrie- und Handelskammer (CCIR), Vasile Bar, für die richtige Entscheidung: "Die Firma will einfach keine weiteren Produktionsverluste für seine Kunden riskieren." Leoni ist mit rund 5.000 Beschäftigten der größte Arbeitgeber in der Stadt.

Wer Kabelbäume bei dem Unternehmen bindet, verdient monatlich rund 560 Euro brutto. Das ist der Mindestlohn in Rumänien. Mit Nacht-Schichten und Zusatzstunden lässt sich der Verdienst noch ein wenig aufbessern. Die Fluktuation im Werk ist angesichts des Billiglohnes groß: "Es ist ein ständiges Kommen und Gehen", erzählt ein Branchenkenner. Wie Leoni klagen auch alle anderen Firmen der Inustrieregion über stetigen Personalmangel. CCIR-Chef Vasile Bar sagt: "Wir könnten auf Kreisebene sofort 3.000 bis 4.000 Arbeitskräfte einstellen."

Geflüchtete wecken bei Arbeitgebern große Hoffnungen

Nach Schätzungen von Unternehmensverbänden soll es rumänienweit über eine halbe Million offene Stellen geben. Mitte März vereinfachte die liberal-sozialdemokratische Regierung die Jobvermittlung für die täglich eintreffenden Kriegsflüchtlinge: Sie müssen weder eine offizielle Arbeitserlaubnis vorlegen noch staatlich anerkannte Nachweise für Berufsbschlüsse. Über die eigene Qualifikation geben sie eine Selbsterklärung ab. Firmen werben seither auf Job-Plattformen, auf Facebook und bei der Nationalagentur für Arbeit mit hunderten Stellenangebote –  ob im Call-Center, bei Putzfirmen, in Restaurants oder Kosmetiksalons. In vielen Anzeigen heißt es, rumänische Sprachkenntnisse seien nicht nötig. Russisch oder Englisch würden ausreichen.

Stadtbus im rumänischen Bistritz, auf denen der Autozulieferer Leoni um mehr Personal wirbt Bildrechte: MDR/Annett Müller-Heinze

Die rumänische Presse schrieb dieser Tage, die ukrainischen Geflüchteten weckten riesige Hoffnungen angesichts des akuten Arbeitskräftemangels im Land. Große Engpässe gibt es beispielsweise in der Baubranche, im IT-Bereich und in der Transportbranche: "Das sind jedoch alles klassische Männerberufe. Die geflüchteten Frauen aus der Ukraine werden diese Personallücken nicht füllen können", sagt die Wirtschaftsexpertin Alina Botezat von der Rumänischen Akademie in Iasi.

Rumänien hat - ganz gleich in welcher Branche – in den vergangenen Jahrzehnten einen wahren Aderlass erlebt, es gehört in Europa zu den Auswanderungsländern. Rund vier Millionen Einwohner sind nach Westeuropa gezogen, wo sie deutlich besser bezahlt werden. Es gibt damit auch genügend offene Stellen für Frauen, beispielsweise  im Dienstleistungssektor, im Gesundheitssystem und im Bildungswesen. Doch auch hier wird eine Jobvermittlung nicht einfach sein, glaubt Botezat: "Für diese Berufe muss man zwingend die Sprache des Landes sprechen, die man nicht von heute auf morgen lernt." Hinzu wird für viele die Frage der Kinderbetreuung kommen, wenn sie einen Job annehmen wollen: "Schon jetzt sind für die einheimische Bevölkerung die Plätze in Schulen und Kindergärten knapp", sagt Botezat. "Es wird sehr interessant sein, wie die EU-Länder hier vorgehen wollen".

Viele Ukrainer bleiben erst gar nicht in Rumänien

Blick in die Produktion des Batterie-Herstellers Rombat in Bistritz (Rumänien) Bildrechte: Rombat

Auch in Bistritz werben dieser Tage die Firmen bei den ukrainischen Geflüchteten. In der gut entwickelten Industrieregion ist neben Autozulieferer Leoni auch der Batteriehersteller Rombat ansässig, der für Dacia-Renault und Ford produziert. In einem Facebook-Post heißt es, man wolle "in diesen schwierigen Zeiten" den Geflüchteten helfen, "die eine zeitlang in Rumänien bleiben müssen." Gesucht werden Frauen, die die Batterien mit einem Etikett versehen, rumänische Sprachkenntnisse wären für die Fließbandarbeit nicht nötig. Gefunden hat die Firma noch niemanden. Viele Kriegsflüchtlinge würden Rumänien nur als Transitland in westliche Staaten nutzen, "wo sie sich ein besseres Leben versprechen", sagt Rombat-Marketingchef George Chirita.

Regierungsangaben zufolge sind von den gut 714.000 jüngst eingereisten Ukrainern nur rund elf Prozent im Land geblieben. Der Bistritzer Handelskammer-Chef Vasile Bar steht im engen Kontakt mit den Firmen vor Ort. Es habe Vorstellungsgespräche gegeben, jedoch kaum Anstellungen, da nur der rumänische Mindestlohn von rund 3,10 Euro die Stunde angeboten wurde. Bar erzählt: "Den Bewerbern war das rumänische Gehalt zu niedrig, sie sagten: 'Ihr seid ja noch ärmer als wir.'"

Hoffen auf schnelle Rückkehr in die Ukraine

Nadiya Samko fühlt sich wohl an ihrem neuen rumänischen Arbeitsplatz: "Die Menschen hier sind so hilfsbereit und offen." Ihre Kollegen haben ihr eine Zimmerpflanze geschenkt, damit es in ihrem Hotelzimmer ein wenig wohnlicher wird. Wie lange sie in Bistritz bleiben will? "Bis zum Ende des Krieges", antwortet Samko. Sie habe in der rumänischen Stadt einen Job, ein Dach über den Kopf, warmes Wasser und warmes Essen: "Was braucht man mehr?" Und wenn sich der Krieg noch Monate oder Jahre hinziehen wird? Samko schaut ungläubig bei dieser Frage. Sie betet jeden Abend für ein schnelles Kriegsende – möglichst gleich morgen.

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Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL RADIO | 30. April 2022 | 07:27 Uhr